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BOTSCHAFT VON BENEDIKT XVI.
AN MSGR. JULIÁN BARRIO BARRIO,
ERZBISCHOF VON SANTIAGO DE COMPOSTELA (SPANIEN)
ANLÄSSLICH DER ERÖFFNUNG
DES HL. COMPOSTELANISCHEN JAHRES 2010

 

An Seine Exzellenz Julián Barrio Barrio
Erzbischof von Santiago de Compostela

1. Anläßlich der Öffnung der Heiligen Pforte, mit der das Heilige Compostelanische Jahr 2010 beginnt, sende ich Eurer Exzellenz sowie den Teilnehmern an dieser bedeutsamen Feier einen herzlichen Gruß. Er gilt auch den Hirten und Gläubigen dieser Teilkirche, die durch ihre in die Anfangszeit zurückreichende Verbindung mit dem Apostel Jakobus im Evangelium Christi verwurzelt ist und diesen geistlichen Schatz ihren Kindern sowie den Pilgern aus Galizien, aus anderen Teilen Spaniens, aus Europa und aus den entferntesten Teilen der Welt darreicht.

Mit diesem feierlichen Akt beginnt eine besondere Zeit der Gnade und der Vergebung, der »Gran Perdonanza«, wie es in der Überlieferung heißt. Sie gibt den Gläubigen eine besondere Gelegenheit, über ihre wahre Berufung zur Heiligkeit des Lebens nachzudenken, das Wort Gottes, das ihnen Erleuchtung und Ansporn gibt, in sich aufzunehmen, und Christus zu erkennen, der ihnen entgegengeht, sie in den Wechselfällen ihres irdischen Weges begleitet und sich ihnen vor allem in der Eucharistie persönlich schenkt. Aber auch jene, die keinen Glauben haben oder ihn vielleicht haben verdorren lassen, werden eine einzigartige Gelegenheit haben, das Geschenk dessen zu empfangen, »der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe« (Lumen gentium, 16).

2. Santiago de Compostela ist von alters her berühmt als Ziel von Pilgern, unter deren Spuren ein Weg entstanden ist, der den Namen des Apostels trägt, zu dessen Grab sich besonders Menschen aus den verschiedensten Regionen Europas begeben, um ihren Glauben zu erneuern und zu festigen. Der Jakobsweg ist übersät mit unzähligen Zeichen des Eifers, der Buße, der Gastfreundschaft, der Kunst und der Kultur und berichtet uns beredt von den geistlichen Wurzeln des Alten Kontinents.

Das Motto dieses neuen Heiligen Compostelanischen Jahres – »Pilgern zum Licht« – sowie der Hirtenbrief zu diesem Anlaß – »Pilger des Glaubens und Zeugen des auferstandenen Christus« – folgen treu dieser Überlieferung und schlagen sie den Männern und Frauen von heute erneut vor, als Aufruf zur Evangelisierung, indem sie an den wesensmäßig pilgernden Charakter der Kirche und des Christseins in dieser Welt erinnern (vgl. Lumen gentium, 6;48–50). Auf dem Jakobsweg betrachtet der Mensch neue Horizonte, die ihn nachdenken lassen über die Enge des eigenen Lebens und die immense Weite im Menschen und außerhalb von ihm. So ist er bereit, sich auf die Suche zu machen nach dem, was sein Herz wirklich ersehnt. Offen für das Staunen und die Transzendenz läßt sich der Pilger vom Wort Gottes belehren, und auf diese Weise befreit er seinen Glauben von unbegründeten Fesseln und Ängsten. Ebenso handelte der auferstandene Herr an den Jüngern, die bestürzt und mutlos auf dem Weg nach Emmaus waren. Als zum Wort die Geste des Brotbrechens hinzukam, »gingen ihnen die Augen auf« (Lk 24,31), und sie erkannten denjenigen, von dem sie geglaubt hatten, daß er vom Tod verschlungen sei.

Sie sind also Christus persönlich begegnet: Er lebt für immer und ist Teil ihres Lebens. In jenem Augenblick ist es ihr erster und brennender Wunsch, das Geschehene den anderen zu verkünden und zu bezeugen (vgl. Lk 24,35).

Ich bitte den Herrn inständig, daß er die Pilger begleiten möge, daß er sich ihnen zu erkennen geben und in ihren Herzen Einlaß finden möge, »damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Joh 10,10). Das ist das wahre Ziel, die Gnade, die durch das rein physische Beschreiten des Jakobsweges allein nicht erlangt werden kann: Sie bringt den Pilger dazu, anderen zu bezeugen, daß Christus lebt und unsere unvergängliche Heilshoffnung ist. In dieser Erzdiözese wurden in Zusammenarbeit mit vielen anderen kirchlichen Organisationen zahlreiche pastorale Initiativen in Gang gesetzt, die dazu beitragen sollen, dieses grundlegende Ziel des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela zu erreichen. Er hat geistlichen Charakter, auch wenn man in einigen Fällen dazu neigt, diesen zu übersehen oder zu verfälschen.

3. In diesem Heiligen Jahr, das mit dem Priester-Jahr zusammenfällt, kommt eine entscheidende Rolle den Priestern zu, die den Gläubigen und Pilgern mit einem besonders großherzigen Geist der Annahme und der Hingabe begegnen müssen. Auch sie sind Pilger, und sie sind berufen, ihren Brüdern zu dienen, indem sie ihnen das Leben Gottes anbieten, als Männer des Wortes Gottes und des Heiligen (vgl. Videobotschaft anläßlich der internationalen Priesterexerzitien in Ars, 28. September 2009). Ich ermutige daher die Priester dieser Erzdiözese und jene, die sich ihnen im Rahmen dieses Jubiläums anschließen, ebenso wie die Priester der Diözesen, durch die der Jakobsweg führt, sich eifrig der Spendung der Sakramente der Buße und der Eucharistie zu widmen, denn die Vergebung und die Begegnung mit dem auferstandenen Christus ist das, was im Heiligen Jahr am meisten gesucht und geschätzt wird und was es am stärksten auszeichnet.

4. Bei diesem Anlaß bringe ich den Pilgern, die in Santiago ankommen und noch ankommen werden, meine besondere Nähe zum Ausdruck. Ich lade sie ein, die eindrucksvollen Erfahrungen des Glaubens, der Liebe und der Brüderlichkeit, die sie auf ihrem Weg machen, reich auszuschöpfen, den Jakobsweg vor allem innerlich zu leben und sich ansprechen zu lassen vom Ruf, den der Herr an jeden von ihnen richtet. So werden sie im »Pórtico de la Gloria« mit Freude und Nachdruck sagen können: »Ich glaube«. Ich bitte sie auch, in ihrem beständigen Gebet jene nicht zu vergessen, die sie nicht begleiten konnten, ihre Familien und Freunde, die Kranken und Notleidenden, die Emigranten, die Personen, die schwach sind im Glauben, und auch das Gottesvolk mit seinen Hirten.

5. Ich danke der Erzdiözese Santiago sowie den Obrigkeiten und den anderen Mitarbeitern sehr herzlich für ihre Bemühungen bei der Vorbereitung dieses Compostelanischen Jubiläums, ebenso wie den freiwilligen Helfern und allen, die bereit sind, zu seinem guten Gelingen beizutragen. Indem ich die geistlichen und pastoralen Früchte dieses Heiligen Jahres unserer himmlischen Mutter, der pilgernden Jungfrau, sowie dem heiligen Apostel Jakobus, dem »Freund des Herrn«, anvertraue, erteile ich allen von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 19. Dezember 2009

BENEDIKT PP. XVI.

 



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