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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN HERRN EINARS SEMANIS,
NEUER BOTSCHAFTER DER REPUBLIK LETTLAND
BEIM HL. STUHL

Donnerstag, 17. Dezember 2009

 

Herr Botschafter!

Während ich Sie im Vatikan willkommen heiße und das Beglaubigungsschreiben entgegennehme, mit dem Sie zum außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter der Republik Lettland beim Heiligen Stuhl bestellt werden, bringe ich Ihnen gern meine Genugtuung über die herzlichen Beziehungen zum Ausdruck, die wir weiter pflegen wollen. Ich bin Eurer Exzellenz dankbar für die Überbringung der liebenswürdigen Grüße Ihres Präsidenten, Herrn Valdis Zatlers, und möchte Sie freundlich bitten, sie zu erwidern und ihm und dem ganzen Volk der Republik meinerseits gute Wünsche zu übermitteln.

Aufgrund seiner einzigartigen Lage an der Küste der Ostsee hat Lettland eine wichtige Rolle in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Europas gespielt. Dieser Einfluß hat sich selbst dann nicht vermindert, als seine Menschen für lange und schwere Zeiten des Status einer souveränen Nation beraubt worden waren.

Da nun seine nationale Identität nicht mehr angezweifelt wird und seine Menschen sich wieder ihrer Freiheit erfreuen, kann Lettland der internationalen Gemeinschaft viel bieten. Sie, Herr Botschafter, erwähnten den 20. Jahrestag der Entstehung des »Baltischen Weges«, mit dem Lettland, Litauen und Estland den Wunsch zur vollen Rückkehr nach Europa zum Ausdruck brachten. Dieses historische Zeichen war ein Akt des Vertrauens in die wesentlichen Werte der Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die auf der Grundlage einer christlichen Tradition und Weltanschauung die europäische Kultur aufgebaut und ihre wichtigsten Einrichtungen geprägt haben. Nachdem Lettland im Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Gemeinschaft geworden ist, muß sich das Land jetzt auch an der Aufgabe des Kontinents beteiligen, Mittel und Wege für eine bessere internationale Zusammenarbeit zu finden, um die Freiheit, den Frieden und das Wohlergehen seiner Bevölkerungen zu festigen.

Herr Botschafter, Sie haben auch die wichtigen Ereignisse und die Früchte der christlichen Geschichte Ihres Landes hervorgehoben, das von Papst Innozenz III. im Jahr 1205 zur »Terra Mariana« erklärt worden war. Ich bete darum, daß sich Lettland von einer so liebevollen und beeindruckenden Bezeichnung inspirieren lassen und den Prinzipien und Werten treu bleiben möge, die die ersten christlichen Zeugen Ihrem Land brachten, zu denen der hl. Meinhard und die anderen weisen und eifrigen Bischöfe gehörten, die Ihre Nation evangelisiert haben.

Die Christen aller Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in Lettland sind aufgerufen, zum politischen und kulturellen Leben der Nation ihren Beitrag zu leisten sowie für die sichtbare Einheit des mystischen Leibes Christi zu arbeiten. Mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. unterstützte bei seinem historischen Besuch in Ihrem Land im Jahr 1993 das Streben nach größerer christlicher Einheit als Stützpfeiler für die nationale Einheit und als eine Priorität für die Erneuerung (vgl. Ansprache im Marienheiligtum von Aglona, 9. September 1993). Es ist sehr zu hoffen, daß eine solche Erneuerung zum Wohl der Nation als ganzer bald stattfindet.

Die Letten, die dafür bekannt sind, daß sie ihr Land lieben und sorgfältig darauf bedacht sind, es vor Umweltzerstörung zu schützen, beziehen Anregungen dazu auch aus ihrem eigenen Volkstum und ihrer Kultur als einer soliden Grundlage für ihre Sorge um das Land in all seinen Aspekten. Durch die Umsetzung ihrer Erfindungsgabe und durch die Pflege der Anlagen, die Gott ihnen geschenkt hat, durch das Hochhalten der menschlichen Würde und die Achtung des menschlichen Lebens sowie durch die Förderung der Berufung des Menschen zum Aufbau eines für die geistlichen und transzendenten Werte offenen Humanismus (vgl. Caritas in veritate, 18) wird Lettland sicherlich ein Entwicklungsmodell werden, das die Würde der menschlichen Person schützt, während es zugleich für die Anforderungen einer nachhaltigen Wirtschaft empfänglich ist.

Der jüngste weltweite Wirtschaftsabschwung hatte ernste Auswirkungen auf die Wirtschaft der Nation, löste in manchen Bereichen Armut und Arbeitslosigkeit aus und hinterließ größte Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, daß die Letten Mut schöpfen, wenn sie und ihre Obrigkeiten nach wirksamen Wegen zur Bewältigung dieser Krise und zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen Stärke Lettlands suchen. Solche Zeiten erfordern Mut und Entschlossenheit. Ihre Landsleute, Herr Botschafter, sind sich dessen bewußt, daß manche radikalen Maßnahmen notwendig sein werden, um – freilich um den Preis von Einschränkungen, Verzicht und Opfer – das Gemeinwohl aufrechtzuerhalten. Andererseits kann ein solches Bemühen nur gelingen – und sozial akzeptabel sein –, wenn es in einem Geist echter Gerechtigkeit und Gleichheit und mit besonderer Beachtung derjenigen verwirklicht wird, die am verwundbarsten sind. Ich bete darum, daß der vorwärtsblickende Geist des lettischen Volkes sie weiterhin unterstützen möge.

Schließlich, Exzellenz, vertraue ich darauf, daß die vor 16 Jahren nach einem langen, von keiner der beiden Seiten gewünschten Abbruch wieder hergestellten herzlichen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Lettland helfen werden, die Brüderlichkeit, die gegenseitige Achtung und den Dialog zu fördern. Während ich Ihnen meine guten Wünsche zum Antritt Ihrer Mission als Botschafter beim Heiligen Stuhl ausspreche, versichere ich Sie der Bereitschaft der Römischen Kurie, Ihnen bei Ihrer wichtigen Aufgabe behilflich zu sein. Der allmächtige Gott lasse Ihnen und dem ganzen Volk Lettlands seinen reichen Segen zuteil werden.

 

© Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana

     



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