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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE DELEGATIONEN AUS ARGENTINIEN UND CHILE
ANLÄSSLICH DES 25. JAHRESTAGES DES
FRIEDENS- UND FREUNDSCHAFTSVERTRAGES*

Samstag, 28. November 2009


Sehr geehrte Präsidentinnen
von Argentinien und Chile,
meine Herren Kardinäle,
liebe Brüder im Bischofsamt,
verehrte Herren Botschafter,
liebe Freunde!

1. Mit großer Freude empfange ich Sie und heiße Sie anläßlich des 25. Jahrestages des Friedens- und Freundschaftsvertrags, der die Auseinandersetzung über Gebietsansprüche im Süden beendete, die Ihre beiden Länder über lange Zeit ausgetragen hatten, hier am Stuhl Petri willkommen. Es ist in der Tat ein angemessenes und freudiges Gedenken an jene intensiven Verhandlungen, die durch päpstliche Vermittlung mit einer würdigen, vernünftigen und gerechten Lösung zum Abschluß kamen, wodurch ein drohender bewaffneter Konflikt zwischen den beiden Brudervölkern gerade noch verhindert werden konnte.

2. Der Friedens- und Freundschaftsvertrag und die Vermittlung, die ihn ermöglicht hat, ist untrennbar mit der geliebten Person Papst Johannes Pauls II. verbunden, der von herzlichen Gefühlen für jene geliebten Nationen bewegt und im Einklang mit seiner unermüdlichen Arbeit als Bote und Baumeister des Friedens nicht zögerte, die heikle und entscheidende Aufgabe eines Vermittlers in jenem Streit zu übernehmen. Mit der unschätzbaren Hilfe von Kardinal Antonio Samorè verfolgte er persönlich sämtliche Wechselfälle jener langen und komplizierten Verhandlungen bis hin zur Formulierung des Vorentwurfs, der zur Unterschrift des Vertrags in Anwesenheit der Delegationen beider Länder und des damaligen Staatssekretärs Seiner Heiligkeit und Präfekt des Rates für die Öffentlichen Angelegenheiten der Kirche, Kardinal Agostino Casaroli, führte.

Die päpstliche Intervention war auch eine Antwort auf eine ausdrückliche Bitte der Bischöfe Chiles und Argentiniens, die in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl ihre entschlossene Mitarbeit für den Abschluß dieses Abkommens anboten. Dankbar sein muß man außerdem für die Bemühungen all jener Personen, die in den Regierungen und in den diplomatischen Delegationen beider Länder ihren positiven Beitrag dazu leisteten, jenen Weg der friedlichen Lösung voranzutreiben, und die so die tiefe Friedenssehnsucht der argentinischen und der chilenischen Bevölkerung erfüllten.

3. Im Abstand von 25 Jahren können wir mit Genugtuung feststellen, daß dieses historische Ereignis positiv dazu beigetragen hat, in beiden Ländern die Gefühle der Brüderlichkeit sowie auch eine entschlossenere Zusammenarbeit und Integration zu stärken, die in zahlreichen wirtschaftlichen Projekten, in Kulturaustauschprogrammen und wichtigen Infrastrukturmaßnahmen konkrete Gestalt erhält und auf diese Weise Vorurteile, Verdächtigungen und Vorbehalte aus der Vergangenheit überwindet. Chile und Argentinien sind ja in Wirklichkeit nicht nur zwei benachbarte Nationen, sondern viel mehr: Sie sind zwei Brudervölker mit einer gemeinsamen Berufung zur Brüderlichkeit, zu gegenseitiger Achtung und Freundschaft, die hauptsächlich Frucht der katholischen Tradition ist, die ihrer Geschichte und ihrem reichen kulturellen und geistlichen Erbe zugrunde liegt.

Dieses Ereignis, dessen wir heute gedenken, ist bereits Teil der großen Geschichte zweier edler Nationen, aber auch ganz Lateinamerikas. Der Friedens- und Freundschaftsvertrag ist ein leuchtendes Beispiel der Kraft des menschlichen Geistes und des Friedenswillens gegenüber der Barbarei und Sinnlosigkeit der Gewalt und des Krieges als Mittel zur Lösung von Streitigkeiten. Wieder einmal muß man an die Worte denken, die mein Vorgänger, Papst Pius XII., in einem besonders schwierigen Augenblick der Geschichte gesprochen hat: »Nichts ist verloren durch den Frieden, alles kann verloren werden durch den Krieg« (Radiobotschaft, 24. August 1939).

Es ist daher in jedem Augenblick notwendig, mit festem Willen und bis zur äußersten Konsequenz beharrlich weiter zu versuchen, die Streitfragen mit echter Dialog- und Einigungsbereitschaft durch geduldige Verhandlungen und notwendige Kompromisse zu lösen und dabei immer den gerechten Forderungen und legitimen Interessen aller Rechnung zu tragen.

4. Damit das Anliegen des Friedens in die Köpfe und Herzen aller Menschen – und insbesondere derjenigen, die von den höchsten Behörden der Nationen zum Dienst an ihren Mitbürgern berufen werden – gelangen kann, muß es sich auf feste moralische Überzeugungen stützen, in der Gelassenheit der Herzen, die mitunter angespannt und gespalten sind, und in der ständigen Suche nach dem Gemeinwohl auf nationaler, regionaler und Weltebene. Die Schaffung des Friedens verlangt in der Tat die Förderung einer glaubwürdigen Kultur des Lebens, die die Würde des Menschen voll achtet, verbunden mit der Stärkung der Familie als Grundzelle der Gesellschaft. Sie erfordert auch den Kampf gegen Armut und Korruption, den Zugang zu einer höheren Bildung für alle, ein solidarisches Wirtschaftswachstum, die Festigung der Demokratie und die Beseitigung der Gewalt und Ausbeutung, vor allem gegen Frauen und Kinder.

5. Die katholische Kirche, die auf Erden die Sendung Christi fortsetzt, der durch seinen Tod am Kreuz der Welt den Frieden gebracht hat (vgl. Eph 2,14–17), hört nicht auf, allen seine Botschaft des Heils und der Versöhnung zu verkünden. Indem sie ihre Anstrengungen mit jenen aller Menschen guten Willens vereint, setzt sie sich engagiert dafür ein, die Bestrebungen der ganzen Menschheit nach Frieden und Eintracht zu verwirklichen.

Sehr verehrte Präsidentinnen, liebe Freunde, während ich euch noch einmal für euren bedeutsamen Besuch danke, richte ich meinen Blick auf den Christus der Anden, auf dem Gipfel der Cordigliera [Gebirgskette der Anden]. Ich bitte ihn, daß er als bleibende Gabe seiner Gnade den Frieden und die Freundschaft zwischen Argentiniern und Chilenen für immer besiegle, und erteile euch zugleich als Unterpfand meiner Zuneigung einen besonderen Apostolischen Segen.


*L'Osservatore Romano n. 50 p. 7.

 

© Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana



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