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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE DELEGATION DES BUNDES DER ITALIENISCHEN GENOSSENSCHAFTEN UND DES VERBANDES DER KREDITGENOSSENSCHAFTSBANKEN 

Sala Clementina
Samstag, 10. Dezember 2011

 

Ich freue mich, euch zu empfangen und begrüße einen jeden von euch, die ihr euch in Vertretung des Bundes der italienischen Genossenschaften sowie des italienischen Verbandes der Kreditgenossenschaftsbanken hier versammelt habt. Ich begrüße die jeweiligen Präsidenten, Luigi Marino und Alessandro Azzi, und danke für die Worte, die sie im Namen aller an mich gerichtet haben. Ebenso begrüße ich euren kirchlichen Assistenten, Msgr. Adriano Vincenzi, die Vorstandsmitglieder sowie alle Anwesenden. Die große Bedeutung der katholischen Genossenschaften in Italien ist bekannt. Sie sind infolge der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. entstanden, deren 120. Jahrestag der Veröffentlichung wir in diesem Jahr feiern. Sie haben die fruchtbare Anwesenheit der Katholiken in der italienischen Gesellschaft gefördert durch die Unterstützung von Genossenschaften und Versicherungsgesellschaften, die Entwicklung des sozialen Unternehmertums und vieler anderer öffentlicher Einrichtungen, die von Beteiligung und Selbstverwaltung bestimmt sind. Diese Arbeit war stets auf die materielle Unterstützung der Bevölkerung und die ständige Fürsorge für die Familie ausgerichtet und am Lehramt der Kirche orientiert.

Nicht nur Erfordernisse wirtschaftlicher Natur haben die Mitglieder dazu gebracht, sich in Verbänden genossenschaftlicher Art zu organisieren – oft mit einem entscheidenden Beitrag von seiten der Priester –, sondern auch der Wunsch, eine Erfahrung der Einheit und der Solidarität zu leben, die zur Überwindung wirtschaftlicher Unterschiede und sozialer Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen führen sollte. Gerade im Bemühen um eine harmonische Zusammensetzung der individuellen und der gemeinschaftlichen Dimension liegt der Schwerpunkt der genossenschaftlichen Erfahrung. Sie ist ein konkreter Ausdruck der Komplementarität und der Subsidiarität, die die Soziallehre der Kirche schon immer zwischen der Person und dem Staat gefördert hat; sie ist das Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Rechte des einzelnen und der Förderung des Gemeinwohls, im Bemühen um die Entwicklung einer lokalen Wirtschaft, die den kollektiven Ansprüchen immer besser gerecht wird. Ebenso zeichnet sie sich auch auf ethischer Ebene durch ein ausgeprägtes solidarisches Bewußtsein aus, wenngleich unter Achtung der rechtmäßigen Autonomie des einzelnen.

Dieses Bewußtsein ist wichtig, weil es den Stellenwert der Beziehungen zwischen den genossenschaftlichen Wirklichkeiten und dem Wirtschaftsraum fördert, für einen Aufschwung der Realwirtschaft, deren Triebkraft die wahre Entwicklung der menschlichen Person ist und die positive Ergebnisse mit einem ethisch stets korrekten Handeln zu verbinden versteht. Denn wir dürfen nicht vergessen, wie ich in der Enzyklika Caritas in veritate gesagt habe, daß auch im Bereich der Wirtschaft und der Finanz gilt: »Redliche Absicht, Transparenz und die Suche nach guten Ergebnissen sind miteinander vereinbar und dürfen nie voneinander gelöst werden. Wenn die Liebe klug ist, kann sie auch die Mittel finden, um gemäß einer weitblickenden und gerechten Wirtschaftlichkeit zu handeln, wie viele Erfahrungen auf dem Gebiet der Kreditgenossenschaften deutlich unterstreichen« (Nr. 65).

Eure verdienstvollen Einrichtungen gehören seit langer Zeit zum italienischen Sozialgefüge. Sie sind noch immer vollkommen zeitgemäß; sie tragen Ideale in sich, die dem Evangelium entsprechen, und eine Lebenskraft, die sie in die Lage versetzt, auch heute noch einen wertvollen Beitrag zur ganzen Gemeinschaft zu leisten, sowohl unter einem sozialem Gesichtspunkt als auch im Bereich der Evangelisierung. In einer Zeit großer Veränderungen, anhaltender wirtschaftlicher Instabilität und Schwierigkeiten in der Arbeitswelt spürt die Kirche, daß sie die Botschaft Christi mit neuem Nachdruck verkündigen muß, mit der Kraft der Humanisierung und der starken Hoffnung für die Zukunft, die sie enthält. Und ihr, liebe Freunde, sollt euch bewußt sein, daß die katholischen Genossenschaften in diesem Bereich eine wichtige Rolle spielen. Ich möchte ganz kurz einige Elemente in Erinnerung rufen, in denen eure Arbeit wertvoll ist.

Zunächst seid ihr berufen, mit besonderer Professionalität und ausdauerndem Bemühen dazu beizutragen, daß die Wirtschaft und der Markt nie von der Solidarität getrennt werden. Außerdem seid ihr berufen, die Kultur des Lebens und der Familie zu unterstützen und die Bildung neuer Familien zu fördern, die auf eine menschenwürdige Arbeit zählen können, die die Schöpfung achtet, die Gott unserer verantwortlichen Fürsorge anvertraut hat. Ihr sollt stets den ganzen Menschen wertschätzen, über jegliche Unterschiede in Hautfarbe, Sprache oder Religionszugehörigkeit hinaus, und auf seine wirklichen Bedürfnisse, aber auch auf seine Initiativbereitschaft achten. Besonders wichtig ist es auch, sich vor Augen zu halten, was die katholischen Genossenschaften auszeichnet: die christliche Inspiration, die ihnen stets Orientierung schenken muß. Bleibt also dem Evangelium und der Lehre der Kirche treu: Das ist Teil eurer Identität. Behaltet die verschiedenen experimentellen Initiativen, die aus den Inhalten der Soziallehre der Kirche schöpfen, im Auge und fördert sie, wie im Fall der Entwicklungsgenossenschaften, der Gewährung von Mikrokrediten und einer Wirtschaft, die von der Logik der Gemeinschaft und der Brüderlichkeit beseelt ist.

Im Evangelium ist der Aufruf zur Nächstenliebe eng verbunden mit dem Gebot, Gott zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft (vgl. Mk 12,29–31). Für den Christen ist die Nächstenliebe also nicht nur Philanthropie, sondern Ausdruck der Liebe Gottes; sie muß auf einer wahren Liebe zu Gott gründen. Nur so kann er jene, denen er begegnet, die fürsorgliche Liebe des himmlischen Vaters erfahren lassen und einen Hoffnungsschimmer auch in dunkle Situationen bringen. Auch in der Wirtschafts- und Arbeitswelt ist es notwendig, um Liebe und Solidarität zu bringen, aus der göttlichen Quelle zu schöpfen durch eine tiefe Beziehung zu Gott, das ständige Hören auf sein Wort, ein von der Eucharistie genährtes Leben. Vergeßt nicht, daß es wichtig ist, die geistliche Dimension wachsen zu lassen in eurem Bemühen, den heutigen sozialen Herausforderungen und Nöten zu begegnen, um auch weiterhin in der Logik der Wirtschaft der Unentgeltlichkeit, der Verantwortlichkeit zu handeln und einen verantwortungsvollen und maßvollen Konsum zu fördern (vgl. Caritas in veritate, 66).

Liebe Freunde, ich habe nur einige Gedanken dargelegt, aber vor allem möchte ich eure so wertvolle und wichtige Arbeit ermutigen. Die Jungfrau Maria schütze euch und stehe euch bei. Den Anwesenden und allen Mitgliedern des Bundes der italienischen Genossenschaften und des Verbandes der Kreditgenossenschaftsbanken wünsche ich, den Einsatz im sozialen Bereich zuversichtlich und erfolgreich fortzusetzen. Ich versichere euch meines Gebetsgedenkens und segne euch und eure Angehörigen von Herzen. Danke.

 



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