Index   Back Top Print

[ DE  - EN  - ES  - FR  - IT  - PT ]

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT  XVI.
AN HERRN ALFONS M. KLOSS,
NEUER BOTSCHAFTER ÖSTERREICHS BEIM HEILIGEN STUHL

 

 

   

Sehr geehrter Herr Botschafter!

Mit Freude nehme ich das Schreiben entgegen, mit dem der Bundespräsident der Republik Österreich Sie als außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter beim Heiligen Stuhl akkreditiert hat. Zugleich danke ich Ihnen für die freundlichen Worte, mit denen Sie auch die Verbundenheit des Herrn Bundespräsidenten und der Bundesregierung mit dem Nachfolger Petri zum Ausdruck gebracht haben. Gerne entbiete ich meinerseits dem Staatsoberhaupt, dem Herrn Bundeskanzler und den Mitgliedern der Bundesregierung sowie allen Bürgerinnen und Bürgern Österreichs meine herzlichen Grüße und verbinde damit die Hoffnung, daß die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich in Zukunft weiter Frucht tragen.

Österreich, das „Land der Dome“ (Nationalhymne), ist in seiner Kultur, seiner Geschichte und nicht zuletzt im täglichen Leben tief vom katholischen Glauben geprägt. Das durfte ich auch bei meinem Pastoralbesuch in Ihrem Land und der Pilgerreise nach Mariazell vor vier Jahren erleben. Die Tausenden Gläubigen, denen ich begegnen konnte, stehen für Abertausende Männer und Frauen im ganzen Land, die in ihrem Glaubensleben im Alltag und mit ihrer Hilfsbereitschaft die nobelsten Züge des Menschen zeigen und die Liebe Christi erkennen lassen. Zugleich ist Österreich auch ein Land, in dem die friedliche Koexistenz der verschiedenen Religionen und Kulturen eine lange Tradition hat. „In der Eintracht liegt die Macht“ hieß es schon in der alten Volkshymne aus der Zeit der Monarchie. Und dies gilt besonders für den Bereich des Religiösen, das in der Tiefe des Bewußtseins des Menschen verwurzelt ist und daher zum Leben eines jeden einzelnen und zum Zusammenleben der Gemeinschaft gehört. Die geistliche Heimat, die viele Menschen in einer zunehmend mobilen und sich ständig verändernden Arbeitssituation als persönlichen Halt brauchen, sollte öffentlich und in einer Atmosphäre friedlicher Koexistenz mit anderen Glaubensüberzeugungen bestehen können.

In vielen Ländern Europas ist das Verhältnis von Staat und Religion allerdings in eine eigenartige Spannung geraten: Auf der einen Seite sind die politischen Autoritäten sehr darauf bedacht, den bloß als individuelle Glaubensüberzeugungen der Bürger verstandenen Religionen keine öffentliche Bühne zukommen zu lassen, auf der anderen Seite besteht der Versuch, Maßstäbe einer säkularen Öffentlichkeit auch für die Religionsgemeinschaften zur Anwendung zu bringen. Es scheint, man wolle das Evangelium an die Kultur anpassen, ist jedoch peinlich darauf bedacht zu verhindern, daß die Kultur vom Religiösen mitgestaltet wird. Dagegen ist die Haltung vor allem einiger mittel- und osteuropäischer Staaten hervorzuheben, dem Grundanliegen des Menschen, dem Glauben des Menschen an Gott und dem Glauben an das Heil durch Gott Raum zu geben. Mit Ge­nugtuung konnte der Heilige Stuhl einige Aktivitäten der österreichischen Regierung in dieser Richtung beobachten, nicht zuletzt die Stellungnahme zum sogenannten „Kreuzurteil“ des Europäischen Gerichtshofs oder der Vorschlag des Herrn Außenministers, „daß auch der neue Europäische Auswärtige Dienst die Situation der Religionsfreiheit weltweit beobachtet, regelmäßig Bericht erstattet und diesen den EU-Außenministern vorlegt“ (Austria Presse Agentur vom 10.12.2010).

Die Anerkennung der religiösen Freiheit erlaubt der kirchlichen Gemeinschaft, ihre vielfältigen Tätigkeiten auszuüben, aus denen auch die gesamte Gesellschaft Nutzen zieht. Hier kommen einem die verschiedenen Bildungseinrichtungen und karitativen Dienste in kirchlicher Trägerschaft in den Sinn, auf die Sie, Herr Botschafter, hingewiesen haben. Deren Einsatz für die Bedürftigen macht deutlich, wie sich die Kirche in gewisser Weise als Fürsprecherin der benachteiligten Menschen versteht. Dieses kirchliche Engagement, das in der Gesellschaft breite Anerkennung erfährt, kann nicht auf bloße Wohltätigkeit reduziert werden. Es hat seinen tiefsten Grund in Gott, in dem Gott, der die Liebe ist. Daher ist es notwendig, das Wesen und das eigene Wirken der Kirche voll zu achten, ohne sie zu einem von vielen Trägern von Sozialleistungen zu machen. Sie ist vielmehr in der Ganzheit ihrer religiösen Dimension zu sehen. So ist es stets nötig, der Tendenz der egoistischen Vereinzelung entgegenzuwirken. Für alle gesellschaftlichen Kräfte besteht die dringende und bleibende Aufgabe, die moralische Dimension der Kultur zu sichern, die Dimension einer Kultur, die des Menschen sowie seines Lebens in der Gemeinschaft würdig ist. Dabei wird sich die katholische Kirche weiterhin mit ganzer Kraft zum Wohl der Gesellschaft einsetzen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen des Heiligen Stuhls ist eine ausgewogene Familienpolitik. Die Familie füllt einen Bereich in der Gesellschaft aus, der die Grundlagen des menschlichen Lebens berührt. Den wesentlichen Halt erfährt die Gesellschaftsordnung in der ehelichen Gemeinschaft eines Mannes und einer Frau, die auch auf die Zeugung eigener Nachkommen ausgerichtet ist. Daher erfordern Ehe und Familie auch weiterhin den besonderen Schutz des Staates. Sie sind für alle ihre Glieder eine Schule der Humanität mit positiven Konsequenzen für die Individuen wie für die Gesellschaft. Tatsächlich ist die Familie dazu berufen, die gegenseitige Liebe und die Wahrheit, den Respekt und die Gerechtigkeit, die Treue und die Zusammenarbeit, den Dienst und die Verfügbarkeit den anderen, besonders den Schwächsten gegenüber zu leben und zu pflegen. Es wird jedoch vor allem die kinderreiche Familie vielfach benachteiligt. Probleme in solchen Familien, wie etwa ein erhöhtes Konfliktpotential, niedriger Lebensstandard, erschwerter Zugang zur Bildung, Verschuldung und vermehrte Scheidungen, lassen auf tiefere Ursachen schließen, die von der Gesellschaft her gelöst werden müssen. Zudem bleibt zu beklagen, daß dem werdenden Leben nicht ausreichend Schutz zuteil wird, im Gegenteil, oft nur ein sekundäres Existenzrecht gegenüber der Entscheidungsfreiheit der Eltern zuerkannt wird.

Der Bau eines gemeinsamen „Hauses Europa“ kann nur gelingen, wenn sich dieser Kontinent seiner christlichen Fundamente bewußt ist und die Werte des Evangeliums sowie des christlichen Menschenbildes auch in Zukunft das Ferment europäischer Zivilisation sind. Mehr als die christlich abendländische Kultur wiegt der gelebte Glaube an Christus und die tätige Nächstenliebe, die sich am Wort und am Leben Christi wie auch am Vorbild der Heiligen orientiert. Gerade auch Ihre in jüngster Zeit seliggesprochenen Landsleute, wie Franz Jägerstätter, Schwester Restituta Kafka, Ladislaus Batthyány-Strattmann und Karl von Österreich, können uns da tiefere Perspektiven eröffnen. Bei verschiedenen Lebenswegen haben diese Seligen sich mit gleicher Hingabe in den Dienst Gottes und seines Liebesgebotes gegenüber den Mitmenschen gestellt. Sie bleiben uns Leitbilder im Glauben und Zeugen der Verständigung unter den Völkern.

Zum Abschluß möchte ich Ihnen, Herr Botschafter, gerne versichern, daß Sie bei der Erfüllung der Ihnen anvertrauten hohen Mission auf meine Unterstützung und die meiner Mitarbeiter zählen können. Gerne empfehle ich Sie, Ihre Familie und alle Angehörigen der Österreichischen Botschaft beim Heiligen Stuhl der seligen Jungfrau Maria, der Magna Mater Austriae, an und erteile Ihnen allen sowie dem geschätzten österreichischen Volk von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 3. Februar 2011

 

 

© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana

 



© Copyright - Libreria Editrice Vaticana