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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER PILGERFAHRT DER DIÖZESE
TERNI-NARNI-AMELIA AM 30. JAHRESTAG DES BESUCHS VON PAPST JOHANNES PAUL II. IM STAHLWERK TERNI

Aula Paolo VI
Samstag, 26. März 2011

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich sehr, euch an diesem Vormittag zu empfangen und die anwesenden Autoritäten, die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie euch alle, die ihr als Pilger zum Stuhl Petri gekommen seid, herzlich zu begrüßen. Ein besonderer Gruß gilt eurem Bischof Vincenzo Paglia, dem ich für die Worte danke, die er auch in eurem Namen an mich gerichtet hat. Ihr seid zahlreich zu dieser Begegnung erschienen – es tut mir leid, daß einige nicht mit hineinkommen konnten –, die aus Anlaß des 30. Jahrestages des Besuchs von Johannes Paul II. in Terni stattfindet. Heute wollen wir seiner besonders aufgrund der Liebe gedenken, die er der Welt der Arbeit entgegenbrachte. Wir hören ihn gleichsam noch einmal die ersten Worte sagen, die er sofort nach seiner Ankunft in Terni formulierte: »Der hauptsächliche Zweck dieses Besuches, der am Tag des hl. Josef stattfindet, … ist es, allen Arbeitern ein Wort der Ermutigung zu bringen und ihnen meine Solidarität, meine Freundschaft und meine Zuneigung auszudrücken « (Ansprache an die Autoritäten von Terni, 19.3.1981). Ich mache mir diese Empfindungen zu eigen und umarme euch alle und eure Familien sehr herzlich. Am Tag meiner Wahl habe auch ich mich mit Überzeugung als ein »bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn« bezeichnet, und heute möchte ich gemeinsam mit euch aller Arbeiter gedenken und sie dem Schutz des hl. Josef des Arbeiters anvertrauen. Terni ist durch die Präsenz eines der größten Stahlwerke gekennzeichnet. Es hat dazu beigetragen, ein großes Umfeld entstehen zu lassen, das durch die Arbeiter geprägt ist. Dieser Weg ist von Lichtern gezeichnet, aber auch von schwierigen Augenblicken – wie jenem, den wir heute erleben.

Die Krise im industriellen Sektor stellt das Leben der Stadt auf eine harte Probe; sie muß sich neu Gedanken über ihre Zukunft machen. All das betrifft auch euer Leben als Arbeiter und das eurer Familien. In den Worten eures Bischofs habe ich das Echo der Sorgen verspürt, die ihr im Herzen tragt. Ich weiß, daß die Diözesankirche sie sich zu eigen macht und die Verantwortung spürt, euch nahe zu sein, um euch die Hoffnung des Evangeliums und die Kraft, eine gerechtere und menschenwürdigere Gesellschaft aufzubauen, zu vermitteln. Und sie tut dies von der Quelle, der Eucharistie, ausgehend. In seinem ersten Hirtenbrief Die Eucharistie rettet die Welt, hat euer Bischof euch die Quelle aufgezeigt, aus der man schöpfen und zu der man immer wieder zurückkehren muß, um die Freude des Glaubens und die Leidenschaft, die Welt zu verbessern, zu leben. So wurde die sonntägliche Eucharistie zum Mittelpunkt der Pastoralarbeit der Diözese. Diese Entscheidung hat ihre Früchte getragen; die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistie, von der die Bemühungen der Diözese um den Weg eurer Region ausgehen, hat zugenommen. Aus der Eucharistie, in der Christus in seinem höchsten Akt der Liebe zu uns allen gegenwärtig wird, lernen wir nämlich, als Christen in der Gesellschaft zu leben, um sie einladender und solidarischer zu machen, aufmerksamer gegenüber den Nöten aller, besonders der Schwächeren, und reicher an Liebe. Der heilige Bischof und Märtyrer Ignatius von Antiochien bezeichnete die Christen als jene, die »ihr Leben nach dem Sonntag richten« (»iuxta dominicum viventes«), also »nach der Eucharistie«. »Eucharistisch« zu leben bedeutet, als ein Leib, eine Familie, eine in der Liebe verbundene Gesellschaft zu leben. Die Ermahnung, »eucharistisch« zu sein, ist nicht nur eine moralisch begründete Einladung, die an einzelne Menschen ergeht, sondern sie ist viel mehr: Es ist die Ermahnung, an der Dynamik Christi teilzuhaben, der sein Leben für die anderen hingibt, damit alle eins seien.

In diesem Horizont steht auch das Thema der Arbeit, das euch heute aufgrund seiner Probleme, vor allem der Arbeitslosigkeit, Sorgen bereitet. Es ist wichtig, sich stets vor Augen zu halten, daß die Arbeit eines der Grundelemente sowohl der menschlichen Person als auch der Gesellschaft ist. Schwierige oder unsichere Arbeitsbedingungen machen die gesellschaftlichen Verhältnisse – die Voraussetzungen für ein geordnetes Leben nach den Erfordernissen des Gemeinwohls – schwierig und unsicher. In der Enzyklika Caritas in veritate habe ich – wie Bischof Paglia in Erinnerung gerufen hat – darauf hingewiesen, daß es notwendig ist, »daß als Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen und für den Erhalt ihrer Arbeitsmöglichkeit zu sorgen« (Nr. 32). Ich möchte auch das ernste Thema der Sicherheit am Arbeitsplatz noch einmal ins Gedächtnis rufen. Ich weiß, daß ihr mehrmals auch mit dieser tragischen Realität konfrontiert worden seid. Es muß jede erdenkliche Mühe aufgewandt werden, um die Kette der Todesfälle und der Unfälle zu durchbrechen. Und was ist über den Mangel an Arbeitsplätzen zu sagen, besonders in bezug auf die Welt der jungen Menschen? Dieser Aspekt ruft bei vielen Familien Ängste hervor! Der Bischof hat auch die schwierige Lage der chemischen Industrie in eurer Stadt angesprochen, ebenso wie die Probleme des Stahlsektors. Ich bin euch besonders nahe und lege all eure Ängste und Sorgen in Gottes Hand. Und ich hoffe, daß diese Augenblicke in der Logik der Unentgeltlichkeit und der Solidarität überwunden werden können, um eine sichere, menschenwürdige und stabile Arbeitslage zu gewährleisten.

Die Arbeit, liebe Freunde, trägt dazu bei, Gott und den anderen näher zu sein. Jesus selbst war ein Arbeiter – er hat sogar einen großen Teil seines irdischen Lebens in Nazaret verbracht, in der Werkstatt Josefs. Der Evangelist Matthäus berichtet, daß die Menschen Jesus als den »Sohn des Zimmermanns« bezeichneten (Mt 13,55), und Johannes Paul II. sprach in Terni vom »Evangelium der Arbeit« und sagte, es »berichtet vor allem von der Tatsache, daß der Sohn Gottes, gleichen Wesens wie der Vater, menschgeworden, mit seinen eigenen Händen gearbeitet hat. Ja, seine Arbeit, die wirklich körperliche Arbeit war, hat den größten Teil seines Lebens auf dieser Erde beansprucht und ist so in das Werk der Erlösung des Menschen und der Welt eingegangen« (Ansprache im Eisenhüttenwerk von Terni, 19. März 1981; in O.R. dt., Nr. 13, 27.3.1981, S. 6). Bereits das führt uns die Würde der Arbeit vor Augen – ja sogar die besondere Würde der menschlichen Arbeit, die in das Geheimnis der Erlösung einbezogen wird. Es ist wichtig, sie in dieser christlichen Perspektive zu verstehen. Oft wird sie dagegen nur als Einnahmequelle betrachtet, wenn nicht sogar – in verschiedenen Situationen in der Welt – als Mittel zur Ausbeutung und somit zur Verletzung der Würde der Person. Ich möchte auch das Problem der Sonntagsarbeit ansprechen. Leider droht in unseren Gesellschaften der Rhythmus des Konsums uns auch den Sinn für den Feiertag und für den Sonntag als Tag des Herrn und der Gemeinschaft zu nehmen.

Liebe Arbeiter und Arbeiterinnen, liebe Freunde, ich möchte euch zum Abschluß dieser kurzen Worte sagen, daß die Kirche alle Bemühungen unterstützt, bestärkt und ermutigt, die darauf ausgerichtet sind, allen einen sicheren, würdigen und festen Arbeitsplatz zu gewährleisten. Der Papst ist euch nahe, er ist bei euren Familien, euren Kindern und Jugendlichen und euren alten Menschen, und er trägt euch alle vor Gott im Herzen. Der Herr segne euch, eure Arbeit und eure Zukunft. Danke.

 



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