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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. AN DIE LEITER, DOZENTEN UND STUDENTEN DER KATHOLISCHEN UNIVERSITÄT
VOM HEILIGEN HERZEN

Aula Paolo VI
Samstag, 21.  Mai 2011

 

Meine Herren Kardinäle,
hochwürdiger Rector Magnificus,
verehrte Dozenten,
sehr geehrte Repräsentanten des Universitätspersonals,

liebe Studenten!

Ich freue mich über diese Begegnung mit euch, der großen Familie der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen. Vor 90 Jahren wurde die Hochschule auf Initiative des »Giuseppe-Toniolo«-Instituts für Höhere Studien ins Leben gerufen, dem sie dank einer glücklichen Eingebung von Pater Agostino Gemelli ihre Gründung und ihren Bestand zu verdanken hat. Ich danke Herrn Kardinal Tettamanzi und Herrn Prof. Ornaghi für die herzlichen Worte, die sie in euer aller Namen an mich gerichtet haben.

Unsere Zeit ist eine Zeit der großen und schnellen Veränderungen, die sich auch auf das Universitätsleben auswirken: die humanistische Kultur scheint von einer progressiven Zerrüttung in Mitleidenschaft gezogen zu sein, während der Akzent auf die sogenannten »produktiven« Disziplinen gelegt wird, also vorwiegend auf den technologischen und wirtschaftlichen Bereich. Es besteht die Tendenz, den menschlichen Horizont auf die Ebene des Meßbaren zu reduzieren und die grundlegende Frage nach dem Sinn aus dem systematisch-kritischen Wissen zu verbannen. Die Kultur unserer Zeit tendiert sodann dazu, die Religion aus dem Bereich des Rationalen auszugrenzen: in dem Maß, in dem die empirischen Wissenschaften die Räume der Vernunft monopolisieren, scheint für die Gründe des Glaubens kein Platz mehr zu sein, die religiöse Dimension wird in den Bereich des Diskutierbaren verbannt, auf eine reine Privatangelegenheit reduziert. In diesem Kontext werden die Motivationen, ja die Merkmale der Institution der Universität selbst radikal in Frage gestellt.

90 Jahre nach ihrer Gründung erlebt die Katholische Universität vom Heiligen Herzen diesen Wendepunkt der Geschichte, an dem es wichtig ist, die Gründe, die für ihre Entstehung ausschlaggebend waren, zu konsolidieren und zu stärken, ist ihr doch jene kirchliche Konnotation zu eigen, die durch das Adjektiv »katholisch« zum Ausdruck gebracht wird. Als »erfahren in den Fragen, die den Menschen betreffen« fördert die Kirche nämlich auch einen authentischen Humanismus. In dieser Perspektive tritt die ursprüngliche Berufung der Universität zutage, die ihre Entstehung der Suche nach der Wahrheit zu verdanken hat, der Suche nach der ganzen Wahrheit, der ganzen Wahrheit unseres Seins. Und gerade durch ihren Gehorsam der Wahrheit und den Erfordernissen ihrer Erkenntnis gegenüber wird sie zu einer Schule der »humanitas«, in der ein lebendiges Wissen gepflegt, herausragende Persönlichkeiten geformt und wertvolle Erkenntnisse und Fähigkeiten vermittelt werden. Die christliche Perspektive, die den Rahmen der intellektuellen Arbeit der Universität bildet, stellt sich dem wissenschaftlichen Wissen und den Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht entgegen, sondern im Gegenteil erweitert der Glaube den Horizont unseres Denkens; er ist der Weg zur vollen Wahrheit, führt zum wahren Fortschritt. Ohne Ausrichtung auf die Wahrheit, ohne die Haltung einer demütigen und kühnen Suche, zerfällt jede Kultur, gleitet in Relativismus ab und verliert sich im Ephemeren. Wenn man sie dagegen aus dem Würgegriff eines Reduktionismus befreit, der sie erniedrigt und eingrenzt, kann sie sich einer Weltsicht öffnen, die wirklich vom Realen erleuchtet ist. So kann sie einen wahren Dienst am Leben leisten.

Liebe Freunde, Glaube und Kultur sind untrennbar miteinander verbundene Größen, Ausdruck jenes »desiderium naturale videndi Deum«, das jedem Menschen innewohnt. Wenn diese Verbindung zerbricht, neigt die Menschheit dazu, sich auf ihre kreativen Fähigkeiten zurückzuziehen und sich darin zu verschließen. Dann ist es notwendig, daß die Universität von einer wahren Leidenschaft für die Frage des Absoluten, die Wahrheit selbst beseelt ist, und somit auch für das theologische Wissen, das wesentlicher Bestandteil des Lehrplans eurer Hochschule ist. Der theologische Horizont, der den Wagemut der Suche und die Geduld des Reifens in sich vereint, kann und muß alle Ressourcen der Vernunft zur Geltung kommen lassen. Die Frage nach der Wahrheit und dem Absoluten – die Gottesfrage – ist keine abstrakte, vom Alltag losgelöste Suche: sie ist die wesentliche Frage, von der die Erkenntnis des Sinns der Welt und des Lebens grundlegend abhängt. Im Evangelium gründet eine Sicht der Welt und des Menschen, die weiterhin kulturelle, humanistische und ethische Werte hervorbringt. Das Wissen des Glaubens erleuchtet also die Suche des Menschen, interpretiert sie, indem es sie menschlicher gestaltet, integriert sie in Projekte, die auf das Gute ausgerichtet sind, und befreit sie von der Versuchung eines kalkulierenden Denkens, das das Wissen instrumentalisiert und die wissenschaftlichen Entdeckungen zu Machtmitteln macht, die den Menschen versklaven.

Der Horizont, auf den die Arbeit an der Universität ausgerichtet ist, kann und muß die wahre Leidenschaft für den Menschen sein. Nur im Dienst am Menschen wird die Wissenschaft tatsächlich zur Bebauung und Bewahrung des Universums betrieben (vgl. Gen 2,15). Und dem Menschen zu dienen bedeutet, die Wahrheit in der Liebe zu tun, bedeutet, das Leben zu lieben, es immer zu respektieren, dort angefangen, wo es am zerbrechlichsten, am wehrlosesten ist. Das ist unsere Aufgabe, besonders in Zeiten der Krise: die Geschichte der Kultur zeigt, daß die Menschenwürde in ihrer Ganzheitlichkeit im Licht des christlichen Glaubens wirklich erkannt worden ist. Die Katholische Universität ist gerufen, ein Ort zu sein, an dem diese Aufgeschlossenheit für das Wissen eine vorbildliche Form annimmt, diese Leidenschaft für die Wahrheit, dieses Interesse für die Geschichte des Menschen, die die wahre christliche Spiritualität kennzeichnet. Sich der Perspektive des Glaubens zu verschließen oder sich von ihr loszulösen bedeutet, zu vergessen, daß sie die ganze Geschichte hindurch Nährboden der Kultur und Licht für den Verstand war und es immer noch ist, ein Anreiz dazu, dessen gesamtes positives Potential zu entfalten, das dem wahren Wohl des Menschen dient. Wie das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt, ist der Glaube in der Lage, Licht in unser Dasein zu bringen: »Der Glaube erhellt nämlich alles mit einem neuen Licht, enthüllt den göttlichen Ratschluß hinsichtlich der integralen Berufung des Menschen und orientiert daher den Geist auf wirklich humane Lösungen hin« (Gaudium et spes, 11).

Die Katholische Universität ist der Ort, an dem das mit einzigartiger Effizienz geschehen muß, und zwar sowohl unter einem wissenschaftlichen als auch unter einem didaktischen Gesichtspunkt.      Dieser einzigartige Dienst an der Wahrheit ist ein Geschenk der Gnade und beredter Ausdruck der evangeliumsgemäßen Liebe. Die Bezeugung des Glaubens und das Zeugnis der Nächstenliebe sind untrennbar miteinander verbunden (vgl. 1 Joh 3,23). Die tiefe Kern der Wahrheit Gottes ist nämlich die Liebe, mit der Er sich zum Menschen herabgebeugt und ihm, durch Christus, unendliche Gnadengaben angeboten hat. Durch Jesus erkennen wir, daß Gott Liebe ist und daß wir Ihn nur in der Liebe erkennen können: »Denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott, … denn Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,7.8), sagt der hl. Johannes. Und der hl. Augustinus bekräftigt: »Non intratur in veritatem nisi per caritatem« (Contra Faustum, 32). Der Gipfel der Kenntnis Gottes wird in der Liebe erreicht; jener Liebe, die es versteht, zur Wurzel vorzudringen, die sich nicht mit gelegentlichen philanthropischen Gesten begnügt, sondern den Sinn des Lebens mit der Wahrheit Christi erhellt, der das Herz des Menschen verwandelt und ihn von den Egoismen befreit, die Leid und Tod bringen. Der Mensch braucht Liebe, der Mensch braucht Wahrheit, um des zerbrechlichen Schatzes der Freiheit nicht verlustig zu gehen und nicht der Gewalt der Leidenschaften und der offenen oder verborgenen Bedingtheiten ausgesetzt zu sein (vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 46). Der christliche Glaube macht die Liebe nicht zu einem vagen Gefühl des Mitleids, sondern zu einer Kraft, die fähig ist, die Wege des Lebens in all seinen Ausdrucksformen zu erleuchten. Ohne diese Sicht, ohne diese ursprüngliche und tiefe theologische Dimension begnügt sich die Liebe mit gelegentlichen Gesten der Nächstenliebe und verzichtet auf die ihr innewohnende prophetische Aufgabe, das Leben der Personen und die Strukturen der Gesellschaft zu verwandeln. Das ist eine besondere Verpflichtung, die ihr im Rahmen der Sendung an der Universität als besonders engagierte Protagonisten zu erfüllen gerufen seid, in der Überzeugung, daß die Kraft des Evangeliums fähig ist, die menschlichen Beziehungen zu erneuern und in das Herz der Realität vorzudringen.

Liebe junge Studenten der »Cattolica«, ihr seid der lebende Beweis für jenes Merkmal des Glaubens, der das Leben verändert und die Welt rettet, mit den Problemen und den Hoffnungen, mit den Fragen und den Gewißheiten, mit den Bestrebungen und Verpflichtungen, die der Wunsch nach einem besseren Leben hervorruft und die das Gebet nährt. Liebe Repräsentanten des technisch-administrativen Personals, seid stolz auf die Aufgaben, die euch im Kontext der großen Universitätsfamilie zur Unterstützung der vielfältigen Bildungs- und Lehrtätigkeit übertragen werden. Und euch, liebe Dozenten, hat man eine besonders wichtige Rolle zugedacht: ihr sollt zeigen, daß der christliche Glaube Nährboden der Kultur und Licht für den Verstand ist; er ist ein Ansporn, zum authentischen Wohl des Menschen das ganze positive Potential der Vernunft zu entfalten. Was die Vernunft erkennen läßt, wird vom Glauben erhellt und zum Ausdruck gebracht.

Die Betrachtung des Werkes Gottes erschließt dem Wissen die Notwendigkeit einer systematischen und kritisch-rationalen Erforschung; die Suche nach Gott stärkt die Liebe zu den Sprach- und Literaturwissenschaften und zu den profanen Wissenschaften: »Fides ratione adiuvatur et ratio fide perficitur«, bekräftigte schon Hugo von Sankt Viktor (De sacramentis, I,III,30: PL 176,232). In dieser Perspektive ist die Kapelle das pulsierende Herz und die stete Speise des Universitätslebens, zusammen mit dem Pastoralzentrum, wo die Seelsorger der verschiedenen Stellen gerufen sind, ihre wertvolle priesterliche Sendung zu erfüllen, die von der Identität der Katholischen Universität nicht zu trennen ist.

Wie uns der sel. Johannes Paul II. lehrt, ist die Universitätskapelle »ein Ort des Geistes, wo die Christgläubigen, die auf unterschiedliche Weise in das akademische Leben einbezogen sind, im Gebet innehalten und geistige Nahrung und Leitung finden können. Sie ist auch eine Schule der christlichen Tugenden, wo das in der Taufe erhaltene Leben wächst und sich systematisch entwickelt. Sie ist ein offenes und aufnahmebereites Haus für all jene, die die Stimme ihres inneren Lehrmeisters hören und deshalb nach der Wahrheit suchen und der Menschheit dienen durch ihren täglichen Einsatz für ein Wissen, das weit über lediglich eingeengte und pragmatische Ziele hinausgeht. Vor dem Hintergrund einer verfallenden Moderne ist die Universitätskapelle dazu berufen, ein vitales Zentrum zur Förderung einer christlichen Erneuerung der Kultur zu sein, im respektvollen und aufrichtigen Dialog, von einem klaren und wohlbegründeten Standpunkt aus (vgl. 1 Petr 3,15) und durch ein Zeugnis, das für Befragungen aufgeschlossen und überzeugungskräftig ist« (Ansprache an den Europäischen Kongreß der Universitätsseelsorger, 1. Mai 1998, in: DAS 1998, S. 507, 4). Soweit Papst Johannes Paul II. im Jahr 1998.

Liebe Freunde, ich wünsche, daß die Katholische Universität vom Heiligen Herzen, den Absichten des »Toniolo«-Instituts entsprechend, ihren Weg mit erneuerter Zuversicht weitergeht und dabei wirksam zeigt, daß das Licht des Evangeliums die Quelle wahrer Kultur ist, fähig, Energien eines neuen, ganzheitlichen und transzendenten Humanismus freizusetzen. Ich vertraue euch der Jungfrau Maria, »Sedes Sapientiae«, an und erteile euch von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 



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