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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG
DES PÄPSTLICHEN RATS FÜR DIE LAIEN

Sala Clementina
Freitag, 25. November 2011


Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch allen zu begegnen, Mitgliedern und Konsultoren des Päpstlichen Rats für die Laien, die zur 25. Vollversammlung zusammengekommen sind. Ganz besonders grüße ich Kardinal Stanislaw Rylko und danke ihm für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet hat, und auch Bischof Josef Clemens, den Sekretär. Herzlich heiße ich euch alle willkommen, insbesondere die Laien, Frauen und Männer, aus denen sich das Dikasterium zusammensetzt. In der Zeit, die seit der letzten Vollversammlung vergangen ist, wart ihr in verschiedenen Initiativen tätig, die Seine Eminenz bereits genannt hat. Auch ich möchte an den Kongreß für die Laiengläubigen in Asien erinnern und an den Weltjugendtag in Madrid. Dies waren sehr erfüllte Augenblicke des Glaubens und des kirchlichen Lebens, die auch im Hinblick auf die großen kirchlichen Ereignisse wichtig waren, die wir im nächsten Jahr begehen werden: die XIII. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode zum Thema der Neuevangelisierung und die Eröffnung des Jahres des Glaubens.

Der Kongreß für die Laiengläubigen in Asien wurde mit Hilfe der Kirche in Korea im vergangenen Jahr in Seoul zum Thema »Proclaiming Jesus Christ in Asia today« organisiert. Der riesige asiatische Kontinent beherbergt unterschiedliche Völker, Kulturen und Religionen alten Ursprungs, aber die christliche Verkündigung hat bisher nur eine kleine Minderheit erreicht, die nicht selten – wie Sie, Eminenz, gesagt haben – den Glauben in einem schwierigen Umfeld lebt, zuweilen auch unter echter Verfolgung. Der Kongreß hat den Laiengläubigen, den Vereinigungen, Bewegungen und neuen Gemeinschaften, die in Asien tätig sind, Gelegenheit gegeben, Einsatz und Mut für die Mission zu stärken. Diese unsere Brüder und Schwestern bezeugen in bewundernswerter Weise ihre Treue zu Christus und lassen dabei erahnen, daß sich in Asien dank ihres Glaubens für die Kirche des dritten Jahrtausend weite Missionsfelder eröffnen. Ich schätze es sehr, daß der Päpstliche Rat für die Laien dabei ist, einen analogen Kongreß für die Laien Afrikas zu organisieren, der im kommenden Jahr in Kamerun stattfinden soll. Solche kontinentalen Treffen sind von großem Wert, um dem Werk der Evangelisierung einen Impuls zu geben, um die Einheit zu stärken und um die Bande zwischen den Teilkirchen und der Universalkirche immer mehr zu festigen.

Darüber hinaus möchte ich die Aufmerksamkeit auch auf den letzten Weltjugendtag in Madrid lenken. Das Thema war, wie wir wissen, der Glaube: »In Christus verwurzelt und auf ihn gegründet, fest im Glauben« (vgl. Kol 2,7). Und ich habe wirkliche eine große Menge Jugendlicher sehen dürfen, die begeistert aus der ganzen Welt zusammengekommen sind, um dem Herrn zu begegnen und die universale Brüderlichkeit zu leben. Eine außerordentliche Flut von Licht, Freude und Hoffnung hat Madrid erleuchtet, und nicht nur Madrid, sondern auch das alte Europa und die ganze Welt, indem der Weltjugendtag klar die Aktualität der Gottessuche vor Augen stellte. Keiner konnte gleichgültig bleiben, keiner konnte meinen, daß die Gottesfrage für den Menschen von heute irrelevant ist. Die Jugendlichen der ganzen Welt erwarten sehnlich, die ihnen gewidmeten Welttage feiern zu können, und ich weiß, daß ihr bereits für das Treffen in Rio de Janeiro 2013 arbeitet.

In dieser Hinsicht scheint es mir besonders wichtig zu sein, daß ihr in diesem Jahr bei der Vollversammlung als Thema Gott behandeln wolltet: »Die Gottesfrage heute«. Wir sollten nie müde werden, diese Frage zu stellen und »wieder bei Gott anzufangen«, um dem Menschen die Totalität seiner Dimensionen wieder zurückzugeben, seine volle Würde. Denn in unserer Zeit hat sich eine Mentalität verbreitet, die auf jeden Bezug zur Transzendenz verzichtet, und diese hat sich als unfähig erwiesen, das Menschliche zu verstehen und zu bewahren. Die Ausbreitung dieser Mentalität hat die Krise verursacht, die wir heute erleben, die zunächst eine Krise des Sinns und der Werte ist, noch bevor sie Wirtschaft und Gesellschaft betrifft. Der Mensch, der versucht rein positivistisch im Kalkulierbaren und Berechenbaren zu leben, erstickt letztendlich. In diesem Rahmen ist die Frage nach Gott in gewisser Hinsicht »die Frage der Fragen«. Sie führt uns zu den Grundfragen des Menschen zurück, zu der in seinem Herzen wohnenden Sehnsucht nach Wahrheit, Glück und Freiheit, die Verwirklichung sucht. Der Mensch, der in sich die Frage nach Gott wieder wach werden läßt, wird offen für die Hoffnung, eine sichere Hoffnung, für die es sich lohnt, den mühevollen Weg der Gegenwart zu gehen (vgl. Spe salvi, 1).

Wie aber kann man die Gottesfrage wieder lebendig werden lassen, damit sie eine grundlegende Frage wird? Liebe Freunde, wenn es wahr ist, daß »am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee steht, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person« (Deus caritas est, 1), dann wird die Frage nach Gott wieder wach bei einer Begegnung mit denen, die das Geschenk des Glaubens haben, die eine lebendige Beziehung zum Herrn haben.

Gott wird erkannt durch Männer und Frauen, die ihn kennen: der Weg zu ihm führt ganz konkret über denjenigen, der ihm begegnet ist. Hier ist eure Rolle als Laien besonders wichtig. Wie das Nachsynodale Apostolische Schreiben Christifideles laici unterstreicht, ist dies eure besondere Berufung in der Sendung der Kirche: »Die ganze Kirche ist für diesen Dienst an der Menschheitsfamilie verantwortlich. Aufgrund ihres ›Weltcharakters‹, der sie auf eigene und unersetzliche Weise zur christlichen Inspirierung der zeitlichen Ordnung verpflichtet, kommt den Laien in diesem Rahmen aber eine besondere Aufgabe zu.« (Nr. 36). Ihr seid gerufen, ein klares Zeugnis zu geben von der wichtigen Bedeutung der Gottesfrage in jedem Bereich des Denkens und Handelns. In der Familie, in der Arbeit wie auch in Wirtschaft und Politik besteht für den zeitgenössischen Menschen die Notwendigkeit, mit eigenen Augen zu sehen und mit Händen zu greifen, daß mit Gott oder ohne Gott alles anders wird.

Aber die Herausforderung einer der Transzendenz verschlossenen Mentalität verpflichtet auch die Christen selbst, entschiedener zur Zentralität Gottes zurückzukehren. Zuweilen hat man sich eingesetzt, damit die Präsenz der Christen im Sozialen, in der Politik oder in der Wirtschaft größeren Einfluß hat, und vielleicht hat man sich nicht genauso stark um die Festigkeit ihres Glaubens gekümmert, als wenn dieser ein für allemal sicher wäre. In Wirklichkeit bewohnen die Christen keinen weit entfernten Planeten, wo sie gegenüber den »Krankheiten« der Welt »immun « wären, sondern sie teilen die Unruhe, die Desorientierung und die Schwierigkeiten ihrer Zeit. Deshalb ist es nicht weniger wichtig, die Gottesfrage auch innerhalb der kirchlichen Strukturen wieder zu stellen. Wie oft ist Gott auch bei denen, die sich als Christen bezeichnen, nicht der zentrale Bezugspunkt für ihr Denken und Handeln und die grundlegenden Lebensentscheidungen. Die erste Antwort auf die große Herausforderung unserer Zeit liegt also in der tiefen Bekehrung unseres Herzens, damit die Taufe, die uns zum Licht der Welt und Salz der Erde gemacht hat, uns wirklich verwandeln kann.

Liebe Freunde, die Sendung der Kirche braucht den Beitrag all ihrer Mitglieder, jedes einzelnen, insbesondere der Laiengläubigen. In den Lebensbereichen, in die euch der Herr berufen hat, sollt ihr mutige Zeugen des Gottes Jesu Christi sein, indem ihr eure Taufe lebt. Darum vertraue ich euch der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, Mutter aller Völker, an und erteile von Herzen euch und euren Lieben den Apostolischen Segen. Danke.



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