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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
BEI DER BEGEGNUNG, DIE DIE
STIFTUNG "SORELLA NATURA" ORGANISIERT HAT

Aula Paolo VI
Montag, 28. November 2011

 

Herr Kardinal,
verehrte Obrigkeiten,
liebe Kinder und Jugendliche!

Mit großer Freude heiße ich euch alle willkommen zu dieser Begegnung, die dem Einsatz für »sorella natura« [Schwester Natur] gewidmet ist, um den Namen der Stiftung zu gebrauchen, die sie organisiert hat. Sehr herzlich begrüße ich Kardinal Rodríguez Maradiaga und danke ihm für die Worte, die er auch in eurem Namen an mich gerichtet hat, sowie für das Geschenk der kostbaren Reproduktion des Kodex 338, der die frühesten franziskanischen Quellen enthält. Ich begrüße den Präsidenten, Herrn Roberto Leoni, ebenso wie die Obrigkeiten und Persönlichkeiten und die zahlreichen Lehrer und Eltern. Vor allem aber begrüße ich euch, liebe Jungen und Mädchen, liebe Jugendliche! Gerade euretwegen wollte ich diese Begegnung, und ich möchte euch sagen, daß ich eure Entscheidung, »Bewahrer der Schöpfung« zu sein, sehr schätze, und daß ihr darin meine volle Unterstützung habt.

Zunächst müssen wir daran erinnern, daß eure Stiftung und auch diese Begegnung eine zutiefst franziskanische Inspiration besitzen. Auch das heutige Datum wurde gewählt, um die Proklamation des hl. Franziskus von Assisi zum Patron der Ökologie durch meinen geliebten Vorgänger, den sel. Johannes Paul II., im Jahre 1979 in Erinnerung zu rufen. Ihr wißt alle, daß der hl. Franziskus auch Patron Italiens ist. Vielleicht wißt ihr aber nicht, daß er im Jahre 1939 von Papst Pius XII. dazu erklärt wurde; er bezeichnete ihn damals als »den italienischsten aller Heiligen, den heiligsten aller Italiener«. Wenn also der Schutzheilige Italiens auch Patron der Ökologie ist, dann erscheint es mir verständlich, daß die jungen Italienerinnen und Italiener eine besondere Sensibilität für »Schwester Natur« haben und sich konkret um ihren Schutz bemühen. Beim Unterricht in italienischer Literatur ist einer der ersten Texte, die sich in den Lesebüchern finden, der »Sonnengesang« oder das »Lob der Schöpfung« des hl. Franziskus von Assisi: »Altissimo, onnipotente, bon Signore…« [Höchster, allmächtiger, guter Herr]. Dieser Gesang macht den richtigen Platz deutlich, den man dem Schöpfer geben muß, der die ganze große Symphonie der Geschöpfe ins Leben gerufen hat.

»Tue so’ le laude, la gloria e l’honore et onne benedictione … Laudato sii, mi’ Signore, cum tucte le Tue creature« [Dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen… Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen]. Diese Verse sind zu Recht Teil eurer kulturellen und schulischen Tradition. Vor allem aber sind sie ein Gebet, das das Herz zum Dialog mit Gott erzieht, das es dazu erzieht, in jedem Geschöpf die Spur des großen himmlischen Künstlers zu sehen, wie wir auch im wunderschönen Psalm 19 lesen: »Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, / vom Werk seiner Hände kündet das Firmament … ohne Worte und ohne Reden, / unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus« (V. 1.4–5). Bruder Franziskus, der Heiligen Schrift treu, lädt uns ein, in der Natur ein wunderbares Buch zu erkennen, das uns von Gott erzählt, von seiner Schönheit und von seiner Güte. Denkt nur: Der »Poverello« von Assisi bat immer den Klosterbruder, der mit dem Garten betraut war, nicht den ganzen Boden zum Gemüseanbau zu nutzen, sondern einen Teil für die Blumen zu lassen, ja sogar ein schönes Blumenbeet anzulegen, damit die Menschen, die daran vorbeigingen, ihre Gedanken zu Gott, dem Schöpfer all dieser Schönheit, erheben würden (vgl. Thomas von Celano, Vita secunda S. Francisci, CXXIV, 165).

Liebe Freunde, die Kirche, die den wichtigsten wissenschaftlichen Forschungen und Entdeckungen Anerkennung schenkt, hat stets daran erinnert, daß man unsere wahre und tiefe menschliche Identität besser versteht, wenn man die Spur des Schöpfers in der ganzen Schöpfung achtet. Wenn diese Achtung richtig gelebt wird, kann sie einem Jungen oder Mädchen auch helfen, persönliche Gaben und Anlagen zu entdecken und sich so auf einen bestimmten Beruf vorzubereiten, der immer unter Achtung der Umwelt ausgeübt werden sollte. Wenn nämlich der Mensch bei seiner Arbeit vergißt, daß er Mitarbeiter Gottes ist, dann kann er der Schöpfung Gewalt antun und Schäden hervorrufen, die immer auch negative Auswirkungen auf den Menschen haben, wie wir leider manchmal sehen. Heute ist uns klarer denn je, daß die Achtung der Umwelt die Anerkennung des Wertes der menschlichen Person und ihrer Unantastbarkeit in jeder Phase des Lebens und unter allen Lebensbedingungen nicht vergessen darf.

Die Achtung gegenüber dem Menschen und die Achtung gegenüber der Natur sind eins, aber beide können wachsen und ihr richtiges Maß finden, wenn wir im menschlichen Geschöpf und in der Natur den Schöpfer und seine Schöpfung achten. Darin, liebe Kinder und Jugendliche, bin ich überzeugt, in euch Verbündete zu finden, echte »Bewahrer des Lebens und der Schöpfung«. Und jetzt möchte die Gelegenheit ergreifen, um ein besonderes Wort auch an die hier anwesenden Lehrer und Obrigkeiten zu richten. Ich möchte die große Bedeutung hervorheben, die die Erziehung und Bildung auch auf dem Gebiet der Ökologie hat. Ich habe den Vorschlag zu dieser Begegnung gerne angenommen, weil viele sehr junge Schüler daran teilnehmen, weil sie eine klar erzieherische Ausrichtung besitzt. Denn es ist inzwischen deutlich, daß es keine gute Zukunft für die Menschheit auf der Erde gibt, wenn wir nicht alle einen verantwortungsvolleren Lebensstil gegenüber der Schöpfung erlernen. Und ich unterstreiche die große Bedeutung des Wortes »Schöpfung«, denn der große und wunderbare Baum des Lebens ist nicht Frucht einer blinden und irrationalen Evolution, sondern diese Evolution spiegelt den Schöpfungswillen des Schöpfers sowie seine Schönheit und Güte wider.

Diesen verantwortungsvollen Stil erlernt man vor allem in der Familie und in der Schule. Ich ermutige daher die Eltern, die Schulleiter und die Lehrer, sich darum zu bemühen, eine beständige erzieherische und didaktische Arbeit voranzutragen, die auf dieses Ziel ausgerichtet ist. Darüber hinaus ist es unverzichtbar, daß diese Arbeit der Familien und der Schulen von den übergeordneten Einrichtungen, die heute hier gut vertreten sind, getragen wird.

Liebe Freunde, wir wollen diese Gedanken und Bestrebungen der Jungfrau Maria anvertrauen, Mutter der gesamten Menschheit. Jetzt, da wir gerade die Adventszeit begonnen haben, möge sie uns begleiten und führen, um in Christus den Mittelpunkt des Kosmos zu erkennen, das Licht, das jeden Menschen und jedes Geschöpf erleuchtet. Und der hl. Franziskus möge uns lehren, mit der ganzen Schöpfung ein Lob- und Danklied zum himmlischen Vater, dem Geber aller Gaben, zu singen. Ich danke euch von Herzen, daß ihr so zahlreich erschienen seid, und begleite euer Studium, eure Arbeit und euren Einsatz gern mit meinem Segen. Ich habe vom Singen gesprochen: Singen wir gemeinsam das Vaterunser, das große Gebet, das Jesus uns alle gelehrt hat.

 

© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana

 



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