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KONZERT DER BAYERISCHEN STAATSOPER

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AM ENDE DES KONZERTS

Aula Paolo VI
Samstag
, 22. Oktober 2011

 

Meine Herren Kardinäle!
Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt!
Sehr geehrte Herren Staatsminister Dr. Heubisch und Dr. Spaenle!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ganz herzlich danke ich dem Bayerischen Staatsorchester und der Audi-Jugendchorakademie sowie dem Bayerischen Generalmusikdirektor Kent Nagano und den Solisten für das große Geschenk, das sie uns gemacht haben. Die glänzende Aufführung der zwei Hauptwerke Anton Bruckners, des Te Deum und der Symphonie Nr. 9, hat uns in die tiefgründige Musik dieses großen Komponisten eintauchen lassen. Ich danke der Bayerischen Staatsoper für die Darbietung dieses wunderbaren Konzertes und allen, die daran mitgewirkt und die es ermöglicht haben.

Als Bruckner am 11. Oktober 1896 starb, schrieb er noch an seiner neunten Symphonie, die er fast zehn Jahre zuvor begonnen hatte. Er spürte, sich an Beethoven und Schubert erinnernd, daß es sich um sein »symphonisches Testament« handelte, und in der Tat ist es ihm, wie wir wissen, nie gelungen, den vierten Satz zu beenden, so hinterließ er sein Werk unvollendet. Die Brucknersche Symphonik hebt sich vom klassischen Vorbild ab, seine musikalische Sprache entwickelt sich in großen nebeneinandergesetzten Blöcken: reich ausgearbeitete und komplexe Teile, die nicht klar gegeneinander abgegrenzt sind, sondern häufig von einfachen Übergangsepisoden oder auch Pausen getrennt werden. Seine Musik zu hören ist fast, als würde man sich in einer großen Kathedrale befinden und die großartigen tragenden Strukturen ihrer Architektur betrachten, die einen umgeben, nach oben leiten und das Gemüt bewegen. Es gibt einen Aspekt, der die Grundlage des musikalischen Schaffens von Bruckner ausmacht, sowohl des symphonischen Werkes wie auch der Kirchenmusik: sein Glaube, ein einfacher, fester und unverfälschter Glaube, den er das ganze Leben bewahrte, so daß er in der Kirche der Abtei Sankt Florian begraben werden wollte, in der Krypta unter der mächtigen Orgel, die er oft gespielt hatte. Der große Dirigent Bruno Walter sagte über ihn in einem Vergleich mit einem anderen Vertreter der Spätromantik: »Mahler war immer auf der Suche nach Gott, während Bruckner ihn gefunden hatte.« Und die Symphonie, die wir gehört haben, hat eine präzise Widmung: »Dem lieben Gott«, fast so als hätte er die letzte und reifste Frucht seiner Kunst demjenigen widmen und anvertrauen wollen, an den er immer geglaubt hatte, der nun, da er den letzten Abschnitt seines Lebens erreichte, der einzige wahre Gesprächspartner war, an den er sich wenden konnte. In der gesamten Symphonie, die wir gehört haben, ist das Bewußtsein einer beständigen Erwartung zu spüren, gedehnte Tempi, die uns eine geheimnisvolle, fast zeitlose Dimension eröffnen und uns in sie hineinführen; vom ersten Satz, der mit dem Hinweis »Feierlich-misterioso« bezeichnet ist, bis zum Adagio, das mit einer großartigen Bewegung der ersten Violinen einsetzt und sich in einem progressiven Aufstieg in die Höhe entwickelt, wobei lichte Momente, unvermittelte Stille, isolierte Klangabschnitte, die Klangwirkung der Orgel, Choräle, Klangexplosionen und unbeschwerte Kantabile abwechseln, bis hin zum ruhigen, strahlenden Schluß in E-Dur. Es ist bedeutsam, daß in diesen letzen Satz vier Noten aus dem »miserere« des Gloria seiner d-Moll Messe eingefügt sind und es auch Anklänge an das »Benedictus« einer anderen Messe gibt, der Messe in f-Moll. Bruckner bat den lieben Gott, in sein Geheimnis eindringen, zu seiner Höhe aufsteigen zu dürfen und den Herrn im Himmel loben zu können, wie er es auf der Erde mit seiner Musik getan hatte. »Te Deum laudamus, Te Dominum confitemur«: Dieses großartige Werk, das wir gehört haben, wurde in einem Zug geschrieben und dann im Laufe von 15 Jahren immer wieder bearbeitet, fast wie ein Nachdenken darüber, wie man Gott besser loben und danken kann. Es ist eine Zusammenfassung des Glaubens dieses großen Musikers, der in großen Doppelfuge des Finales wiederholt wird: »In te, Domine speravi: non confundar in aeternum.« Eine Ermahnung, die auch an uns gerichtet ist, und uns einlädt, unseren Horizont zu erweitern und an das ewige Leben zu denken, nicht um der Gegenwart zu entfliehen, mag sie auch von Problemen und Schwierigkeiten gekennzeichnet sein, sondern vielmehr um sie noch intensiver zu leben, indem wir in die Gegenwart, in der wir leben, etwas Licht, Hoffnung und Liebe bringen.

Noch einmal sage ich allen ein herzliches »Vergelt’s Gott«: dem Dirigenten Kent Nagano, den Solisten, dem Bayerischen Staatsorchester, der Jugendchorakademie mit ihrem Direktor wie auch der Bayerischen Staatsoper, den Mitarbeitern und Ihnen allen.

Danke, ich wünsche allen einen schönen Abend, mit meinem Segen.

 


© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana

      



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