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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE ALUMNEN UND DOZENTEN DER PÄPSTLICHEN PRIESTERSEMINARE DER REGIONEN KAMPANIEN,
KALABRIEN UND UMBRIEN

Sala Clementina
Donnerstag, 26. Januar 2012

 

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder und liebe Seminaristen!

Es ist mir eine große Freude, euch aus Anlaß des 100. Gründungsjubiläums der Päpstlichen Priesterseminare von Kampanien, Umbrien und Kalabrien zu begrüßen. Ich begrüße die Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, die drei Regenten mit den Mitarbeitern und Dozenten, und vor allem gilt mein herzlicher Gruß euch, liebe Seminaristen!

Die Gründung dieser drei Regionalseminare im Jahr 1912 muß im größeren Zusammenhang einer besseren Ausbildung der Priesteramtskandidaten gesehen werden, wie sie vom heiligen Papst Pius X. gefördert wurde, der das Werk Leos XIII. fortsetzte. Um den wachsenden Anforderungen an die Ausbildung entgegenzukommen, entschied man sich für die Zusammenlegung der Diözesanseminare zu neuen Regionalseminaren. Damit einher ging eine Reform des Theologiestudiums, die dank des Erwerbs einer allen gemeinsamen kulturellen Basis und einer ausreichend langen und gut strukturierten Studienzeit eine spürbare Anhebung des qualitativen Niveaus bewirkte.

Eine wichtige Rolle spielten in diesem Zusammenhang die Jesuiten. Denn den Jesuiten wurde die Leitung von fünf Regionalseminaren übertragen, darunter von 1926 bis 1941 das Seminar von Catanzaro sowie das von Posillipo von seiner Gründung bis heute. Nicht nur die akademische Ausbildung profitierte davon, das Zusammenleben junger Seminaristen aus verschiedenen Diözesen stellte auch menschlich eine große Bereicherung dar. Ein Sonderfall ist das Kampanische Seminar von Posillipo, das seit 1935 ganz Süditalien offensteht, nachdem ihm die Verleihung von akademischen Graden zuerkannt worden war.

Im aktuellen historischen und kirchlichen Kontext erweist sich die Erfahrung der Regionalseminare immer noch als angebracht und gültig. Dank der Anbindung an theologische Fakultäten und Institute ermöglichen sie den Zugang zu Studiengängen auf hohem Niveau und unterstützen eine Ausbildung, die dem komplexen kulturellen und gesellschaftlichen Szenarium, in dem wir leben, angemessen ist. Außerdem erweist sich der interdiözesane Aspekt als wirksamer Lernort der Gemeinschaft, die sich in der Begegnung unterschiedlicher Sensibilitäten entwickelt, die im einen Dienst an der Kirche Christi harmonisiert werden müssen. In dieser Hinsicht leisten die Regionalseminare einen entscheidenden und konkreten Beitrag zum gemeinschaftlichen Weg der Diözesen, indem sie die Kenntnis, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und die Bereicherung der kirchlichen Erfahrungen bei den zukünftigen Priestern, den Ausbildern und auch den Hirten der Teilkirchen fördern. Die regionale Dimension ist zudem eine wertvolle Mittlerinstanz zwischen den Leitlinien der universalen Kirche und den Anforderungen der Wirklichkeit vor Ort, ohne dabei der Gefahr des Partikularismus zu erliegen.

Eure Regionen, liebe Freunde, besitzen ein reiches geistliches und kulturelles Erbe, während sie nicht wenige soziale Schwierigkeiten erleben. Denken wir zum Beispiel an Umbrien, die Heimat des hl. Franziskus und des hl. Benedikt! Von Spiritualität durchdrungen ist Umbrien beständiges Ziel von Wallfahrten. Zugleich leidet diese kleine Region so wie die anderen und noch mehr unter der ungünstigen Wirtschaftskonjunktur. In Kampanien und Kalabrien muß die Vitalität der Ortskirche, die dank einer soliden Tradition und Frömmigkeit von einem lebendigen Sinn für das Religiöse beseelt ist, in eine Neuevangelisierung umgesetzt werden. In jenen Gegenden muß das Zeugnis der Kirchengemeinden die großen sozialen und kulturellen Notstände berücksichtigen, wie fehlende Arbeitsplätze, vor allem für die jungen Menschen, oder das Phänomen der organisierten Kriminalität.

Der heutige kulturelle Kontext erfordert eine solide philosophisch-theologische Ausbildung der zukünftigen Priester. Wie ich in meinem Brief an die Seminaristen zum Abschluß des Priesterjahres geschrieben habe, geht es nicht bloß darum, das augenscheinlich Nützliche zu erlernen, sondern darum, das innere Gefüge des Glaubens – der keine Summe von Glaubenssätzen ist, sondern ein Organismus, eine organische Vision – so in seiner Ganzheit zu kennen und zu verstehen, daß es Antwort auf die Fragen der Menschen wird, die äußerlich gesehen von Generation zu Generation wechseln und doch in ihrem tiefsten Grund dieselben bleiben (vgl. Nr. 5). Außerdem muß das Studium der Theologie immer eine tiefe Verbindung zum Gebetsleben haben. Es ist wichtig, daß der Seminarist eines gut versteht: Während er sich dem Objekt widmet, ist es in Wirklichkeit ein »Subjekt«, das ihn anspricht, es ist der Herr, dessen Stimme die Seminaristen gehört haben, als er sie einlud, das Leben im Dienst an Gott und den Brüdern und Schwestern hinzugeben. So kann im Seminaristen von heute und Priester von morgen jene »Lebenseinheit« Wirklichkeit werden, wie sie das Konzilsdokument Presbyterorum ordinis (Nr. 14) wünscht. Diese findet ihren sichtbaren Ausdruck in der »pastoralen Liebe«: dem »inneren Prinzip, der Kraft, die das geistliche Leben des Priesters, insofern er Christus, dem Haupt und Hirten, nachgebildet ist, beseelt und leitet« (Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis, 23). Denn ein harmonisches Gleichgewicht zwischen dem Dienst mit seinen zahlreichen Aktivitäten und dem geistlichen Leben des Priesters ist unerläßlich. »Für den Priester, der andere auf dem Weg durchs Leben und bis zur Pforte des Todes begleiten soll, ist es wichtig, daß er selbst Herz und Verstand, Vernunft und Gefühl, Leib und Seele ins rechte Gleichgewicht gebracht hat und menschlich ›intakt‹ ist« (Brief an die Seminaristen, 6). Das sind die Gründe, warum dem menschlichen Aspekt in der Ausbildung der Priesteramtskandidaten große Aufmerksamkeit geschenkt werden muß. Denn in unserer Menschlichkeit stehen wir vor Gott, um vor unseren Brüdern und Schwestern echte »Männer Gottes« zu sein. Wer Priester werden will, muß vor allem ein »Mann Gottes« sein, wie der hl. Paulus an seinen Schüler Timotheus schreibt (1 Tim 6,11). »Deshalb ist das Allerwichtigste auf dem Weg zum Priestertum und das ganze Priesterleben hindurch die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus« (Brief an die Seminaristen, 1).

Bei der Audienz für die Oberen und Alumnen des Kampanischen Seminars aus Anlaß des 50. Jahrestags seines Bestehens brachte der selige Papst Johannes XXIII. im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils diese feste Überzeugung mit folgenden Worten zum Ausdruck: »Darauf zielt eure Ausbildung ab in Erwartung der Sendung, die euch zum Ruhme Gottes und zum Heil der Seelen anvertraut werden wird: den Geist zu bilden, den Willen zu heiligen. Die Welt erwartet Heilige: das vor allem. Mehr noch als gebildete, redegewandte Priester, die auf dem neuesten Stand sind, braucht sie heilige und heiligende Priester.« Diese Worte klingen immer noch aktuell, denn in der ganzen Kirche wie in euren Herkunftsregionen sind mehr denn je »Arbeiter für das Evangelium« nötig, glaubwürdige Zeugen, die auch mit ihrem eigenen Leben die Heiligkeit fördern. Möge jeder von euch auf diese Berufung antworten können! Ich versichere euch meines Gebetes in diesem Anliegen und vertraue euch der mütterlichen Führung der allerseligsten Jungfrau Maria an. Von Herzen erteile ich euch einen besonderen Apostolischen Segen. Danke.

 



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