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VON DER APOSTOLISCHEN PÖNITENTIARIE VERANSTALTETER KURS ÜBER DAS "FORUM INTERNUM"

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Aula Paolo VI
Freitag, 9. März 2011

 

Liebe Freunde!

Ich freue mich sehr, euch anläßlich des jährlich von der Apostolischen Pönitentiarie veranstalteten Kurses über das »Forum Internum« zu begegnen. Einen herzlichen Gruß richte ich an den Großpönitentiar, Kardinal Manuel Monteiro de Castro, der zum ersten Mal in dieser Funktion eure Studiensitzungen geleitet hat, und danke ihm für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet hat. Ebenso begrüße ich den Regenten, Erzbischof Gianfranco Girotti, die Mitarbeiter der Pönitentiarie und einen jeden von euch. Durch eure Anwesenheit weist ihr alle auf die Bedeutung hin, die das Sakrament der Versöhnung für das Glaubensleben hat, indem ihr sowohl die angemessene theologische, geistliche und kirchenrechtliche Ausbildung hervorhebt, die stets notwendig ist, um Beichtvater zu sein, als auch und vor allem die grundlegende Verbindung zwischen der sakramentalen Feier und der Verkündigung des Evangeliums. Denn die Sakramente und die Verkündigung des Wortes Gottes dürfen nie als getrennt voneinander betrachtet werden, sondern vielmehr »sagt Jesus, daß die Verkündigung des Reiches Gottes das Ziel seiner Sendung ist; diese Verkündigung ist jedoch nicht nur ›Reden‹, sondern sie schließt gleichzeitig auch sein Handeln mit ein; die Zeichen, die Wunder, die Jesus vollbringt, weisen darauf hin, daß das Reich Gottes als gegenwärtige Wirklichkeit kommt und daß es am Ende übereinstimmt mit seiner Person, mit der Selbsthingabe. […] Der Priester vertritt Christus, den Gesandten des Vaters, er setzt seine Sendung fort, durch das ›Wort‹ und das ›Sakrament‹, in der Ganzheit von Seele und Leib, Zeichen und Wort« (Generalaudienz, 5. Mai 2010; O.R.dt., Nr. 19, 14.5.2010, S. 2). Gerade diese Ganzheit, die im Geheimnis der Menschwerdung wurzelt, vermittelt uns, daß auch die Feier des Sakraments der Versöhnung selbst Verkündigung und daher der für das Werk der Neuevangelisierung zu beschreitende Weg ist.

In welchem Sinne ist also die sakramentale Beichte der »Weg« für die Neuevangelisierung? Vor allem weil die Neuevangelisierung aus der Heiligkeit der Kinder der Kirche Lebenssaft gewinnt, aus dem täglichen Weg der persönlichen und gemeinschaftlichen Bekehrung, um Christus immer mehr gleichgestaltet zu werden. Und es gibt eine enge Verbindung zwischen der Heiligkeit und dem Sakrament der Versöhnung, die von allen Heiligen der Geschichte bezeugt wird. Die wirkliche Bekehrung des Herzens, das Sich-Öffnen gegenüber dem verwandelnden und erneuernden Wirken Gottes, ist der »Antrieb« jeder Reform und wird zu einer wahren evangelisierenden Kraft. In der Beichte wird der reuige Sünder durch das ungeschuldete Wirken der göttlichen Barmherzigkeit gerechtfertigt, ihm wird vergeben und er wird geheiligt. Er läßt den alten Menschen hinter sich, um den neuen Menschen als Gewand anzulegen. Nur wer sich zutiefst von der göttlichen Gnade hat erneuern lassen, kann die Neuheit des Evangeliums in sich selbst tragen und daher verkündigen. Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte sagte der sel. Johannes Paul II.: »Sodann bitte ich um einen neuen pastoralen Mut, damit die tägliche Pädagogik der christlichen Gemeinden überzeugend und wirksam die Praxis des Sakramentes der Versöhnung vorzulegen vermag« (Nr. 37). Ich möchte diesen Aufruf bekräftigen, im Bewußtsein, daß es Aufgabe der Neuevangelisierung ist, dem Menschen unserer Zeit das Antlitz Christi »als ›mysterium pietatis‹ wieder freizulegen. In Christus zeigt uns Gott sein mitfühlendes Herz und versöhnt uns ganz mit sich. Dieses Antlitz Christi muß man auch durch das Sakrament der Buße neu zeigen« (ebenda).

In einer Zeit des Erziehungs- und Bildungsnotstands, in der der Relativismus die Möglichkeit einer Erziehung und Bildung, die als fortschreitende Einführung in die Erkenntnis der Wahrheit, in den tiefen Sinn der Wirklichkeit und somit als fortschreitende Einführung in die Beziehung zur Wahrheit, die Gott ist, verstanden wird, sind die Christen aufgerufen, die Möglichkeit der Begegnung des heutigen Menschen mit Jesus Christus, in dem Gott so nahe gekommen ist, daß man ihn sehen und hören kann, zu verkündigen. In dieser Hinsicht verhilft das Sakrament der Versöhnung, das vom Blick auf die konkreten Lebensumstände ausgeht, in einzigartiger Weise zu jener »Öffnung des Herzens«, die es gestattet, den Blick auf Gott zu richten, damit er in das Leben eintrete. Die Gewißheit, daß er nahe ist und in seiner Barmherzigkeit auf den Menschen wartet – auch auf jenen, der in die Sünde verstrickt ist –, um durch die Gnade des Sakraments der Versöhnung seine Krankheiten zu heilen, ist immer ein Licht der Hoffnung für die Welt.

Liebe Priester und liebe Diakone, die ihr euch auf das Priesteramt vorbereitet, in der Verwaltung dieses Sakraments ist euch jetzt oder in Zukunft die Möglichkeit gegeben, Werkzeuge einer stets erneuerten Begegnung der Menschen mit Gott zu sein. Wer sich an euch wendet, gerade aufgrund seiner Sündhaftigkeit, verspürt in sich einen tiefen Wunsch: den Wunsch nach Veränderung, die Bitte um Barmherzigkeit und letztendlich das Verlangen, daß durch das Sakrament die Begegnung und die Umarmung mit Christus wieder stattfindet. Seid daher Mitarbeiter und Protagonisten ebenso vieler Möglichkeiten zum »Neubeginn« wie es Sünder gibt, die zu euch kommen – im Bewußtsein, daß die wahre Bedeutung jeder »Neuheit« nicht so sehr im Verlassen oder im Verdrängen der Vergangenheit liegt als vielmehr in der Annahme Christi und in der Öffnung gegenüber seiner Gegenwart, die immer neu ist und immer in der Lage zu verwandeln, alle Schattenbereiche zu erleuchten und ständig einen neuen Horizont zu öffnen. Die Neuevangelisierung geht daher auch vom Beichtstuhl aus! Sie geht also aus von der geheimnisvollen Begegnung zwischen der unerschöpflichen Frage des Menschen, Zeichen des Schöpfungsgeheimnisses in ihm, und der Barmherzigkeit Gottes, der einzigen angemessenen Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach Unendlichkeit. Wenn die Feier des Sakraments der Versöhnung dies sein wird, wenn die Gläubigen in ihr wirklich die Erfahrung jener Barmherzigkeit machen, die Jesus von Nazaret, Herr und Christus, uns geschenkt hat, dann werden sie selbst zu glaubwürdigen Zeugen jener Heiligkeit, die das Ziel der Neuevangelisierung ist.

Wenn all das, liebe Freunde, für die gläubigen Laien gilt, so gewinnt es noch größere Bedeutung für einen jeden von uns. Der Verwalter des Sakraments der Versöhnung wirkt an der Neu-evangelisierung mit, indem er selbst als erster das Bewußtsein erneuert, selbst Pönitent zu sein und der sakramentalen Versöhnung zu bedürfen, damit jene Begegnung mit Christus erneuert wird, die in der Taufe begonnen und im Weihesakrament eine besondere und endgültige Gestalt gefunden hat. Das ist mein Wunsch für jeden von euch: Die Neuheit Christi möge stets der Mittelpunkt und der Grund eures priesterlichen Lebens sein, damit jene, die euch begegnen, durch euren Dienst wie Andreas und Johannes ausrufen können: »Wir haben den Messias gefunden« (Joh 1,41). Auf diese Weise wird jede Beichte, aus der jeder Christ erneuert hervorgeht, einen weiteren Schritt der Neuevangelisierung darstellen. Maria, Mutter der Barmherzigkeit, Zuflucht der Sünder und Stern der Neuevangelisierung, möge euren Weg begleiten. Ich danke euch von Herzen und erteile euch gern meinen Apostolischen Segen.

  

    



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