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PAPST FRANZISKUS

ANGELUS

Petersplatz
4. Fastensonntag,, 6. März 2016

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Im fünfzehnten Kapitel des Lukasevangeliums finden wir die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit: das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Verse 4-7), vom wiedergefundenen Geldstück (Verse 8-10) und das großartige Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder besser vom barmherzigen Vater (vv. 11-32). Es wäre schön, wenn ein jeder von uns heute das Evangelium, dieses fünfzehnte Kapitel des Evangeliums nach Lukas, zur Hand nehmen und diese drei Gleichnisse lesen würde.

Auf dem Weg durch die Fastenzeit legt uns das Evangelium gerade dieses Gleichnis vom barmherzigen Vater vor, dessen Hauptperson ein Vater mit seinen beiden Söhnen ist. Die Erzählung lässt uns einige Züge dieses Vaters erkennen: Er ist ein Mann, der immer zur Vergebung bereit ist und wider alle Hoffnung hofft. Vor allem beeindruckt seine Toleranz gegenüber der Entscheidung des jüngeren Sohnes, von zu Hause fortzugehen: Er hätte sich dem widersetzen können, da er wusste, dass er noch unreif ist, ein noch junger Mann, oder er hätte einen Anwalt aufsuchen können, um ihm dessen Erbteil nicht auszuzahlen, da er ja noch lebte. Stattdessen gestattet er es ihm, aufzubrechen, obwohl er die möglichen Risiken voraussieht. So handelt Gott mit uns: er lässt uns die Freiheit, auch die Freiheit, Fehler zu machen, da er uns geschaffen hat und uns damit das große Geschenk der Freiheit gemacht hat. Es liegt an uns, sie recht zu nutzen. Dieses Geschenk der Freiheit, das Gott uns gibt, versetzt mich immer wieder in Staunen.

Doch die Trennung von jenem Sohn ist nur leiblich. Der Vater behält ihn immer im Herzen; vertrauensvoll erwartet er seine Rückkehr. Er schaut forschend auf die Straße, in der Hoffnung, ihn zu sehen. Und eines Tages sieht er ihn schon von weitem kommen (V. 20). Das aber bedeutet, dass dieser Vater jeden Tag auf die Terrasse stieg, um nachzuschauen, ob sein Sohn zurückkommen würde! Und er hat Mitleid mit ihm, als er ihn sieht. Er läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. Wie viel Zärtlichkeit! Dieser Sohn hatte etwas wirklich Schlimmes angestellt! Doch der Vater empfängt ihn auf diese Weise. Dieselbe Haltung nimmt der Vater auch gegenüber dem älteren Sohn an, der immer zu Hause geblieben war und der jetzt entrüstet ist und protestiert, weil er nicht begreift und all diese Güte gegenüber dem Bruder, der einen Fehler gemacht hatte, nicht teilt. Der Vater geht hinaus, er geht auch diesem Sohn entgegen und ruft ihm in Erinnerung, dass sie immer zusammen gewesen seien und alles gemeinsam hätten (V. 31), es aber notwendig sei, voll Freude den Bruder aufzunehmen, der endlich nach Hause zurückgekommen ist. Und das lässt mich an etwas denken: Wenn sich einer als Sünder empfindet, sich wirklich gering fühlt, oder wie ich jemanden – viele – sagen gehört habe: »Pater, ich bin ein Dreck!«, dann ist das der Augenblick, zum Vater zu gehen. Wenn ich mich dagegen für gerecht halte – »Ich habe immer alles gut gemacht…« –, dann kommt der Vater ebenso, um nach uns zu suchen, da diese Haltung, sich für gerecht zu halten, eine schlechte Haltung ist: das ist Hochmut! Er kommt vom Teufel. Der Vater erwartet jene, die sich als Sünder erkennen, und macht sich auf die Suche nach jenen, die sich für gerecht halten. Das ist unser Vater!

In diesem Gleichnis kann man auch einen dritten Sohn ausmachen. Einen dritten Sohn? Und wo? Er ist verborgen! Es ist jener, der »[nicht] daran festhielt, wie [der Vater] zu sein, sondern [sich] entäußerte und wie ein Sklave [wurde]« (Phil 2,6-7). Dieser Sohn und Sklave ist Jesus! Er ist die Erweiterung der Arme und des Herzens des Vaters: Er hat den Verlorenen aufgenommen und seine schmutzigen Füße gewaschen; er hat das Mahl für das Fest der Vergebung bereitet. Er, Jesus, lehrt uns, »barmherzig wie der Vater« zu sein.

Die Gestalt des Vaters im Gleichnis offenbart das Herz Gottes. Er ist der barmherzige Vater, der uns in Jesus über alle Maßen liebt, er erwartet immer  unsere Umkehr, jedes Mal, wenn wir einen Fehler machen. Er erwartet unsere Rückkehr, wenn wir uns von ihm in der Meinung entfernen, ohne ihn auskommen zu können. Er ist immer bereit, seine Arme für uns auszubreiten, was auch immer geschehen mag. Wie der Vater im Evangelium betrachtet uns auch Gott weiter als seine Kinder, wenn wir uns verirrt haben, und er kommt uns voll Zärtlichkeit entgegen, wenn wir zu ihm zurückkehren. Die Fehler, die wir begehen, rütteln nicht an der Treue seiner Liebe, selbst wenn sie groß sind. Im Sakrament der Versöhnung können wir immer neu beginnen. Er nimmt uns auf, er gibt uns die Würde als Kinder zurück und sagt: »Geh voran! Sei in Frieden! Steh auf, geh voran!« Im verbleibenden Abschnitt der Fastenzeit, der uns noch vom Osterfest trennt, sind wir aufgerufen, den inneren Weg der Umkehr zu intensivieren. Wir wollen uns vom liebevollen Blick unseres Vaters erreichen lassen, ganzen Herzens umkehren und jeden Kompromiss mit der Sünde zurückweisen. Die selige Jungfrau Maria begleite uns bis zur erneuernden Umarmung mit der Göttlichen Barmherzigkeit.


Nach dem Angelusgebet:

Liebe Brüder und Schwestern, ich bringe den Missionarinnen der Nächstenliebe angesichts des schweren Trauerfalls meine Nähe zum Ausdruck, von dem sie vor zwei Tagen aufgrund der Ermordung von vier Schwestern in Aden (Jemen) getroffen wurden, wo sie alten Menschen beistanden. Ich bete für sie und alle weiteren Menschen, die bei diesem Angriff getötet wurden, sowie für ihre Familienangehörigen. Das sind die Märtyrer von heute! Das kommt nicht auf die Titelseiten der Zeitungen, sie haben »keinen Nachrichtenwert «: sie vergießen ihr Blut für die Kirche. Diese Menschen sind Opfer des Angriffs derer, die sie getötet haben, und auch der Gleichgültigkeit, dieser Globalisierung der Gleichgültigkeit, der dies egal ist… Mutter Teresa begleite diese ihre Töchter und Märtyrerinnen der Nächstenliebe ins Paradies und lege Fürsprache ein für den Frieden und die heilige Achtung des menschlichen Lebens.

Als konkretes Zeichen des Einsatzes für den Frieden und das Leben möchte ich die jüngst in Italien angelaufene Initiative der humanitären Korridore für die Flüchtlinge anführen und meine Bewunderung dafür zum Ausdruck bringen. Dieses Pilotprojekt, das Solidarität mit Sicherheit verbindet, erlaubt es, Menschen beizustehen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, wie die hundert Flüchtlinge, die bereits nach Italien gebracht wurden, unter ihnen Kranke, Behinderte, Kriegswitwen mit Kindern und alte Menschen. Es freut mich auch, weil diese Initiative eine ökumenische Initiative ist, insofern sie von der Gemeinschaft »Sant’Egidio«, der Föderation der Evangelischen Kirchen Italiens sowie von den Kirchen der Waldenser und Methodisten getragen wird.

Ich grüße euch alle, die Pilger aus Italien und vielen anderen Ländern, besonders die Gläubigen der Katholischen Mission aus Hagen (Deutschland), wie auch jene aus Timi‚soara (Rumänien), Valencia (Spanien) und Dänemark. Ich grüße die Pfarrgruppen aus Tarent, Avellino, Dobbiaco, Fane (Verona) und Rom; die Kinder aus Mailand, Almenno San Salvatore, Verdellino-Zingonia, Latiano, und die Jugendlichen aus Vigonovo; die Schulen »Don Carlo Costamagna« aus Bustoarsizio und »Immacolata« aus Soresina; die Gebetsgruppen »Santa Maria degli Angeli e della Speranza«; die Nationale Konföderation der ehemaligen Schüler der Katholischen Schule.

Ich bitte um ein Gebetsgedenken für mich und für meine Mitarbeiter, die wir von heute Abend an bis zum kommenden Freitag auf Exerzitien gehen werden. Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

 



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