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AUSSERORDENTLICHES JUBILÄUM DER BARMHERZIGKEIT

PAPST FRANZISKUS

JUBILÄUMSAUDIENZ

Donnerstag, 30. Juni 2016

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Wie oft haben wir in diesen ersten Monaten des Jubiläums von den Werken der Barmherzigkeit reden gehört! Heute lädt der Herr uns zu einer ernsthaften Gewissenserforschung ein. Denn wir dürfen nie vergessen, dass die Barmherzigkeit kein abstraktes Wort ist, sondern ein Lebensstil: Ein Mensch kann barmherzig sein oder er kann nicht barmherzig sein; es ist ein Lebensstil.

Ich entscheide mich, barmherzig zu leben, oder ich entscheide mich, nicht barmherzig zu leben. Eine Sache ist es, über Barmherzigkeit zu sprechen, etwas anderes ist es, die Barmherzigkeit zu leben. In Anlehnung an ein Wort des heiligen Apostels Jakobus (vgl. 2,14-17) können wir sagen: Die Barmherzigkeit für sich allein ist tot, wenn sie nicht Werke vorzuweisen hat. Genauso ist es! Was die Barmherzigkeit lebendig macht, ist die beständige Dynamik des Zugehens auf die Bedürfnisse und Nöte der Menschen, die sich in geistlicher und materieller Not befinden. Die Barmherzigkeit hat Augen, um hinzusehen; Ohren, um zuzuhören; Hände, um wieder aufzurichten…

Der Alltag gibt vielfältige Gelegenheiten, viele Bedürfnisse der Armen und Leidtragenden mit Händen zu greifen. Es bedarf der besonderen Aufmerksamkeit unsererseits, um das Leiden und die Bedürftigkeit vieler Brüder und Schwestern zu erkennen. Manchmal begegnen wir Situationen dramatischer Armut, und sie scheinen uns nicht zu berühren; alles geht weiter als wenn nichts wäre, in einer Gleichgültigkeit, die uns letztlich zu Heuchlern macht und, ohne dass wir es merken, in eine Form geistlicher Trägheit einmündet, die das Herz gefühllos und das Leben unfruchtbar macht. Menschen, die vorübergehen, die im Leben weitermachen, ohne die Not der Anderen zu erkennen, ohne die ganze spirituelle und materielle Not zu sehen, sind Menschen, die vorübergehen, ohne zu leben, sind Menschen, die den anderen nicht dienen. Erinnert euch gut daran: Wer nicht lebt, um zu dienen, versteht nicht zu leben.

Wie vielfältig ist Gottes Barmherzigkeit uns gegenüber! Und wie viele Gesichter wenden sich uns zu, um Barmherzigkeit zu erlangen! Wer im eigenen Leben die Barmherzigkeit des Vaters erfahren hat, kann nicht gefühllos gegenüber den Nöten der Geschwister sein. Die Lehre Jesu, die wir gehört haben, lässt keine Ausflüchte zu: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war nackt, fremd, krank, im Gefängnis, und ihr habt mir geholfen (vgl. Mt 25,35-36).

Man darf angesichts eines hungernden Menschen nicht zaudern: Man muss ihm zu essen geben. Jesus sagt uns das! Die Werke der Barmherzigkeit sind keine theoretischen Themen, sondern es sind konkrete Zeugnisse. Sie verpflichten uns, die Ärmel hochzukrempeln, um das Leiden zu lindern. Aufgrund des Wandels unserer globalisierten Welt haben sich einige Formen materieller und spiritueller Armut vervielfacht: Geben wir daher der Phantasie der Nächstenliebe Raum, um neue Möglichkeiten des Handelns zu erkennen. Auf diese Weise wird der Weg der Barmherzigkeit immer konkreter werden.

Von uns wird daher verlangt, wachsam zu sein wie Wächter, damit der Blick der Christen angesichts der von der Wohlstandskultur erzeugten Formen der Armut nicht schwach wird und unfähig, das Wesentliche anzublicken. Das Wesentliche anblicken. Was bedeutet das? Jesus anblicken, Jesus anblicken im Hungernden, im Gefangenen, im Kranken, im Nackten, in dem, der keine Arbeit hat und eine Familie ernähren muss. Jesus anblicken in diesen unseren Brüdern und Schwestern; Jesus anblicken in dem, der allein und traurig ist; in dem, der Fehler macht und einen Rat braucht; in dem, der jemanden braucht, der ihn still auf seinem Weg begleitet, damit er spürt, dass er in Gesellschaft ist. Das sind die Werke, die Jesus von uns verlangt! In ihnen, in diesen Menschen auf Jesus schauen. Warum? Weil Jesus so auf mich schaut, auf uns alle schaut.

Jetzt kommen wir zu einem anderen Thema. In den vergangenen Tagen hat der Herr mir gewährt, Armenien zu besuchen, die erste Nation, die das Christentum als Religion angenommen hat, zu Beginn des vierten Jahrhunderts: ein Volk, das im Laufe seiner langen Geschichte den christlichen Glauben mit dem Martyrium bezeugt hat. Ich danke Gott für diese Reise, und ich bin dem Präsidenten der Republik Armenien, dem Katholikos Karekin II., dem Patriarchen, und den katholischen Bischöfen sowie dem ganzen armenischen Volk aufrichtig dankbar, dass sie mich als Pilger der Brüderlichkeit und des Friedens empfangen haben.

In drei Monaten werde ich – so Gott will – eine weitere Reise durchführen: nach Georgien und Aserbaidschan, zwei andere Länder der Kaukasusregion. Ich habe die Einladung, diese Länder zu besuchen, aus einem zweifachen Grund angenommen: einerseits, um den uralten christlichen Wurzeln in diesen Ländern Anerkennung zu zollen – stets im Geist des Dialogs mit den anderen Religionen und Kulturen –, und andererseits, um Hoffnungen und Wege des Friedens zu ermutigen. Die Geschichte lehrt uns, dass der Weg des Friedens große Beharrlichkeit und ständige Schritte verlangt. Man muss mit kleinen Schritten beginnen, um diese dann nach und nach wachsen zu lassen, indem man aufeinander zugeht. Gerade daher ist es mein Wunsch, dass alle und jeder Einzelne seinen Beitrag zum Frieden und zur Versöhnung leisten möge.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Die Sommerzeit gibt vielen von euch eine Gelegenheit des Urlaubs und der Erholung. Vergessen wir nicht in dieser Zeit unsere menschlichen Beziehungen zu pflegen und die Barmherzigkeit zu leben. Damit erfahren auch wir Momente der Stärkung und der Ermunterung. Der Heilige Geist begleite euch auf euren Wegen!

 



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