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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

"Nichts" und "Alles" des Christen

    Montag, 17. Juni 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 26, 28. Juni 2013

 

Das Nichts ist Same des Krieges, immer: weil es Same des Egoismus ist. Das Alles dagegen, jenes große Alles, das ist Jesus. Auf das richtige Verständnis dieses Wortpaares sind die Sanftmut und die Großherzigkeit gegründet, die den Christen auszeichnen. Das sagte Papst Franziskus am Morgen des 17. Juni bei der Messe in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae. Es konzelebrierte u.a. Kardinal Attilio Nicora, Präsident der Finanzinformationsbehörde (AIF), in Anwesenheit einiger seiner Mitarbeiter sowie einer Gruppe von Angestellten der Vatikanischen Museen.

Der Papst konzentrierte sich in seinem Kommentar zu den Tageslesungen aus dem Zweiten Korintherbrief (6,1–10) und aus dem Matthäusevangelium (5,38–42) auf die Bedeutung eines »Klassikers« aus den Lehren des Evangeliums, das heißt auf den Sinn der Worte Jesu in Bezug auf die auf eine Wange erhaltene Ohrfeige, auf die der Christ damit antwortet, dass er auch die andere Wange hinhält. Etwas, das der Logik der Welt entgegen gesetzt sei, nach der man auf eine Beleidigung mit einer ebensolchen Gegenreaktion antworte, denn: »Wir müssen uns verteidigen, wir müssen kämpfen, wir müssen unseren Platz verteidigen. Und wenn sie uns eine Ohrfeige geben, dann geben wir zwei zurück, so verteidigen wir uns. Das ist die Logik, das ist normal, oder?«

Aber Jesus gehe weiter und sage, dass man nach dem erhaltenen Schlag auf die Wange gemeinsam mit dem anderen innehalten, ihm Zeit widmen müsse. Und wenn er um etwas bitte, müsse man ihm noch sehr viel mehr geben. Das sei das Gesetz Jesu: »Die Gerechtigkeit, die er bringt, ist eine andere Gerechtigkeit, vollkommen anders als das Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Der Heilige Vater lenkte anschließend die Aufmerksamkeit auf den Satz, mit dem Paulus den in der Liturgie verlesenen Abschnitt abschließt. Denn, so erläuterte er, »er sagt uns ein Wort, das uns vielleicht hilft, die Bedeutung des Schlages auf die Wange und noch anderes zu verstehen. Er schließt nämlich, indem er sagt: ›Wir haben nichts und haben doch alles.‹«

Und zum Nachdenken über dieses Begriffspaar lud der Bischof von Rom die Anwesenden ein: das Nichts und das Alles. Er führte dabei aus: »Das ist, so glaube ich, der Verständnisschlüssel für dieses Wort Jesu, der Schlüssel, um jene Gerechtigkeit, die Jesus von uns fordert, zu verstehen als eine höhere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.« Franziskus stellte die Frage, wie man die Spannung zwischen dem Nichts und dem Alles lösen könne. Das Alles sei die Sicherheit der Christen: »Wir sind sicher, dass wir mit dem Heil Jesu Christi Alles besitzen. Und Paulus war davon so überzeugt, dass er sagte: Aber für mich ist das, was zählt, Jesus Christus, das andere hat keine Bedeutung: das andere kann man meinetwegen wegwerfen. Das Alles ist Jesus Christus. Die anderen Dinge sind ein Nichts für den Christen. Für den Geist der Welt dagegen sind die Dinge Alles: Reichtum, Eitelkeiten, die eigene Wichtigkeit«, und Jesus sei im Gegenteil das Nichts.

Der Papst erläuterte, dass dies auch in der Tatsache zum Ausdruck käme, dass ein Christ, wenn er um zehn gebeten werde, er »hundert geben muss«, weil für ihn Jesus Christus alles sei. Das sei »das Geheimnis der christlichen Großherzigkeit, die immer mit der Sanftmut einhergeht. Der Christ ist ein Mensch, der sein Herz weit macht, mit dieser Großherzigkeit. Er besitzt Alles, das heißt Jesus, während die anderen Dinge ein Nichts sind. Sie sind gut, sie können nützlich sein, aber im Augenblick der Entscheidung, wählt er immer Alles«: Jesus.

Sanftmut und Großherzigkeit. Sicherlich sei es nicht einfach, so zu leben, gab der Papst zu, »denn man schlägt dich wirklich auf die Wange, und dazu auf beide Wangen.« Aber »der Christ ist sanftmütig, der Christ ist großherzig. Er macht sein Herz weit. Und wenn wir Christen begegnen, die ein kleines Herz haben«, dann bedeute das, dass sie »einen Egoismus« leben, »der als Christentum getarnt ist«. Im Übrigen »hat uns Jesus geraten: ›Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles übrige wird euch dazugegeben.‹ Das Reich Gottes ist das Alles, der Rest ist zweitrangig, es ist nicht das Wichtigste.« Und alle Fehler der Christen, »alle Fehler der Kirche, all unsere Fehler kommen daher: wenn wir zum Nichts sagen, dass es Alles ist, und wenn das Alles nicht zu zählen scheint«, warnte der Papst.

Jesus nachfolgen, so der Heilige Vater weiter, »ist nicht einfach. Es ist nicht einfach, aber es ist auch nicht schwierig, weil der Herr auf dem Weg der Liebe die Dinge so einrichtet, dass wir voran gehen können. Und der Herr selbst macht unser Herz weit.« Wenn man dagegen dazu neige, dem Nichts zu folgen, dann »entstehen die Auseinandersetzungen in den Familien, mit den Freunden, in der Gesellschaft und auch jene Auseinandersetzungen, die im Krieg enden«, denn »das Nichts ist Same des Krieges, immer: weil es Same des Egoismus ist«. Das Alles dagegen, »jenes große Alles, das ist Jesus«. Der Papst bat den Herrn um die Gnade, dass er »unser Herz weit machen möge, uns demütig, sanftmütig und großherzig sein lasse, weil wir Alles in ihm haben«, und dass er uns davor bewahren möge, »tägliche Probleme um das Nichts« anzuzetteln.




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