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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Der Ruf an Abraham

Dienstag, 25. Juni 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 5. Juli 2013

 

Der Weg zum Frieden im Nahen Osten ist jener, den die »Weisheit« Abrahams, des gemeinsamen Vaters im Glauben für Juden, Christen und Muslime, uns gewiesen hat. Das sagte Papst Franziskus bei der Messe, die er am Dienstag, 25. Juni, in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae feierte, unter Bezug auf Kapitel 13 der Genesis. »Wenn ich diesen Text lese, dann denke ich an den Nahen Osten und bitte den Herrn sehr darum, dass er uns allen Weisheit verleihe, diese Weisheit: streiten wir nicht – du dort, ich hier – um den Frieden«, sagte er zu Beginn der Predigt. Und Abraham, so ergänzte er, erinnere uns auch daran, dass »niemand nur zufällig ein Christ ist«, da Gott uns bei unserem Namen und mit »einer Verheißung« rufe.

Gemeinsam mit dem Papst zelebrierten unter anderem die Kardinäle Camillo Ruini und Robert Sarah, Präsident des Päpstlichen Rats »Cor Unum«, der eine Gruppe von Priestern und Mitarbeitern des Dikasteriums begleitete; weiter Bischof Ignacio Carrasco de Paula, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, mit seinen Mitarbeitern; sowie der Jesuit Gabriel G. Funes, Direktor der Vatikanischen Sternwarte, der mit dem Personal des astronomischen Observatoriums gekommen war.

Der Papst erinnerte daran, dass am Anfang der Geschichte Abrahams, der bereit sei, sein Land zu verlassen, »um zu einem unbekannten Ort aufzubrechen, den ihm der Herr nennen würde«, eine Verheißung stehe. Der Heilige Vater ließ die Wechselfälle von Abrahams Leben Revue passieren, die Reise nach Ägypten und, wie gesagt, den Streit und die Versöhnung mit Lot über eine Frage der Landverteilung. Papst Franziskus wiederholte die wunderschönen Worte aus der Genesis: »Da sprach der Herr zu Abraham: ›Blick auf und schau von der Stelle, an der du stehst, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben.‹ « Und er fügte hinzu: »Dieser vielleicht bereits neunzigjährige Mann schaut alles an und glaubt dem Wort Gottes, der ihn dazu aufgefordert hat, seine Heimat zu verlassen. Er glaubt. Und dann geht er, lässt sich bei den Eichen von Mambre nieder, an dem Ort, an dem der Herr oft zu ihm sprechen wird.«

Abraham, so betonte der Papst, »bricht mit einer Verheißung aus seiner Heimat auf. Seine ganze Reise besteht darin, dieser Verheißung entgegenzugehen. Und sein Weg ist auch ein Vorbild für unseren Weg. Gott ruft Abraham, einen einzelnen Menschen, und aus diesem Menschen lässt er ein Volk werden. Wenn wir zum Buch Genesis gehen, an den Anfang, zur Schöpfung, können wir lesen, wie Gott die Sterne erschafft, die Pflanzen erschafft, die Tiere erschafft.« Alles im Plural. Aber »er schafft den Menschen: Singular. Einen. Gott spricht immer im Singular zu uns, weil er uns nach seinem Bild und ihm ähnlich erschaffen hat. Und Gott spricht im Singular zu uns und hat zu Abraham gesprochen, er hat ihm etwas verheißen und hat ihn dazu aufgefordert, sein Land zu verlassen«. Auch »wir Christen«, so fuhr der Papst fort, »sind im Singular berufen worden. Niemand von uns ist Christ durch einen bloßen Zufall: Niemand. Es gibt einen Ruf für dich, für dich, für dich«. Es sei ein Ruf »beim Namen, mit einer Verheißung: geh voran, ich bin bei dir, ich gehe an deiner Seite«.

»Das«, so erklärte er, »wusste auch Jesus, der sich in den schwierigsten Augenblicken an den Vater wendet«, wie es »im Ölgarten« geschehen sei. »Und ganz am Ende, als er jenes abgrundtiefe Dunkel nahen spürt«, da sagte er: »Vater, warum hast du mich verlassen?« Folglich ist er »immer in Verbindung mit dem Vater, der ihn berufen und gesandt hat. Und selbst als er uns verlässt, am Tag der Himmelfahrt, sagt er dieses schöne Wort: Ich bin bei euch alle Tage, neben euch: neben dir, neben dir, neben dir. Immer.«

»Gott begleitet uns. Gott ruft uns bei unserem Namen. Gott verheißt uns eine Nachkommenschaft «, erinnerte der Papst weiter. »Und das ist die Gewissheit des Christen: es ist kein Zufall, es ist ein Ruf. Ein Ruf, der uns weitergehen lässt. Christ sein ist ein Ruf der Liebe, der Freundschaft. Ein Ruf dazu, Kind Gottes zu werden, Bruder Jesu, dazu, fruchtbar zu werden bei der Weitergabe dieses Rufs an die anderen Menschen, ein Werkzeug dieses Rufs zu werden«. Gewiss, so gestand er ein, »da gibt es viele Probleme, schwierige Augenblicke. Auch Jesus hat viele davon durchlebt, aber immer in der Gewissheit: Der Herr hat mich gerufen, der Herr ist bei mir, der Herr hat mir eine Verheißung gegeben. Aber vielleicht hat sich der Herr in mir getäuscht? Der Herr ist treu, denn er kann nie sich selbst verleugnen. Er ist die Treue.«

Gerade »wenn wir an Abraham denken, an diese Bibelstelle, wo er erstmals zum Vater gesalbt wird, zum Vater des Volkes, da denken auch wir daran«, fuhr der Papst fort, »dass wir gesalbt sind in der Taufe, und denken an unser christliches Leben«. Und diejenigen, die sagen »Vater, aber ich bin ein Sünder«, erinnerte der Papst daran, dass wir das alle seien. Wichtig sei »voranzugehen mit dem Herrn. Weiterzugehen mit jener Verheißung, die er uns gegeben hat, mit jenem Versprechen der Fruchtbarkeit; und den anderen Menschen zu sagen, den anderen zu erzählen, dass der Herr bei uns ist, dass der Herr uns auserwählt hat und uns nie allein lässt. Diese Gewissheit des Christen tut uns gut«.

Papst Franziskus schloss mit der Hoffnung, dass »der Herr uns allen jenen Willen verleihe, weiterzugehen, den Abraham gehabt habe«, auch inmitten aller Schwierigkeiten. Weitergehen, mit der Gewissheit des Abraham, der Gewissheit, dass der Herr »mich berufen hat, mir viele schöne Dinge verheißen hat, dass er bei mir ist«.




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