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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Christen des Handelns und der Wahrheit

Donnerstag, 27. Juni 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 5. Juli 2013

 

Es bestehe ein Bedarf an »Christen des Handelns und der Wahrheit«, deren Leben »auf Jesu Felsen gründet«, und keine »Wort-Christen«, die oberflächlich seien wie die Gnostiker oder starr wie die Pelagianer. Das sagte Papst Franziskus im Verlauf der Messe, die er am Donnerstag früh, 27. Juni, in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae feierte, wobei er ein Thema wieder aufgriff, das ihm am Herzen liegt. Gemeinsam mit ihm zelebrierte Kardinal Raymundo Damasceno Assis, Erzbischof von Aparecida und Präsident der Brasilianischen Bischofskonferenz. Unter den Anwesenden befand sich das Personal der Direktion des Sanitätswesens des Staats der Vatikanstadt unter der Leitung des Direktors, Patrizio Polisca.

Die Reflexion des Papstes, die wie gewöhnlich von den Schriftlesungen zum Tage angeregt war, stützte sich vor allem auf die Passage aus dem Matthäusevangelium (7,21–29), wo, wie der Papst erläuterte, »der Herr zu uns über unsere Grundlage, die Grundlage unseres christlichen Lebens spricht« und uns sage, dass diese »Grundlage der Fels ist«. Das bedeute, dass »wir unser Haus«, d. h. unser Leben, auf dem Fels errichten sollten, der Christus sei. Wenn der hl. Paulus vom Felsen in der Wüste spreche, dann beziehe er sich auf Christus, unterstrich der Papst. Er sei der einzige Fels, »der uns Sicherheit zu verleihen vermag «, so sehr, dass »wir dazu aufgefordert sind, unser Leben auf diesem Felsen Christi aufzubauen. Nicht auf einem anderen Felsen«.

Der Papst erinnerte daran, dass Jesus in dieser Bibelstelle auch auf jene anspiele, die glauben, ihr Leben einzig auf Worten aufbauen zu können: »Nicht jeder, der sagt ›Herr, Herr‹ kommt in das Reich des Himmels«. Aber der Papst wies darauf hin, dass Jesus unverzüglich dazu rate, »unser Haus auf dem Felsen« zu errichten. Ausgehend von dieser Lehre, unterschied der Papst »in der Geschichte der Kirche zweierlei Kategorien von Christen«: die Ersten, vor denen man sich hüten solle, seien die »Wort-Christen«, also jene, die sich darauf beschränken, zu wiederholen: »Herr, Herr, Herr!«; die Zweiten, die wahren Christen, seien die »Christen des Handelns, der Wahrheit«.

Dazu hob er hervor, dass seit jeher die »Versuchung bestanden habe, unser Christentum außerhalb des Felsens zu leben, der Christus ist; des Einzigen, der uns die Freiheit verleiht, Gott mit ›Vater‹ ansprechen zu können; des Einzigen, der uns in schwierigen Momenten stützt«. Jesus selbst sage dies anhand ganz konkreter Beispiele: »Ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen fluteten heran, die Stürme tobten«, aber wenn »der Fels da ist, dann besteht Sicherheit«. Anders sehe es aus, wenn es nur »Worte (gebe), die Worte fliegen, sie nutzen nichts«. Praktisch ende man in der »Versuchung jener ›Wort-Christen‹: in einem Christentum ohne Jesus, in einem Christentum ohne Jesus«. Und leider »ist das in der Kirche geschehen und geschieht dort auch heute noch«. Es handle sich um eine Versuchung, die im Verlauf der Kirchengeschichte in unterschiedlichster Ausprägung vorhanden gewesen sei und die die unterschiedlichsten Kategorien von »Christen ohne Christus« hervorgebracht hätte, von denen Papst Franziskus besonders zwei speziell vertiefte.

Die Kategorie des »Christen Light«, der, »statt den Felsen zu lieben, die schönen Worte liebt, die schönen Dinge« und der sich »mit einem oberflächlichen und unseriösen« Verhalten an einen »Gott in der Spraydose«, einen »persönlichen Gott« wende. Diese Versuchung gäbe es auch heute noch: »oberflächliche Christen, die zwar an Gott glauben«, aber nicht an Jesus Christus, »den, der dir eine Grundlage gibt«. Der Papst definierte diese Art von Christen als »moderne Gnostiker«, als Menschen, die der Versuchung eines flüssigen Christentums nachgäben.

Zur zweiten Kategorie hingegen gehören diejenigen, »die glauben, dass das christliche Leben« »so ernst genommen werden« müsse, dass man zuletzt »Solidität und Festigkeit mit Steifheit verwechselt «. Der Heilige Vater definierte sie als »steife Christen«, »die glauben, es sei, um Christen zu sein, notwendig, Trauer zu tragen«, indem man »immer alles todernst nehme«, sehr auf Formalitäten achte, wie es die Schriftgelehrten und Pharisäer der Zeit Jesu taten. Das sind für den Papst Christen, in deren Augen »alles ernst ist. Sie sind die heutigen Pelagianer, diejenigen, die an die Rigidität im Glauben glauben«. Und sie seien überzeugt davon, dass »das Heil in der Art und Weise besteht, in der wir die Dinge tun«: »ich muss das ernsthaft tun«, ohne Freude. Der Papst kommentierte: »Davon gibt es viele. Sie sind keine Christen, sie verkleiden sich als Christen«.

Diese beiden Kategorien von Gläubigen – Gnostiker und Pelagianer – »kennen« letztendlich »Jesus nicht, sie wissen nicht, wer der Herr ist, sie wissen nicht, was der Fels ist, es fehlt ihnen die Freiheit der Christen«. Und folglich »sind sie freudlos«. Die Ersteren »verfügen über eine gewisse oberflächliche ›Fröhlichkeit‹«; die Zweiten »leben in einer ununterbrochenen Trauerwache, aber sie wissen nicht, was die christliche Freude ist, sie können das Leben, das Jesus uns schenkt, nicht genießen, weil sie nicht über ihn sprechen können«. Deshalb seien sie außerstande, in Jesus »jene Festigkeit« zu finden, »die seine Gegenwart gibt«. Und sie sind nicht nur freudlos, sondern ihnen »fehlt auch die Freiheit«. Die Ersten, fuhr der Papst fort, »sind Knechte der Oberflächlichkeit«, die Zweiten »sind Knechte ihrer Steifheit« und sind »unfrei«, weil »der Heilige Geist in ihrem Leben keinen Platz hat«. Im übrigen »ist es der Heilige Geist, der uns frei macht«.

Das also ist Papst Franziskus zufolge die Lehre des heutigen Tages: die Einladung dazu, unser Christenleben auf dem Felsen zu gründen, der uns die Freiheit gibt« und der uns »freudig auf seinen Weg weitergehen lässt, seine Angebote annehmen lässt«. Von hier aus erfolgt die doppelte Ermahnung, »den Herrn um die Gnade zu bitten, keine ›Wort-Christen‹ zu werden, sei es nun mit ›gnostischer Oberflächlichkeit‹, sei es mit »pelagianischer Steifheit‹, um statt dessen »weitergehen zu können im Leben als Christen, die fest auf den Felsen gründen, der Jesus Christus ist, und mit der Freiheit, die uns der Heilige Geist verleiht «. Eine Gnade, die man »ganz besonders von der Muttergottes« erbitten könne. Sie, so schloss er, »weiß, was es heißt, auf dem Felsen zu gründen«.

 




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