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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Wir müssen in unserer Schwachheit mutig sein

 Dienstag, 2. Juli 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 5. Juli 2013

 

Die Versuchung, die Neugier, die Angst und schließlich die Gnade. Das sind vier Situationen, in denen man sich befinden kann, wenn man sich einer Schwierigkeit ausgesetzt sieht. Papst Franziskus sprach von jeder Situation in der Frühmesse am Dienstag früh, 2. Juli, bei seinen Reflexionen über die Schriftlesungen für Liturgie des Tages (Genesis 19,15–29; Psalm 26; Mk 8,23–27). In der Kapelle der Domus Sanctae Marthae waren unter anderem Beamte und Angestellte der Apostolischen Pönitentiarie anwesend, die begleitet wurden von Kardinal Manuel Monteiro de Castro, dem Großpönitentiar, der mit dem Papst konzelebrierte, sowie die Alumnen der Päpstlichen Diplomatenakademie mit ihrem Präsidenten, Erzbischof Beniamino Stella, der auch einer der Konzelebranten war.

Der Heilige Vater begann seine Predigt, indem er den Schwerpunkt seiner Ausführungen auf die Einzigartigkeit der Liturgie für diesen Tag legte, die, wie er sagte, an gewisse »Konfliktsituationen« denken lassen, denen schwer zu begegnen ist. Über sie nachzudenken »tut uns gut«, präzisierte er. Die erste Haltung sei diejenige, die wir an der Langsamkeit ablesen können, mit der Lot auf die Aufforderung des Engels reagiert, der ihm sagt, er solle sich beeilen, die Stadt vor ihrer Zerstörung zu verlassen. Der Papst bezog sich auf die Geschichte der Zerstörung von Sodom und Gomorra, über die im Buch Genesis berichtet wird, sowie auf die Rettung Lots und seiner Familie, die Abraham für ihn erlangt hatte. Der Papst erklärte, dass er »beschlossen hatte, die Stadt zu verlassen. Am Vorabend war er zu den Häusern der Verlobten seiner Töchter gegangen, um sie davon zu überzeugen, wegzugehen«. Er hatte also einen festen Entschluss gefasst, aber als der Augenblick kommt, um die Flucht zu ergreifen, »geht er ganz langsam, hat keine Eile«. Lot »wollte weggehen, aber langsam, ganz gemächlich, langsam«, selbst dann noch, als der Engel ihn dazu auffordert, zu fliehen. Diese Aufforderung, erinnerte der Papst, »wird im Text sehr oft wiederholt: ›flieh, flieh‹«. Lots Verhalten verkörpert dem Papst zufolge »die Unfähigkeit, sich vom Bösen, von der Sünde abzusetzen.

Wir wollen uns davon befreien, wir sind dazu entschlossen; aber da ist etwas, das uns zurückzieht«. »Ich meine«, fügte der Papst hinzu, um Lots Verhalten zu erklären, »dass vielleicht die Versuchung mit im Spiel war, ein wenig näher zu sein«, die Lot dazu brachte, diese Bitte vorzubringen. Tatsächlich »ist es sehr schwer, zu einer Situation der Sünde die Brücken abzubrechen«. Aber »die Stimme Gottes sagt uns dieses Wort: ›flieh! Du kannst hier nicht kämpfen, da dich das Feuer, der Schwefel töten werden. Flieh!‹« Die hl. Thérèse von Lisieux, so fuhr Papst Franziskus fort, »hat uns gelehrt, dass es angesichts einiger Versuchungen manchmal der einzige Ausweg ist, die Flucht zu ergreifen, sich nicht zu schämen, die Flucht zu ergreifen, zuzugeben, dass wir schwach sind, und dass wir fliehen müssen«.

Das zweite Verhalten kann auch aus der Erzählung von Lots Flucht abgeleitet werden. »Der Engel«, so erinnerte der Papst, »sagt, man solle nicht nach hinten schauen: ›Flieh und sieh dich nicht um, geh weiter‹. Auch hier haben wir es mit einem Rat zu tun, um unsere Nostalgie nach der Sünde zu überwinden«. Ein Rat, der im Wort Gottes oft vorkommt. Der Heilige Vater führte als Beispiel etwa die Flucht des Volkes Gottes in die Wüste an: es hatte alles, es konnte sich auf die Verheißungen stützen, die ihm der Herr gemacht hatte, es wusste, dass es gleichwohl Mühsal auf sich nehmen musste, um weiterzugehen, aber es war sich auch der ständigen Gegenwart des Herrn an seiner Seite bewusst. Und trotzdem hatten sie immer noch Heimweh nach den »Zwiebeln Ägyptens«, und vergaßen, dass sie diese Zwiebeln »am Tisch der Knechtschaft« zu essen pflegten.« Aber in diesem Augenblick sei das Heimweh so stark gewesen, dass sie alles außer den Zwiebeln vergessen hätten. »Der Rat des Engels«, so betonte der Papst, »ist weise: nicht zurückschauen. Geh weiter!«. Und an diesem Punkt sagte der Papst zu den Anwesenden: »Wir haben den Herrn in dem Gebet, das wir vor dem Beginn der Messe gesprochen haben, um die Gnade gebeten, uns nicht in die Dunkelheit des Irrtums fallen zu lassen: ›Herr, lass uns nicht hineinfallen‹; dabei wird die Flucht uns helfen«.

Die dritte Verhaltensweise, über die Papst Franziskus sprach, ist diejenige der Angst. Der Bezugspunkt hierfür ist die im Matthäusevangelium (8,23–27) erzählte biblische Begebenheit von dem Schiff, auf dem sich die Apostel befanden und das unversehens in einen Sturm kam. »Das Boot wurde von den Wellen überflutet«, erinnerte der Papst. »›Herr, rette uns, wir gehen zugrunde‹, sagen sie. Auch die Angst ist eine Versuchung des Teufels. Sich davor fürchten, auf dem Weg des Herrn weiterzugehen«. Man komme dann an den Punkt, wo man es vorziehe, stehenzubleiben, auch wenn man von der Knechtschaft erdrückt werde, weil man sich davor fürchte, weiterzugehen: »›Ich fürchte mich davor, wohin mich der Herr bringen wird‹. Die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Jesus hat es oftmals gesagt: ›habt keine Angst‹. Die Angst hilft uns nicht«, sagte der Papst.

Die vierte Verhaltensweise bezieht sich auf die Gnade des Heiligen Geistes, die sich manifestiert, »als Jesus auf dem See die große Windstille eintreten lässt. Und alle staunen«. Angesichts der Sünde, angesichts der Nostalgie, der Angst muss man »den Herrn ansehen«, betonte der Papst, »den Herrn kontemplieren, indem man jenes »wunderschöne Staunen einer neuen Begegnung mit dem Herrn« verspürt. »›Herr, ich habe Angst …‹, aber dann haben die Jünger den Herrn angeschaut: ›Rette uns, Herr, wir gehen zugrunde‹. Und da kam das Staunen über die neue Begegnung mit Jesus. Wir sind nicht etwa einfältig, noch laue Christen: wir sind tapfer, mutig. Ja, wir sind nicht schwach, aber wir müssen in unserer Schwachheit mutig sein«.

 




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