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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Die Wundmale berühren, um Jesus zu bekennen

 Mittwoch, 3. Juli 2013

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 29, 19. Juli 2013

 

Wir müssen aus uns herauskommen und auf die Straßen der Menschen gehen, um zu entdecken, dass die Wundmale Jesu auch heute noch am Körper all jener Brüder sichtbar sind, die Hunger und Durst leiden, die nackt, erniedrigt und geknechtet sind, die sich im Gefängnis oder im Krankenhaus befinden. Und gerade durch die Berührung und Liebkosung dieser Wunden wird es uns möglich, »den lebendigen Gott mitten unter uns anzubeten«.

Der dem heiligen Apostel Thomas geweihte Festtag bot Papst Franziskus die Gelegenheit, wieder auf eine Vorstellung zurückzukommen, die ihm ganz besonders am Herzen liegt: die Finger in die Wunden Jesu legen. So war die Geste des hl. Thomas, der die Finger in die Wundmale des auferstandenen Jesus legt, das zentrale Thema der Predigt, die der Papst im Verlauf der Messe hielt, die er am Mittwoch, 3. Juli, in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae feierte. Gemeinsam mit dem Papst konzelebrierte unter anderem auch Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, der eine Gruppe von Angestellten dieses Dikasteriums begleitete.

Im Anschluss an die Schriftlesungen (Eph 2,19–22; Psalm 117; Joh 20,24–29) befasste sich der Papst vor allem mit dem unterschiedlichen Verhalten der Jünger, »als Jesus sich nach der Auferstehung wieder sehen ließ«: einige von ihnen seien glücklich und fröhlich gewesen, andere hätten gezweifelt. Auch Thomas, dem sich der Herr erst acht Tage nach jener Erscheinung gezeigt habe, sei misstrauisch gewesen. »Der Herr«, sagte der Papst, indem er diese Verzögerung erläuterte, »weiß, wann und weshalb er was tun muss. Er lässt jedem so viel Zeit, wie er es für angebracht hält«. Dem hl. Thomas habe er acht Tage gewährt; und er habe gewollt, dass auf seinem Körper noch die Wundmale zu sehen waren, obwohl er »rein, wunderschön und voller Licht« gewesen sei, eben deshalb, weil der Apostel, wie der Papst erinnerte, gesagt hatte, dass er nicht glauben werde, bis er nicht seinen Finger in die Wunden des Herrn habe legen können. »Er war ein Dickkopf! Aber der Herr«, kommentierte der Papst, »wollte gerade einen Dickkopf, um uns dabei zu helfen, etwas noch Größeres zu verstehen. Thomas sah den Herrn, er wurde dazu aufgefordert, seinen Finger in die von den Nägeln verursachten Wunden zu legen, seine Hand in die Wunde an seiner Seite zu legen. Aber dann hat er nicht etwa gesagt: ›Es ist wahr, der Herr ist auferstanden‹. Nein. Er ist noch darüber hinausgegangen, er hat gesagt: ›mein Herr und mein Gott‹. Er ist der erste der Jünger, der das Bekenntnis zur Göttlichkeit Christi nach dessen Auferstehung ablegt. Und er hat ihn angebetet«.

Von diesem Bekenntnis her, so erläuterte der Bischof von Rom, verstehe man dann, was die Absicht gewesen sei, die der Herr Thomas gegenüber im Sinn gehabt habe: Ausgehend von seiner Ungläubigkeit habe er ihn nicht etwa dazu gebracht, die Auferstehung zuzugeben, sondern vielmehr seine Göttlichkeit. »Und Thomas«, sagte der Papst, »betet den Sohn Gottes an. Aber um anzubeten, um Gott zu finden, den Sohn Gottes, musste er den Finger in die Wundmale legen, seine Hand in seine offene Seite stecken. Das ist der Weg.« Es gebe keinen anderen.

Natürlich »gab es im Lauf der Geschichte der Kirche einige Fehler«, fuhr der Papst fort, »die auf dem Weg zu Gott hin begangen wurden. Einige dachten, dass man den lebendigen Gott, den Gott der Christen« finden könne, indem man »noch höher gehe in der Kontemplation«. Aber das sei »gefährlich; wie Viele verirren sich auf diesem Weg und kommen nicht ans Ziel?«, sagte der Papst. »Ja, vielleicht gelangen sie zur Kenntnis Gottes, aber nicht zu derjenigen Jesu Christi, des Gottessohnes, der zweiten Person der Dreifaltigkeit «, präzisierte er. »Zu ihm gelangen sie nicht.

Das ist der Weg der Gnostiker: das sind gute Menschen, sie mühen sich ab, aber das ist nicht der richtige Weg, er ist äußerst kompliziert« und führt an kein gutes Ziel. Andere hingegen, fuhr der Papst fort, »dachten, wir müssten, um zu Gott zu gelangen, gut sein, uns kasteien und streng sein, und sie haben den Weg der Buße, nichts als Buße, und das Fasten gewählt.

Aber auch diese sind nicht zum lebendigen Gott, zu Jesus Christus, dem lebendigen Gott, gelangt«. Das, fügte der Papst hinzu, »sind die Pelagianer, die glauben, dank ihrer Bemühungen ans Ziel kommen zu können. Aber Jesus sagt Folgendes zu uns: ›Wir haben Thomas auf dem Weg gesehen‹. Aber wie kann ich heute noch die Wunden Jesu finden?

Ich kann sie nicht so sehen, wie sie Thomas gesehen hat. Die Wundmale Jesu findest du, wenn du Werke der Barmherzigkeit vollbringst, wenn du dem Körper, dem Körper und auch der Seele deines mit Wunden übersäten Bruders etwas gibst, weil er hungert, weil er dürstet, weil er nackt ist, weil er erniedrigt ist, weil er geknechtet ist, weil er im Gefängnis ist, weil er im Krankenhaus ist. Das sind in unseren Tagen die Wundmale Jesu. Und Jesus erwartet von uns, dass wir durch diese Wundmale einen Akt des Glaubens an ihn ablegen«.

Es reicht nicht aus, so fügte der Papst noch hinzu, »eine Stiftung zu gründen, um allen Menschen zu helfen«, noch reiche es, »viel Gutes zu tun, um ihnen zu helfen«. All das sei zwar wichtig, aber es sei nichts weiter als das Verhalten von Philanthropen. Dagegen, sagte Papst Franziskus, »müssen wir die Wundmale Jesu anfassen, wir müssen die Wundmale Jesu liebkosen. Wir müssen die Wunden Jesu mit Zärtlichkeit heilen. Wir müssen die Wunden Jesu im ganz wörtlichen Sinne küssen«.

Er erinnerte daran, dass das Leben des hl. Franziskus von dem Augenblick an völlig anders geworden sei, als er den Aussätzigen berührt habe, weil er da »den lebendigen Gott berührt hat und sein Leben in Anbetung verbracht hat«. »Jesus erwartet von uns«, schloss der Papst, »dass wir mit unseren Werken der Barmherzigkeit das tun, worum der hl. Thomas gebeten hatte: in die Wundmale hineingehen«.



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