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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Der Baum des Lebens

Samstag, 14. September 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 39, 27. September 2013

 

Die Geschichte des Menschen und die Geschichte Gottes werden am Kreuz miteinander verwoben. Im Wesentlichen ist das eine Liebesgeschichte. Ein immenses Mysterium, das wir alleine nicht zu verstehen vermögen. Wie kann man »diesen Aloe-Honig, diese bittere Süße von Jesu Opfer kosten?« Papst Franziskus wies am Samstag früh, 14. September, dem Fest Kreuzerhöhung, im Verlauf der Messe, die er in der Kapelle von Santa Marta feierte, den Weg dazu.

In seiner Auslegung der Schriftlesungen zum Tage, die aus dem Brief an die Philipper (2, 6–11) und dem Johannesevangelium (3, 13–17) stammten, sagte der Papst, dass es möglich sei, das Mysterium des Kreuzes »ein bisschen« zu verstehen, »kniend, im Gebet«, aber auch »unter Tränen«. Ja, es sind gerade die Tränen, die »uns diesem Mysterium nahebringen«. In der Tat, »ohne zu weinen«, vor allem »ohne im Herzen zu weinen werden wir dieses Mysterium niemals verstehen«. Es sind »die Tränen des reuigen Sünders, die Tränen des Bruders und der Schwester, die so viel menschliches Elend sehen und es auch in Jesus sehen, kniend und weinend«. Und vor allem, so hob der Papst hervor, »niemals alleine!« Um in dieses Mysterium einzudringen, das »kein Labyrinth ist, diesem aber ein wenig ähnelt«, »bedürfen wir stets der Mutter, der Hand der Mutter«. Maria, so fügte er hinzu, lässt uns spüren, wie groß und demütig dieses Mysterium ist, süß wie der Honig und bitter wie die Aloe«.

Die Kirchenväter, so erinnerte der Papst, »verglichen stets den Baum des Paradieses mit demjenigen der Sünde. Den Baum, der die Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse, des Wissens, trägt, mit dem Baum des Kreuzes. Der erste dieser Bäume »hatte viel Übel angerichtet«, während der Baum des Kreuzes »uns zum Heil, zur Gesundung, zur Vergebung dieses Übels führt«. Das ist »der Weg der Menschheitsgeschichte«. Ein Weg, der es gestattet, »Jesus Christus, den Erlöser, zu finden, der aus Liebe sein Leben gibt«. Eine Liebe, die sich in der Ökonomie des Heils manifestiert, wie uns der Heilige Vater mit den Worten des Evangelisten Johannes ins Gedächtnis rief.

Der Papst sagte, dass Gott »seinen Sohn nicht in die Welt gesandt hat, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.« Und wie hat er uns gerettet? »Durch diesen Baum des Kreuzes«. Mit jenem anderen Baum haben »die Selbstgenügsamkeit, der Stolz und der Hochmut, alles unserer Mentalität und unseren Kriterien gemäß kennen zu wollen« angefangen, »auch gemäß jener Anmaßung, die einzigen Richter der Welt sein und werden zu wollen.« Das, so sagte er, »ist die Menschheitsgeschichte«. Am Baum des Kreuzes hingegen steht die Geschichte Gottes, der »unsere Geschichte hat annehmen und gemeinsam mit uns gehen wollen.«

Gerade in der ersten Schriftlesung fasse der Apostel Paulus »in wenigen Worten die ganze Geschichte Gottes zusammen: Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein.« Sondern »er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.« In der Tat: Christus »erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.«

Und warum tut er das, fragte sich der Bischof von Rom. Die Antwort findet sich in den Worten, die Jesus an Nikodemus richtete: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.« Gott, so schloss der Papst, »geht diesen Weg aus Liebe, es gibt dafür keine andere Erklärung.«




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