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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Als würde man auf die Glut blasen

Samstag, 21. September 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 40, 4. Oktober 2013

 

»Ein Blick, der dich dazu bringt, reifer zu werden und weiterzumachen; der dich ermutigt, denn er lässt dich spüren, dass er dich liebt«; der den Mut verleiht, der dazu nötig ist, ihm nachzufolgen. Die Meditation dieses Tages von Papst Franziskus bei der Frühmesse am Samstag, 21. September, ging auf die Blicke Jesu ein. Das Datum spielt in der Biographie Jorge Mario Bergoglios eine entscheidende Rolle, denn auf den liturgischen Gedenktag des hl. Matthäus vor sechzig Jahren – es war der 21. September 1953 – führt er die Entscheidung für seinen Lebensweg zurück. Vielleicht betonte der Papst auch aus diesem Grund die Macht der Blicke Jesu, die imstande sind, bei denen, auf denen sie ruhen, das Leben für immer in eine andere Bahn zu lenken.

Gerade so, wie es dem Zöllner geschah, der sein Jünger wurde: »Es ist für mich schwer nachvollziehbar, wie Matthäus die Stimme Jesu vernommen haben soll«, der inmitten einer riesigen Menschenmenge zu ihm sagt: »Folge mir nach«. Ja, der Bischof von Rom ist sich nicht einmal dessen sicher, dass der so Angerufene die Stimme Jesu vernommen habe, er ist sich hingegen sicher, dass er »in seinem Herzen den Blick Jesu gespürt habe, der auf ihm ruhte. Und dieser Blick ist auch ein Antlitz«, das »sein Leben verwandelt hat. Wir sagen: er hat ihn bekehrt«. In dieser Szene wird aber auch ein anderer Vorgang beschrieben: »Kaum hatte er in seinem Herzen diesen Blick verspürt, da stand er auf und folgte ihm nach.« Deshalb machte der Papst darauf aufmerksam, dass »der Blick Jesu uns immer aufrichtet, uns aufhilft«, uns auf die Beine stellt; niemals »lässt er uns da«, wo wir waren, bevor wir ihm begegnet sind. Und er nimmt uns erst recht nichts weg: »Er erniedrigt dich nie, er demütigt dich niemals, er lädt dich dazu ein, aufzustehen«, und indem er seine Liebe verspüren lässt, verleiht er den erforderlichen Mut, um ihm nachzufolgen.

Das also ist die Fragestellung des Papstes: »Aber wie war dieser Blick Jesu?« Die Antwort lautet, dass es »kein magischer Blick war«. Da Christus »kein Fachmann für Hypnose war«, sondern etwas völlig anderes. Es mag genügen, daran zu denken, »wie er die Kranken ansah und sie heilte« oder daran, »wie er die Menschenmenge anschaute, die ihn rührte, weil er sie als eine Herde ohne Hirten wahrnahm«. Um eine Antwort auf die Eingangsfrage zu erhalten, ist es dem Heiligen Vater zufolge aber vor allem erforderlich, nicht nur darüber nachzudenken, »wie Jesus geschaut habe«, sondern auch darüber, »wie sich die solchermaßen Angeschauten dabei fühlten«, also die Empfänger dieser Blicke. Denn, so erläuterte er, »Jesus schaute jeden an« und »jeder fühlte, dass er ihn anschaute«, ganz als ob er jeden bei seinem eigenen Namen gerufen habe.

Deshalb »verändert« der Blick Jesu »das Leben «. Bei allen Menschen und in jeder möglichen Situation. Selbst in schwierigen Augenblicken, in solchen, in denen man das Vertrauen verliert, fügte Papst Franziskus hinzu. Wie jenem, als er seine Jünger fragt: Wollt auch ihr weggehen? Er stellt diese Frage, indem er ihnen »in die Augen schaut, und sie werden dazu ermutigt, zu sagen: nein, wir kommen mit dir«; oder wie in dem Augenblick, als Petrus, nachdem er ihn verleugnet hatte, erneut dem Blick Jesu begegnet, »der sein Herz verwandelte und ihn dazu bringt, bitterlich zu weinen: ein Blick, der alles verändert.« Und schließlich ist da dann »jener letzte Blick Jesu«, der, mit dem er vom Kreuz herab »seine Mutter ansah und den Jünger ansah«: mit diesem Blick »hat er uns gesagt, dass seine Mutter auch die unsere ist: und die Kirche ist Mutter«. Aus diesem Grunde »kann es uns nur gut tun, an diesen Blick Jesu zu denken, ihn betend zu betrachten und uns auch von ihm anschauen zu lassen.« Papst Franziskus kehrte dann wieder zum Evangelium zurück, in dem es weiter heißt, dass Jesus mit Zöllnern und Sündern zu Tische sitzt. »Diese Neuigkeit hatte die Runde gemacht und jeder, bis auf die ›sauberen‹ Leute, fühlte sich zu diesem Essen eingeladen«, kommentierte Papst Franziskus, weil »Jesus sie angeschaut hatte, und dieser Blick auf sie so wirkte, wie wenn auf die Glut geblasen wird; sie haben gespürt, dass es in ihrem Inneren brannte«; und sie haben auch erlebt, »dass Jesus ihnen aufhalf«, dass er sie aufrichtete, »ihnen ihre Würde zurückerstattete«, denn »der Blick Jesu erstattet uns immer unsere Würde zurück, er verleiht uns Würde.«

Schließlich machte der Papst noch eine weitere Charakteristik im Blick Jesu aus: die Großherzigkeit. Er ist ein Meister, der mit dem Abschaum der Stadt zu Tisch sitzt, der aber auch weiß, dass »unter all dem Schmutz noch die Glut der Sehnsucht nach Gott schwelte«, dass sie darauf hofften, dass irgend jemand »ihnen dabei helfe, ihr Feuer anzufachen«. Und gerade das ist es, was »der Blick Jesu« tut: damals wie heute.

»Ich glaube, dass wir alle diesen Blick im Laufe unseres Lebens gespürt haben«, sagte Papst Franziskus, »und zwar nicht einmal, sondern viele Male. Vielleicht in der Gestalt eines Priesters, der uns die Lehre der Kirche vermittelte oder uns unsere Sünden vergab, vielleicht in der Hilfe, die Freunde uns gebracht haben.« Und vor allem »werden wir alle uns vor diesem Blick, diesem wundervollen Blick wiederfinden«. Deshalb gehen wir »im Leben weiter, in der Gewissheit, dass er uns anschaut und dass er auf uns wartet, um uns dann endgültig anzuschauen. Und jener letzte Blick Jesu auf unser Leben wird dann für immer, wird ewig sein.« Um das zu tun, kann man im Gebet alle »Heiligen, die von Jesus angeschaut worden sind«, um Hilfe bitten, damit »sie uns darauf vorbereiten, uns im Leben anschauen zu lassen, und damit sie uns auch auf jenen letzten Blick Jesu vorbereiten.«




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