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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Auf der Flucht vor Gott

Montag, 7. Oktober 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 42, 18. Oktober 2013

 

Um die Stimme Gottes im eigenen Leben vernehmen zu können, bedarf es eines Herzens, das für Überraschungen offen ist. Andernfalls besteht das Risiko, auf der »Flucht vor Gott« zu sein, möglicherweise sogar begleitet von einer guten Ausrede. Und so kann es geschehen, dass gerade die Christen der Versuchung ausgesetzt sind, vor Gott zu fliehen, während es hingegen den ihm »fernstehenden Menschen« gelingt, ihn zu vernehmen. Das sagte Papst Franziskus im Verlauf der Messe, die er Montag Vormittag, 7. Oktober, in Santa Marta feierte, wobei er auf einen sicheren Weg hinwies: lassen wir Gott unsere Geschichte schreiben.

In seiner Predigt bediente sich der Bischof von Rom in seiner Auslegung der ersten Schriftlesung des Beispiels der Geschichte des Jona (1,1–2, 1.11): er »hatte sein Leben gut eingerichtet: er diente dem Herrn, vielleicht betete er sehr viel. Er war ein Prophet, er war gut, er tat Gutes«. Da er »nicht gestört werden wollte in der Lebensweise, die er gewählt hatte, begab er sich im selben Augenblick, in dem er das Wort Gottes vernahm, auf die Flucht. Und er floh vor Gott.« So dass er, als »der Herr ihn nach Ninive schickt, ein Schiff Richtung Spanien besteigt. Er floh vor dem Herrn.«

Letzten Endes, so erläuterte der Papst, hatte sich Jona bereits selbst seine Geschichte geschrieben: »Ich möchte so, und so, und so sein, den Geboten gemäß.« Er wollte nicht weiter gestört werden. Das ist der Grund für seine »Flucht vor Gott«. Eine Flucht, so warnte der Papst, deren Protagonisten auch wir selbst sein können. »Man kann vor Gott fliehen«, so bekräftigte er, »und zugleich Christ sein, Katholik sein«, ja sogar »zugleich Priester, Bischof, Papst sein. Wir alle können vor Gott fliehen. Das ist eine alltägliche Versuchung: nicht auf Gott hören, seine Stimme nicht hören, im Herzen sein Angebot, seine Einladung überhören.«

Und wenn »man direkt fliehen kann«, so fuhr er fort, »so gibt es auch andere, etwas wohlerzogenere, etwas ausgeklügeltere Weisen, vor Gott zu fliehen.« Er bezog sich auf die Passage aus dem Lukasevangelium (20, 25–37), das »von diesem halb toten Mann« berichtet, »der am Straßenrand liegengelassen worden war. Zufällig kam ein Priester eben diese Straße entlang. Ein würdiger Priester, angetan mit seinem Talar: gut, sehr tüchtig. Es sah und er schaute: Ich werde zu spät zur Messe kommen, und er ging weg. Der da hatte die Stimme Gottes nicht gehört.« Es handle sich dabei, so erläuterte der Papst, um »eine andere Art, zu fliehen: nicht wie Jona, der ganz offen auf die Flucht ging. Dann kam ein Levit vorüber, er sah, und vielleicht dachte er: Aber wenn ich ihn aufnehme oder mich ihm nähere: vielleicht ist er bereits tot, und morgen muss ich dann zum Richter gehen und als Zeuge aussagen. Und er ging vorüber. Er floh vor der Stimme Gottes in jenem Mann.«

Dagegen ist es »kurios«, dass »nur« ein Mann, »der für gewöhnlich vor Gott floh, ein Sünder«, über »die Fähigkeit verfügt, die Stimme Gottes zu vernehmen.« In der Tat, so präzisierte der Papst, »ist es ein Samariter, ein Sünder«, »der die Stimme Gottes vernimmt und sich« dem hilfsbedürftigen Mann »nähert«. Ein Mann, so wiederholte er, der »die Religion, das sittliche Leben nicht praktizierte «. Er war von einem theologischen Standpunkt aus im Irrtum, »da die Samariter glaubten, dass man Gott andernorts anbeten müsse«, nicht in Jerusalem.

Aber eben dieser Mensch »verstand, dass Gott ihn rief, und floh nicht«. Er »näherte sich« dem verlassenen Mann, er verband »seine Wunden und goss Öl und Wein über sie. Dann lud er ihn auf sein Reittier. Aber wie viel Zeit war verschwendet worden: er brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Er vergeudete den ganzen Abend!« In der Zwischenzeit, so merkte der Bischof von Rom an, »ist der Priester pünktlich zur heiligen Messe gekommen, und alle Gläubigen waren zufrieden. Der Levit hatte am folgenden Tag einen ruhigen Tag, dem gemäß, was er zu tun vorhatte«, da er nicht zum Richter gehen musste. »Und weshalb«, so fragte sich der Papst. »floh Jona vor Gott? Warum floh der Priester vor Gott? Warum floh der Levit vor Gott?« Weil, so antwortete er, »sie ihr Herz verschlossen hatten. Wenn du dein Herz verschlossen hast, dann kannst du die Stimme Gottes nicht hören. Ein Samariter hingegen, der sich auf Reisen befand, sah« diesen verwundeten Mann und »hatte Mitleid mit ihm. Er hatte ein offenes Herz, er war menschlich.« Und seine Menschlichkeit gestattete es ihm, sich ihm zu nähern.

»Jona«, so erläuterte er, »hatte einen Plan für sein Leben: er wollte seine Geschichte schreiben, Gott wohlgefällig. Aber er selbst war es, der sie schrieb, dasselbe gilt für den Priester, dasselbe für den Leviten. Einen Arbeitsplan. Dieser andere Sünder« hingegen »ließ sein Leben von Gott schreiben. Er hat seine ganzen Pläne für den Abend umgeworfen«, weil der Herr ihm »diesen armen Mann, der verletzt auf die Straße geworfen worden war«, in den Weg gestellt hatte.

Ich frage mich, so fuhr der Papst fort, »und ich frage auch euch: Lassen wir uns unser Leben von Gott schreiben, oder wollen wir es selber schreiben? Und das sagt uns etwas über die Fügsamkeit: sind wir dem Wort Gottes gegenüber fügsam? Ja, ich will fügsam sein. Aber hast du auch die Fähigkeit, ihm zuzuhören, ihn zu hören? Bist du dazu imstande, das Wort Gottes in der Geschichte jedes einzelnen Tages zu finden, oder sind es deine eigenen Vorstellungen, die dich leiten, und lässt du nicht zu, dass die Überraschung des Herrn zu dir spricht?«

»Ich bin mir sicher«, so schloss Papst Franziskus, »dass wir alle heute, in diesem Augenblick, sagen: Aber dieser Jona ist selbst schuld, und diese beiden da, der Priester und der Levit, sind Egoisten. Es ist wahr: der Samariter, der Sünder, ist nicht vor Gott geflohen!« Daher kommt die Hoffnung, dass »der Herr es uns gestatte, seine Stimme zu vernehmen, die uns sagt: Geh und handle genauso!«




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