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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Der Lebensabend des Apostels

Freitag, 18. Oktober 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 44, 1. November 2013

Im Verlauf der Messe, die Papst Franziskus am Freitag, 18. Oktober, in Santa Marta feierte, verwies er auf eine höchst ungewöhnliche Art der Pilgerfahrt. Er sprach von einem Besuch in Altersheimen, die betagte Priester und Ordensschwestern beherbergen. Es handle sich dabei um wahre »Wallfahrtsorte der Apostolizität und der Heiligkeit«, sagte der Bischof von Rom, »die wir in der Kirche haben«, Orte, die es folglich wert sind, »wie auf einer Pilgerfahrt« besucht zu werden.

Dieser Hinweis war der Schlussgedanke einer Reflexion, die von der Gegenüberstellung der Schriftlesungen zum Tage ihren Ausgang genommen hatte: der Passage aus dem Lukasevangelium (10, 1-9), in der vom »Beginn des apostolischen Lebens« berichtet wird, als die Jünger berufen wurden und »jung, stark und voller Freude« waren, und der Passage aus dem 2. Timotheusbrief des hl. Paulus (4, 10-17), in der sich der Apostel, der mittlerweile »die Abenddämmerung seines Lebens« in großen Schritten auf sich zukommen sieht, zum Thema des »Endes des apostolischen Lebens« äußert. Aus dieser Gegenüberstellung verstehe man, so erläuterte der Papst, dass jeder »Apostel eine freudige, begeisterte Anfangszeit erlebt, in der er Gott in sich spürt; dass ihm aber auch die Zeit des Vergehens  nicht erspart bleibt.« Und er gestand: »Es tut mir gut, an den Lebensabend des Apostels zu denken.«

Dann dachte er an »drei Ikonen«: Mose, Johannes den Täufer und Paulus. Moses ist »jenes mutige Oberhaupt des Volks Gottes, das gegen die Feinde kämpfte und selbst mit Gott rang, um das Volk zu retten. Er ist stark, am Ende aber ist er ganz allein auf dem Berge Nebo, um das verheißene Land zu sehen«, das er aber nicht betreten kann. Was Johannes den Täufer anbelangt, so werden auch ihm »in der letzten Zeit seines Lebens quälende Ängste nicht erspart«. Er fragt sich, ob er sich geirrt hat, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hat und bittet seine Freunde darum, zu Jesus zu gehen und ihn zu fragen: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?« Er wird von Ängsten gepeinigt, die so weit gehen, dass der »größte Mann, den je eine Frau geboren hat«, wie Christus selbst ihn nannte, schließlich »in der Gewalt eines schwachen, betrunkenen und verdorbenen Herrschers « endet und »der Macht der Eifersucht einer Ehebrecherin und den Launen einer Tänzerin ausgeliefert ist.«

Und schließlich ist da Paulus, der Timotheus all seine Bitterkeit eingesteht. Um dieses Leiden zu beschreiben, bediente sich der Bischof von Rom des Ausdrucks: »Er ist nicht gerade im siebten Himmel.« Um dann die Worte des Apostels zu zitieren: »›Mein Sohn, Demas hat mich aus Liebe zu dieser Welt verlassen; Kreszenz ging nach Galizien, Titus nach Dalmatien. Nur Lukas ist noch bei mir. Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein. Wenn du kommst, bring mir den Mantel mit, den ich zurückgelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente.‹ Und weiter: ›Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses getan. Nimm auch du dich vor ihm in acht, denn er hat unsere Lehre heftig bekämpft‹.« Der Papst fuhr fort, indem er an den Bericht erinnert, den Paulus von seinem Prozess gab: »Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten; alle haben mich im Stich gelassen. Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird.« Ein Bild, das dem Papst zufolge den »Untergang « jedes Apostels enthalte: »allein, verlassen, verraten«; nur der Herr steht ihm zur Seite, der »weder im Stich lässt noch verrät«, denn »Er ist getreu, da er sich selbst nicht verleugnen kann.«

Die Größe des Apostels, so betonte der Papst, besteht also darin, mit seinem Leben das zu tun, was Johannes der Täufer sagte: »Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden«; in der Tat ist derjenige ein Apostel, »der sein Leben gibt, damit der Herr wächst. Und am Ende steht das Vergehen. « Und Papst Franziskus merkte an, dass es so auch bei Petrus war, dem Jesus vorhergesagt hatte: »wenn du aber alt geworden bist, wird man dich führen, wohin du nicht willst.«

Die Meditation über das Lebensende dieser Persönlichkeiten rief dem Heiligen Vater »die Erinnerung an jene Wallfahrtsorte der Apostolizität und der Heiligkeit« ins Gedächtnis, »die die Altersheime für Priester und Ordensschwestern sind.« Strukturen, die, wie er hinzufügte, »tüchtige, alt gewordene Priester und Ordensschwestern aufnehmen, die die Bürde der Einsamkeit tragen, die darauf warten, dass der Herr kommt, um an die Tür ihres Herzens zu klopfen.« Leider, so kommentierte der Papst, neigen wir dazu, diese Wallfahrtsorte zu vergessen: »Es sind keine schönen Orte, weil einer da sieht, was uns erwartet. « Andererseits: »Wenn wir ganz auf den Grund schauen, dann sind sie wunderschön«, aufgrund des Reichtums an Menschlichkeit, den man dort findet. Sie zu besuchen heißt also »wahre Wallfahrten zu diesen Stätten der Heiligkeit und Apostolizität zu unternehmen«, auf dieselbe Art, wie man Wallfahrten zu den Marienwallfahrtsorten oder jenen, die Heiligen gewidmet sind, unternimmt.

»Ich frage mich aber«, so fügte der Papst hinzu, »verspüren wir Christen den Wunsch, diesen Wallfahrtsorten der Heiligkeit und der Apostolizität, die die Altersheime der Priester und Ordensschwestern sind, einen Besuch abzustatten, der eine wahre Pilgerfahrt ist? Einer von euch hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass er, wenn er in ein Missionsland kam, immer auf den Friedhof ging und all die Gräber der alten Missionare, Priester und Schwestern besuchte, die da seit 50, 100 oder 200 Jahren als völlig Unbekannte liegen. Und er sagte mir: ›Aber sie alle können heiliggesprochen werden, weil am Ende nur diese Heiligkeit des Alltags zählt, diese alltägliche Heiligkeit‹.«

In den Altersheimen »warten diese Schwestern und diese Priester«, so sagte der Papst, »ein bisschen so wie Paulus auf den Herrn: ein wenig traurig, das ist wahr, aber auch in einem gewissen Frieden, mit heiterem Gesicht.« Eben deshalb tut es »jedermann gut, an diesen Abschnitt zu denken, der der Lebensabend des Apostels ist.« Und abschließend bat er darum, den Herrn zu bitten, die Priester und Ordensschwestern zu behüten, die sich in ihrer letzten Lebensphase befinden, so dass sie wenigstens ein weiteres Mal sagen können: »Ja, Herr, ich möchte dir folgen.«




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