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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Die Schwäche Gottes angesichts der Gebete seines Volkes

Samstag, 16. November 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 48, 29. November 2013

 

Gott ist schwach einzig und allein angesichts der Gebete seines Volkes. Folglich ist das Gebet die wahre Stärke des Menschen: man darf nie müde werden, an die Tore von Gottes Herz anzuklopfen, ihn um Hilfe zu bitten, denn wenn er gerufen wird, sein Volk zu verteidigen, dann ist Gott unerbittlich. Daran erinnerte Papst Franziskus im Verlauf der Frühmesse, die er am Samstag, 16. November, in Santa Marta feierte. An der Messe haben gemeinsam mit Kardinal Angelo Comastri und Bischof Vittorio Lanzani, dem Erzpriester der Basilika Sankt Peter bzw. dem Delegaten der Dombauhütte auch die Mitglieder des Domkapitels der Vatikanbasilika teilgenommen.

In seiner Auslegung der Schriftlesungen zum Tage wollte der Papst vor allem den Schutz hervorheben, den der Herr seinen Kindern bietet, wenn sie sich an ihn wenden: »Gott wird es tun, er verschafft seinen Auserwählten Gerechtigkeit, wenn sie Tag und Nacht nach ihm rufen. So hat er es getan, als er Mose ruft und ihm sagt: Ich habe das Weinen und Klagen meines Volkes gehört. Der Herr erhört« (vgl. Lk 18, 1-8).

»In der ersten Schriftlesung«, sagte der Papst, »haben wir gehört, was der Herr getan hat: dieses allmächtige Wort kommt vom Himmel wie ein unerbittlicher Krieger. Wenn der Herr die Verteidigung seines Volkes übernimmt, dann ist es so: er ist ein Krieger und er rettet sein Volk. Er rettet alles, macht alles neu: das Wesen der ganzen Schöpfung wurde neugestaltet, unversehrt bewahrt wie zuvor.« Und so ist es, sagte der Heilige Vater, indem er nochmals das Buch Weisheit zitierte (18,14-16; 19,6-9): »Es zeigte sich ein Weh ohne Hindernisse durch das Rote Meer, eine grüne Ebene stieg aus der gewaltigen Flut. Von deiner Hand behütet, zogen sie vollzählig hindurch und sahen staunenswerte Wunder.« Die Beschreibung ihrer Errettung, so merkte er an, nehme geradezu poetische Töne an: »Sie weideten wie Rosse, hüpften wie Lämmer und lobten dich, Herr, ihren Retter.« Gerade so, betonte er, »ist die Macht des Herrn, wenn er sein Volk retten will: stark. Er ist der Herr. Weil er das Gebet seines Volkes gehört hat; weil er in seinem Herzen gespürt hat, dass seine Auserwählten litten.«

Aber wenn das die Stärke Gottes ist, »was ist dann die Stärke des Menschen?«, fragte sich der Papst. Es ist diejenige, die die Witwe bezeugt hat, von der die Schriftlesung spricht, erläuterte er, die unablässig an die Tür des Richters pocht. »Anklopfen«, wiederholte er, »bitten, über viele Probleme, große Schmerzen klagen, und den Herrn bitten, von diesen Schmerzen, von diesen Sünden, diesen Problemen befreit zu werden.« Das sei die Stärke des Menschen, das Gebet, »auch das Gebet des demütigen Menschen«, so präzisierte er, denn sollte Gott überhaupt eine Schwäche haben, so führte er weiter aus, so zeige sie sich gerade angesichts der Gebete seines Volkes, »das ist die Schwäche Gottes. Der Herr ist nur hierin schwach.«

Die Schriftlesungen, so betonte der Bischof von Rom, bieten den willkommenen Anlass, über »die so eindeutige und starke Macht Gottes« nachzudenken, über die die Kirche vor allem in der Weihnachtszeit zu sprechen pflegt, da »die Krönung der Kraft Gottes, der göttlichen Erlösung, gerade in der Menschwerdung des Wortes bestand: ›Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein mächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab als ein harter Krieger mitten in das dem Verderben geweihte Land. Es trug das scharfe Schwert deines unerbittlichen Befehls.‹ Die Kirche nimmt diesen Text der Befreiung und der Stärke, um auszudrücken, dass die Menschwerdung des Wortes die Krönung unserer Erlösung gewesen ist.«

Heute, gestand Papst Franziskus, »freut es  mich, diese Schriftlesungen vor euch Kanonikern von Sankt Peter zuhören. Eure Arbeit besteht darin, an Gottes Herz anzuklopfen«, zu beten. »Bittet den Herrn für das Volk Gottes. Und ihr in Sankt Peter, in der Basilika, die dem Papst am nächsten ist, wo alle Bitten der Welt zusammenkommen, ihr nehmt diese Bittgesuche auf und bringt sie in eueren Gebeten vor den Herrn.« Und um den Gedanken des Dienstes noch stärker auszudrücken, den zu vollbringen die Kanoniker berufen sind, führte der Papst noch einmal die Hartnäckigkeit der Witwe aus dem Evangelium an, die nachdrücklich um Gerechtigkeit bittet: »Der eure ist ein universaler Dienst, ein Dienst an der Kirche. Ihr seid wie die Witwe: beten, bitten, an Gottes Herz anklopfen. Jeden Tag. Und die Witwe schlief nie ein, als sie das tat. Sie war mutig.«

»Der Herr«, so fuhr der Heilige Vater fort, »hört die Gebete seines Volkes. Ihr seid privilegierte Vertreter des Volks Gottes in dieser Aufgabe, zum Herrn zu beten für die zahlreichen Anliegen der Kirche, der Menschheit, aller Menschen.« Und abschließend sagte er: »Ich danke euch für diese Arbeit. Erinnern wir uns immer daran, dass Gott eine Stärke hat – wenn es sein Wille ist –, die alles anders macht: ›alles wurde neugestaltet‹, er ist dazu imstande, alles neu zu formen; aber er hat auch eine Schwäche: unser Gebet, unser universales Gebet, in Sankt Peter in der Nähe des Papstes. Danke für diesen Dienst, den ihr leistet, und macht so weiter zum Wohl der Kirche.«

 

 



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