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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

Der Tisch des Großvaters

Dienstag, 19. November 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 48, 29. November 2013

 

Papst Franziskus hat erneut die wertvolle Rolle gepriesen, die die alten Menschen in der Kirche und in der Gesellschaft spielen. Er sprach davon im Verlauf der Messe, die er heute früh, Dienstag 19. November, in der Kapelle von Santa Marta feierte. Seine Predigt begann mit einer Frage: »Was hinterlassen wir unserer Jugend als Erbe?« Um darauf zu antworten, erinnerte der Papst an die im zweiten Buch der Makkabäer (6,18-31) enthaltene Erzählung, in der von dem weisen alten Eleasar berichtet wird, einem der angesehensten Schriftgelehrten, der, um nicht, wie der König es wollte, das verbotene Schweinefleisch zu essen, freiwillig das Martyrium erlitt. Die Ratschläge seiner Freunde fruchteten bei ihm nichts, die ihm zuredeten, er solle nur so tun, als esse er diese Speise, um sein Leben zu retten. Er wollte lieber unter Leiden sterben, als den anderen, vor allem der Jugend, ein schlechtes Beispiel geben. »Ein alter Mann, der bis zum Ende konsequent war« – so definierte ihn der Heilige Vater – und in dessen vorbildlichem Verhalten man »die Rolle der alten Menschen in der Kirche und in der Welt« wiedererkennen kann.

»Dieser Mann«, so erläuterte er, »hatte, als er vor die Wahl zwischen Apostasie und Treue gestellt wurde, keinen Zweifel. Er hatte viele Freunde. Sie wollten ihn dazu bewegen, einen Kompromiss einzugehen: ›Tu so, als ob du von dem Opferfleisch essen würdest, dann kannst du weiterleben…‹. Diese Verhaltensform des Vortäuschens – Frömmigkeit vortäuschen, Religiosität vortäuschen– verurteilt Jesus im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums mit einem harten Wort: dem der Heuchelei. Hingegen »dieser gute Mann, ein Neunzigjähriger, tüchtig und hochangesehen bei seinem Volk, denkt nicht an sich selbst. Er denkt nur an Gott, daran, diesen nicht durch die Sünde der Heuchelei und der Apostasie zu beleidigen. Er denkt aber auch ans Erbe«, dass er hinterlassen wird. Er denkt also an die Jugend. Und im Text der Schrift kommt, auch wenn von einem alten Mann die Rede ist, das Wort Jugend oft vor, bemerkte Papst Franziskus. Eleasar dachte also daran, was er durch die Wahl, die er traf, der Jugend als Erbe hinterlassen würde. Und er fragte sich: »Einen Kompromiss, also halb und halb, eine Heuchelei oder die Wahrheit, jene Wahrheit, der zu folgen ich mein ganzes Leben lang versucht habe?« Das sei »die Kohärenz dieses Mannes, die Kohärenz seines Glaubens«, kommentierte der Bischof von Rom, »aber auch die Verantwortung, ein edles, wahres Erbe zu hinterlassen.«

»Wir leben in einer Zeit, in der die alten Menschen nicht zählen. Es ist hässlich, das zu sagen«, wiederholte der Heilige Vater, »aber man entledigt sich ihrer, weil sie lästig sind.« Und das obwohl »die alten Menschen die sind, die uns die Geschichte, die Lehre, den Glauben bringen und sie uns als Erbe hinterlassen. Sie sind wie ein guter, gealterter Wein, d. h. sie haben in sich die Kraft dazu, uns dieses edle Erbe zu geben.« Im Hinblick darauf verwies der Papst auf das Zeugnis eines anderen großen Alten, das des heiligen Polykarp. Er wurde zum Scheiterhaufen verurteilt, und »als das Feuer anfing, ihn zu verbrennen «, so erinnerte er, roch man rings umher den Duft frischgebackenen Brotes. Das sind die alten Menschen: »Erbe, guter Wein und gutes Brot«. Dagegen »denkt man vor allem in dieser Welt, dass sie lästig sind«.

An diesem Punkt kehrte der Papst in der Erinnerung in seine Kindheit zurück: »Ich erinnere mich«, so sagte er, »dass man uns als Kindern diese Geschichte erzählte. Da war eine Familie, ein Vater, eine Mutter und viele Kinder. Und da war auch ein Großvater, der bei ihnen lebte. Aber er war alt und bei Tisch, wenn er Suppe aß, wurde alles schmutzig: sein Mund, die Serviette… er gab keine gute Figur ab! Eines Tages sagte der Vater, dass angesichts dessen, was dem Großvater beim Essen geschah, dieser am nächsten Tag für sich alleine essen solle. Und er kaufte ein kleines Tischchen und stellte es in die Küche; so aß der Großvater für sich allein in der Küche und die Familie im Esszimmer. Einige Tage später kommt der Vater heim und sieht, dass einer seiner Söhne mit Holzscheiten spielt. Er fragte ihn: ›Was machst du da?‹ ›Ich spiele, dass ich Schreiner bin‹, antwortete das Kind. ›Und was baust du?‹ ›Ein Tischchen für dich, Papa, für dann, wenn du so alt bist wie der Großvater‹. Diese Geschichte hat mir mein ganzes Leben lang sehr gut getan. Großeltern sind ein Schatz.«

Indem er zu den Lehren der Schrift zurückkehrte, die die alten Menschen betreffen, zitierte Papst Franziskus den Hebräerbrief (13,7), wo »geschrieben steht: ›Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach!‹ Das Gedächtnis unserer Vorfahren bringt uns dazu, ihren Glauben nachzuahmen. Es ist wahr, manchmal ist das Alter etwas unerfreulich, wegen der Krankheiten, die es mit sich bringt. Aber die Weisheit unserer Großeltern ist das Erbe, das wir erhalten sollen. Ein Volk, das seine Großeltern nicht ehrt, hat keine Zukunft, denn es hat seine Erinnerung verloren. Eleasar ist sich angesichts des Martyriums der Verantwortung bewusst, die er der Jugend gegenüber hat. Er denkt an Gott, aber auch an die Jugend: ›Ich muss der Jugend bis zum Schluss ein Vorbild an Kohärenz sein.‹«

»Es wird uns gut tun, an viele alte Männer und Frauen zu denken, an die vielen Alten, die in den Altersheimen sind, und auch an die vielen, die – das Wort ist hässlich, aber sagen wir es – von den Ihren sich selbst überlassen worden sind«, fügte der Heilige Vater dann hinzu, indem er daran erinnerte, dass »sie der Schatz unserer Gesellschaft sind. Beten wir dafür, dass sie kohärent sein mögen bis ans Ende. Das ist die Aufgabe der alten Menschen, das ist der Schatz. Beten wir für unsere Großväter und für unsere Großmütter, die so oft eine heroische Rolle bei der Weitergabe des Glaubens gespielt haben, in Zeiten der Verfolgung.«

Vor allem in der Vergangenheit, als die Väter und Mütter oft nicht zuhause waren oder eigenartige Ideen hatten, als sie von Ideologien verwirrt waren, die zu jener Zeit Mode waren, »da waren es dann gerade die Großmütter, die den Glauben weitergegeben haben.«

 

 



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