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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTAE"

 

In Erwartung der Geburt

Montag, 23. Dezember 2013

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 2, 10. Januar 2014

 

Vor Weihnachten erleben wir die innere Haltung einer Frau, die in Erwartung einer Geburt ist. Und zwar als geistliche Haltung, die einen Stil der Offenheit verlangt: deshalb dürfen wir die Tür unserer Seele niemals mit einem wohlerzogenen Schild versehen, auf dem steht: Bitte nicht stören.

Die wahre Bedeutung von Weihnachten stand im Mittelpunkt der Predigt, die Papst Franziskus in der heiligen Messe am Morgen des 23. Dezember in der Kapelle von Santa Marta hielt. »In dieser letzten Woche, die dem Weihnachtsfest vorausgeht, wiederholt die Kirche das Gebet: Komm, o Herr! Und dabei gibt sie dem Herrn verschiedene Namen, die jeweils sehr viel über den Herrn selbst aussagen: O Weisheit, o Wurzel Jesse, o Morgenstern, o König der Völker, und heute: O Immanuel.«

Der Heilige Vater erklärte: »Die Kirche tut dies, weil sie in Erwartung einer Geburt ist. Denn auch die Kirche erwartet in dieser Woche wie Maria die Geburt.« In ihrem Herzen habe die Jungfrau Maria das gefühlt, was alle Frauen in jener besonderen Zeit fühlten: »innere Wahrnehmungen von Leib und Seele«, durch die sie verstehe, dass ihr Sohn nun geboren werden sollte. Und in ihrem Herzen habe sie sicherlich zum Kind, das sie in ihrem Schoß trug gesagt: »Komm, ich möchte dein Gesicht sehen, weil mir gesagt wurde, dass du groß sein wirst!«

Dies sei eine geistliche Erfahrung, die auch wir als Kirche erleben, weil wir »die Gottesmutter auf diesem Weg der Erwartung begleiten« und »die Geburt des Herrn beschleunigen wollen«. Das sei der Grund des Gebetes: »Komm, o Schlüssel Davids, o Morgenstern, o Weisheit, o Immanuel. Komm!« Eine Anrufung, die auch in den letzten Versen der Bibel erklinge, am Ende des Buches der Offenbarung, wo die Kirche wiederhole: Komm, Herr Jesus! Und sie tue dies »mit jenem aramäischen Wort – Maranatha –, das einen Wunsch zum Ausdruck bringen kann oder auch eine Gewissheit: Der Herr kommt«. In Wirklichkeit »kommt der Herr zweimal«.

Das erste Mal sei jenes, »dessen wir jetzt gedenken, die Geburt im Fleisch«. Dann komme er »am Ende, um die Geschichte abzuschließen«. Aber, so fügte der Bischof von Rom hinzu, »der heilige Bernhard sagt uns, dass es ein drittes Kommen des Herrn gibt: sein Kommen an jedem Tag«. Denn »der Herr besucht jeden Tag seine Kirche. Er sucht jeden von uns auf. Und auch unsere Seele tritt in diese Ähnlichkeit ein: unsere Seele ähnelt der Kirche, unsere Seele ähnelt Maria«. In diesem Zusammenhang verwies Papst Franziskus auf die »Kirchenväter, die sagen, dass Maria, die Kirche und unsere Seele weiblich sind«. Was man von der einen sage, könne man analog auch von der anderen sagen.

»Unsere Seele ist also in Erwartung, sie erwartet das Kommen des Herrn. Eine Seele, die offen ist und ruft: Komm, Herr!« Gerade in diesen Tagen bewege der Heilige Geist das Herz eines jeden dazu, »dieses Gebet zu sprechen: Komm, komm!« Überdies hätten wir im Advent täglich in der Präfation gesagt, dass wir, die Kirche, ihn wie Maria »wachend erwarten«. Die Wachsamkeit sei, so der Papst, »die Tugend, die Haltung der Pilger. Wir sind Pilger.« Das führte den Papst zur Frage: »Sind wir in Erwartung oder sind wir verschlossen? Sind wir wachsam oder fühlen wir uns in einer Herberge auf dem Weg sicher und wollen nicht mehr weitergehen? Sind wir Pilger oder sind wir Umherirrende?«

Deshalb lade uns die Kirche ein, so zu beten: Komm! Letztendlich gehe es darum, »unsere Seele zu öffnen«, damit sie in diesen Tagen in »wachsamer Erwartung« sei. Es sei eine Einladung, zu verstehen, was um uns herum geschehe: »ob der Herr kommt oder ob er nicht kommt; ob es einen Platz für den Herrn gebe oder ob nur Raum sei für Fest, Geld ausgeben, Lärm«. Dieser Gedanke müsse zu einer weiteren Frage führen, die sich nach Meinung des Papstes jeder selbst stellen sollte: »Ist unsere Seele offen, wie die heilige Mutter Kirche offen ist und wie die Gottesmutter offen war? Oder haben wir unsere Seele verschlossen und die Tür unserer Seele sehr wohlerzogenen mit einem Schild versehen, auf dem steht: Bitte nicht stören!?«

Der Papst bemerkte weiter, dass die Welt mit uns nicht zu Ende gehe und wir nicht wichtiger als die Welt seien. »Es wird uns gut tun, heute mit der Muttergottes und der Mutter Kirche im Gebet diese Anrufungen zu wiederholen: O Weisheit, o Schlüssel Davids, o König der Völker, komm, komm!« Ein Gebet, das zur Gewissenserforschung werde, um zu überprüfen, »wie es um unsere Seele bestellt ist«. Und um dafür zu sorgen, dass es nicht eine Seele sei, die zu den anderen sage, dass sich nicht gestört werden wolle, sondern »vielmehr eine offene Seele, eine weite Seele, um den Herrn in diesen Tagen aufzunehmen «. Eine Seele, so der Papst abschließend, die »schon zu spüren beginnt, was uns morgen die Kirche im Responsorium sagen wird: Heute sollt ihr wissen, dass der Herr kommt. Und morgen werdet ihr schauen seine Herrlichkeit.«



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