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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Kein Doppelleben

Freitag, 29. April 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 19, 13. Mai 2016

 

Die Ratschläge des heiligen Johannes für die »jugendliche, heranwachsende Kirche« des ersten Jahrhunderts sind auch für uns heute sehr wertvoll. Franziskus griff sie auf, indem er die Inhalte des ersten Briefes des Apostels neu vor Augen führte: kein Doppelleben führen und nicht der Lüge nachgeben, im Bewusstsein, dass wir zwar Sünder sind, aber einen Vater haben, der vergibt. Das unterstrich der Papst am 29. April in seiner Predigt in der Frühmesse, die er wie gewohnt in Santa Marta hielt.

»Die heutige Liturgie spricht zu uns von Güte, von Demut; sie spricht von der Ruhe, die Gott uns verschafft, wenn wir uns plagen und schwere Lasten zu tragen haben; sie spricht zu uns von Sanftheit.« Es sei »genau das, was Jesus im Evangelium sagt, wenn er den Vater preist: ›Herr, du hast all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart.‹« Der Papst fügte mit dem Verweis auf den Abschnitt aus dem Evangelium nach Matthäus (11,25-30) hinzu: Der Herr »spricht zu uns von den Unmündigen, den Kleinen, jener Kleinheit, die Gott gefällt«. Auch im ersten Brief des Apostels Johannes (1,5-22) »zieht bereits derselbe Stil die Aufmerksamkeit an: Er lässt uns an einen Großvater denken, der seinen jungen Enkeln einen Rat erteilt.«

In der Tat wende sich Johannes »an eine ›heranwachsende Kirche‹, aber auch an eine Kirche, die, um die Treue zu wahren, klein bleiben muss wie ein Kind, offen, demütig«. Besonders bedeutsam, so der Papst, seien die ersten Worte aus dem Brief des Johannes: »meine Kinder«. In diesem Ausdruck liege »die Weisheit eines Großvaters, der spricht und ein Erbe hat«. Und »welchen Rat gibt er uns? Seid keine Lügner! Sagt nicht und gebt nicht zu verstehen, dass Gott ein Lügner ist.« Aber »wie gibt er diesen Rat? Mit ein paar Worten, die zueinander im Gegensatz stehen: Licht und Finsternis; Sünde und Gnade«. Es sei ganz offensichtlich: »Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, der Licht ist, und in der Finsternis leben, dann sind wir Lügner. « Johannes »sagt daher einfach: Bleibt im Licht! Seid offen für die Wahrheit des Evangeliums! Wandelt nicht auf finsteren Wegen, auf dunklen Straßen, denn dort liegt nicht die Wahrheit, dort verbirgt sich etwas anderes! Seid keine Lügner!«

Also »immer das Licht«. Wenn du also »sagst, dass du Gemeinschaft mit dem Herrn hast, dann wandle im Licht: ein Doppelleben, nein! Das nicht!« Ein entschiedenes Nein also zu »jener Lüge, die wir so oft sehen, der auch wir so oft erliegen: etwas sagen und etwas anderes tun«. Diese Versuchung taucht immer wieder auf. Aber »wir wissen, woher die Lüge kommt: In der Bibel bezeichnet Jesus den Teufel als den ›Vater der Lüge‹, den Lügner.«

Gerade »deshalb sagt dieser Großvater mit großer Sanftheit, mit großer Güte zur ›heranwachsenden Kirche‹: Sei keine Lügnerin! Du hast Gemeinschaft mit Gott, also wandle im Licht! Tu Werke des Lichts, sag nicht das Eine, um das Andere zu tun, kein Doppelleben und all das«. Der Rat des Johannes sei zwar »einfach, aber er hilft uns, weil er uns dazu bringt, über uns selbst nachzudenken«. In diesem Zusammenhang empfahl Franziskus einige direkte Fragen für die persönliche Gewissenserforschung: »Wandle ich immer im Licht? Immer im Licht Gottes? Bin ich transparent, oder bin ich manchmal dunkel und manchmal hell?«

»Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre«, warnte der Papst. Denn »wir sind alle Sünder, wir alle haben Sünden«. Wenn wir also »sagen, dass wir keine Sünde haben, machen wir aus Gott einen Lügner «. Und »sein Wort ist nicht in uns, weil wir alle Sünder sind«. Johannes sei in seinem Brief sehr deutlich und erkläre: »Habt keine Angst, meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer gesündigt hat, wenn einer sündigt, soll er den Mut nicht verlieren. Wir haben einen Beistand, ein Wort, einen Anwalt, einen Verteidiger beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. Er rechtfertigt uns, er schenkt uns die Gnade.«

Wenn man diesen Rat des Johannes höre, »verspürt man den Wunsch, zu diesem Großvater zu sagen: ›Aber ist es nicht etwas Schlechtes, Sünden zu haben?‹« Nein, fuhr der Papst fort, »die Sünde ist schlecht! Aber wenn du gesündigt hast, dann sieh, dass sie auf dich warten, um dir zu vergeben! Immer! Denn er – der Herr – ist größer als unsere Sünden.« Das, so der Papst, »ist das christliche Leben, das ist der Rat, den dieser Großvater seinen Enkeln gibt, dieser Kirche des ersten Jahrhunderts, die bereits eine schöne Erfahrung von Jesus ist: immer im Licht, ohne Lügen, ohne etwas zu verbergen, ohne Heuchelei. Es ist der Weg des Lichts.«

In Bezug auf die Sünde wiederholte Franziskus: Es stimme zwar, dass »wir alle schwach sind und alle gesündigt haben«, aber dennoch seien wir weiterhin aufgefordert, keine Angst zu haben, denn Gott »ist größer, gütiger als unsere Sünden«. Und »er wartet auf uns mit jener Haltung, wie in dem Psalm, den wir gebetet haben: ›Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte. Er wird nicht immer zürnen, nicht ewig im Groll verharren. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten.

Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; er denkt daran: Wir sind nur Staub‹ (Ps 103)«. Es sei im Grunde »die wunderschöne Erfahrung, den Herrn zu suchen, dem Herrn zu begegnen«. Bis hin zur Erkenntnis, gefallen zu sein, gesündigt zu haben. Um zu hören, wie der Vater zu einem sagt: »Sei ruhig, ich vergebe dir, ich umarme dich.« Und »das ist die Barmherzigkeit Gottes, das ist die Größe Gottes: Er ist größer als unsere Sünden, gütiger, denn er weiß, dass wir Staub sind, dass wir nichts sind, die Kraft nur von ihm kommt«. Und »so wartet der Herr immer auf uns«.

Zum Abschluss der Predigt lud Franziskus dazu ein, die Tageslesung im Gedächtnis zu behalten: Johannes, der uns wie ein Großvater einen Rat gebe und uns »meine Kinder« nenne. Und wenn wir diesem Rat folgten, dann »wandeln wir im Licht, denn Gott ist Licht: nicht mit einem Fuß im Licht und mit dem anderen in der Finsternis wandeln; keine Lügner sein«. Wichtig sei, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass »wir alle gesündigt haben« und »niemand sagen kann: Der da ist ein Sünder, die da ist eine Sünderin«, während »ich gottlob gerecht bin. Nein!« Denn, so der Papst weiter, »nur einer ist gerecht: der, der für uns bezahlt hat«. Und »wenn jemand sündigt, dann wartet Gott auf uns, vergibt er uns, weil er barmherzig ist und weiß, was wir für Gebilde sind, und sich erinnert, dass wir Staub sind«. Der Papst wünschte: »Die Freude, die uns diese Lesung schenkt, möge uns voranbringen in der Einfachheit und in der Transparenz des christlichen Lebens, vor allem wenn wir uns an den Herrn wenden. Mit der Wahrheit.«

 



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