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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Auf dem Weg

Dienstag, 3. Mai 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 20, 20. Mai 2016

 

Der »richtige Weg« heißt Jesus. Für den Christen besteht der Lebensweg aus »ein wenig Kreuz und ein wenig Auferstehung«. Aber auf dem Weg gibt es den, der wie »eine geistliche Mumie« stehenbleibt; den, der sich in der Richtung irrt und sie hartnäckig beibehält; den, der sein Leben im Leerlauf verbringt, und den, der sich von weltlicher Schönheit verführen lässt: Vor diesen Haltungen warnte der Papst in der Frühmesse am 3. Mai und forderte zu einer Gewissenserforschung auf, um die eigene Glaubenserfahrung zu prüfen.

Der Abschnitt des Tagesevangeliums nach Johannes (14,6-14) sei »Teil jener langen Rede Jesu beim Letzten Abendmahl, der Abschiedsrede: er verabschiedet sich vor seinem Leiden«, erläuterte Franziskus. Jesus sage zu den Aposteln: »Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich lasse euch nicht allein. Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten. « In zwei Versen vor diesem Evangeliumsabschnitt sei außerdem zu lesen: »Und wohin ich gehe, den Weg dorthin kennt ihr.« Und Thomas antworte: »Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?« Anschließend beginne der Evangeliumstext vom Tage, wo Jesus zu Thomas sagt: »Ich bin der Weg.« Das sei »die Antwort auf die Angst, die Traurigkeit, die Traurigkeit der Jünger wegen dieses Abschieds Jesu: Sie haben es nicht verstanden und waren deswegen traurig.« Daher sage Jesus zu Thomas: »Ich bin der Weg.« Dieses Wort Jesu »lässt uns an das christliche Leben denken«, das »ein Weg ist: Mit der Taufe beginnen wir zu gehen, und dann gehen und gehen wir immer weiter.« Man könne sagen, dass das christliche Leben »ein Weg ist, und der richtige Weg ist Jesus «. Gerade weil Jesus selbst gesagt habe: »Ich bin der Weg.« Und daher gelte: »Der Weg, um im christlichen Leben gut voranzugehen, ist Jesus.«

Der Papst warnte: »Es gibt viele verschiedene Weisen des Gehens.« Da sei »zunächst jener, der nicht geht. Ein Christ, der nicht geht, der keinen  Christ: Er ist ein Christ, der ein wenig heidnisch geworden ist, er steht da, unbeweglich an derselben Stelle. Er geht im christlichen Leben nicht voran. Er lässt die Seligpreisungen in seinem Leben nicht erblühen, er tut keine Werke der Barmherzigkeit, er steht still.« Mehr noch, fügte Franziskus hinzu, »es ist, als wäre er – entschuldigt das Wort – eine Mumie, eine ›geistliche Mumie‹«. Es gebe Christen, »die ›geistliche Mumien‹ sind, die stillstehen: Sie tun nichts Schlechtes, aber sie tun auch nichts Gutes.« Aber diese Lebensweise »wird keine Frucht bringen: er ist kein fruchtbarer Christ, weil er nicht vorwärts geht«.

Dann gebe es einige, die »vorangehen und sich verlaufen«. Aber »auch wir verirren uns oft«. »Der Herr selbst kommt und hilft uns. Es ist keine Tragödie, sich im Weg zu irren.« Aber »eine Tragödie ist es, wenn man stur bleibt und sagt: ›Das ist der Weg.‹ Und wenn man nicht zulässt, dass die Stimme des Herrn uns sagt: ›Das ist nicht der Weg. Kehr um, geh zurück und nimm den wahren Weg wieder auf!‹« »Wenn wir unsere Fehler und Irrtümer bemerken, müssen wir wieder den richtigen Weg einschlagen« und »dürfen nicht stur sein und auf dem falschen Weg weitergehen, weil uns das von Jesus entfernt, denn er ist der Weg, nicht der falsche Weg«.

Weiter gebe es andere, »die vorangehen, aber nicht wissen, wohin sie gehen: es sind im christlichen Leben Umherschweifende, Vagabunden«, so dass »ihr Leben darin besteht herumzuirren, hier und dort, und so verlieren sie die Schönheit, sich Jesus zu nähern im Leben Jesu«. Kurz gesagt: »Sie verlieren den Weg, weil sie herumschweifen, und sehr oft führt dieses Herumirren ihr Leben in eine Sackgasse: das zu viele Herumschweifen verwandelt sich in ein Labyrinth, und dann wissen sie nicht mehr, wie sie hinauskommen. « Schließlich »haben sie jenen Ruf Jesu verloren. Sie haben keinen Kompass, um hinauszufinden, und sie schweifen und irren umher, sie suchen.«

Dann gebe es wieder andere, »die auf dem Weg von etwas Schönem, von einer Sache verführt werden. Sie bleiben auf halbem Weg stehen, fasziniert von dem, was sie sehen, von jener Idee, jenem Angebot, jener Landschaft, und sie bleiben stehen.« Aber »das christliche Leben ist nicht Faszination: es ist eine Wahrheit. Es ist Jesus Christus.« Die »heilige Teresa von Ávila hat über diesen Weg gesagt: ›Wir sind auf dem Weg, um zur Begegnung mit Jesus zu gelangen.‹« Genau wie »jemand, der sich auf den Weg macht, um zu einem Ort zu gelangen. Er bleibt nicht stehen, weil ihm das Hotel gefällt, weil ihm die Landschaft gefällt, sondern er geht immer weiter.« Der Papst räumte ein, dass es im christlichen Leben gut sei, »innezuhalten, die Dinge zu betrachten, die einem gefallen, das Schöne – es gibt Schönes und man muss es betrachten, denn Gott hat es gemacht –, aber man darf nicht stehenbleiben.« Man muss »das christliche Leben fortsetzen«. Deshalb müsse man dafür sorgen, »dass etwas Schönes, etwas Ruhiges, ein ruhiges Leben mich nicht so fasziniert, dass es mich dazu führt stehenzubleiben «. Es gebe, so der Papst, sehr viele »Weisen, nicht den richtigen Weg zu gehen«, aber »der richtige Weg ist Jesus«.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen schlug Franziskus eine Gewissenerforschung anhand einiger konkreter Fragen vor: »Heute können wir uns fragen, ein jeder von uns: Wie steht es um meinen Weg als Christ, den ich in der Taufe begonnen habe? Steht er still? Habe ich den Weg verfehlt? Bin ich ständig unterwegs und weiß nicht, wohin ich geistlich gehen soll? Bleibe ich vor den Dingen stehen, die mir gefallen: Weltlichkeit, Eitelkeit – viele Dinge, nicht wahr? –, oder gehe ich immer weiter, indem ich die Seligpreisungen und die Werke der Barmherzigkeit konkret werden lasse?« Der Papst fügte hinzu, dass es »gut tut, sich das zu fragen: Das ist eine echte Gewissenserforschung!« Kurz gesagt laute die Frage: »Wie gehe ich meinen Weg? Folge ich Jesus?« Der Papst erklärte: »Und wie wir Jesus folgen sollen, das hat uns Paulus in der ersten Lesung gesagt: ›Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.‹« Das heiße »Jesus nachfolgen: davon überzeugt zu sein. Der Weg Jesu ist so: Es gibt immer ein bisschen Kreuz und ein bisschen Auferstehung.« Aber »das ist das Leben «, und »wenn Jesus zu Thomas sagt: ›Ich bin der Weg‹, dann sagt er ihm damit genau dies«. Der Papst unterstrich erneut: »Das ist der Weg, und es ist der Weg des Christen: der Weg Jesu ist voller Trost, Herrlichkeit und auch Kreuz, aber immer mit dem Frieden in der Seele.«

Franziskus fasste zusammen: »Jener Christ, der still stehenbleibt; jener, der den Weg verfehlt; jener, der sein Leben mit Herumschweifen verbringt; jener, der von Schönem oder Dingen, die ihn interessieren, fasziniert und verführt wird und stehenbleibt, um sie zu betrachten, und so den Weg verlangsamt: sie alle folgen Jesus nicht ganz nach.«

Bevor der Papst die Feier der heiligen Messe fortsetzte, forderte er erneut zur Gewissenserforschung auf – mindestens »fünf Minütchen« –, um sich zu fragen: »Wie steht es bei mir um diesen Weg als Christ? Bin ich stehengeblieben, auf dem falschen Weg, ein Herumirrender, indem ich vor den Dingen stehenbleibe, die mir gefallen?« Oder entspreche ich dem, was Jesus sagt: »Ich bin der Weg«? »Wir wollen den Heiligen Geist bitten, dass er uns lehren möge, den Weg gut zu gehen, immer, und wenn wir müde werden, dann erholen wir uns ein wenig und gehen weiter.« Bitten wir »den Herrn um diese Gnade«, schloss der Papst.

 



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