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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Ein vollkommener Unbekannter

Montag, 9. Mai 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 20, 20. Mai 2016

 

Ein vollkommen Unbekannter, wenn nicht sogar ein »Luxusgefangener«: das ist der Heilige Geist für viele Christen, die nicht wissen, dass er es ist, der »die Kirche bewegt«, indem er uns zu Jesus bringt und uns »real« und »nicht virtuell« sein lässt. Die Aufforderung, über die zentrale Rolle des Heiligen Geistes im Leben der Gläubigen nachzudenken, stand gerade in dieser Woche vor Pfingsten im Mittelpunkt der Predigt, die Papst Franziskus in der Frühmesse am 9. Mai im Gästehaus Santa Marta hielt.

Zu Beginn der heiligen Messe wies der Papst auf das Bild der heiligen Louise de Marillac hin, das aus Anlass ihres liturgischen Gedenktags neben dem Altar aufgestellt worden war. Dabei wurde ihr Gedenktag zum ersten Mal an diesem Datum begangen, denn seit der 1934 erfolgten Heiligsprechung wurde er bis heute am 15. März gefeiert. Außerdem war es auch der Jahrestag ihrer Seligsprechung, die am 9. Mai 1920 stattfand. Es sei ein besonders wichtiger Tag, erläuterte der Papst, weil Louise de Marillac die Gründerin der Töchter der Nächstenliebe des heiligen Vinzenz von Paul ist, »der Schwestern, die im Gästehaus Santa Marta arbeiten und es voranbringen«. Franziskus fügte hinzu, dass er »diese Messe für die Schwestern des Hauses« feiern werde. In der Predigt ging der Papst vom Abschnitt aus der Apostelgeschichte (19,1-8) aus, in dem Paulus in Ephesus einigen Jüngern begegnet, die an Jesus glauben und denen er die Frage stellt: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?« Und nachdem sie sich gegenseitig ein wenig verwundert angeblickt hätten, hätten sie ihm geantwortet: »Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.« Der Papst merkte an: »Sie glaubten also an Jesus, waren gute Jünger, aber sie hatten noch nicht einmal gehört, dass der Heilige Geist existierte.«

Paulus setze den Dialog fort, indem er sie frage, welche Taufe sie empfangen hätten. Und die Jünger hätten geantwortet: »Die Taufe des Johannes. « Und so erkläre ihnen Paulus, dass dies eine »Taufe der Umkehr, der Vorbereitung« gewesen sei. Nachdem die Jünger von Ephesus Paulus gehört hatten, »ließen sie sich auf den Namen Jesu, des Herrn, taufen«. In der Apostelgeschichte sei zu lesen: »Paulus legte ihnen die Hände auf, und der Heilige Geist kam auf sie herab; sie redeten in Zungen und weissagten.« Der Papst erläuterte: »Das ist ein Weg: der Weg der Bekehrung, aber es fehlte die Taufe und die Auflegung der Hände, damit der Heilige Geist kommt.«

»Auch heute geschieht dasselbe«, unterstrich Franziskus: »Die Mehrheit der Christen« wisse nichts oder wenig über den Heiligen Geist, so dass auch sie dieselbe Antwort geben könnten wie die Jünger von Ephesus: »Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.« Und wenn man viele Menschen guten Willens frage: »Wer ist der Heilige Geist für dich?« und »Was tut der Heilige Geist und wo ist er?«, dann sei die einzige Antwort, dass er »die dritte Person der Dreifaltigkeit« sei. Genau so wie sie es im Katechismus gelernt hätten. Sicher, »sie wissen, dass der Vater die Welt geschaffen hat, weil die Schöpfung dem Vater zugeschrieben wird«.

Und sie wüssten auch, dass »Jesus der Sohn ist, der uns erlöst und sein Leben hingegeben hat«. Das heißt, »sie sagen dir alles, aber dann« in Bezug auf den Heiligen Geist, wüssten sie zwar, dass er »die dritte Person der Dreifaltigkeit« sei, aber wenn man sie frage: »Was tut er?«, dann antworteten sie, dass er halt »dort ist«. Und »so bleiben unsere Christen dabei stehen«. Franziskus erläuterte weiter: »Der Heilige Geist ist derjenige, der die Kirche bewegt. Er ist derjenige, der in der Kirche, in unseren Herzen wirkt. Er ist es, der aus jedem Christen eine andere Person macht, aber aus allen zusammen die Einheit hervorbringt.« Der Heilige Geist sei es, »der voranbringt, der die Türen weit aufmacht und dich aussendet, Zeugnis von Jesus zu geben«. Im Eröffnungsvers habe es geheißen: »Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, und ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Grenzen der Erde.« Dieser Heilige Geist sei es, der »uns bewegt, Gott zu loben. Er veranlasst uns zu beten. Er betet in uns.« Der Heilige Geist »ist in uns, und er lehrt uns auf den Vater zu blicken und zu sagen: ›Vater.‹« Und so »befreit er uns aus der Situation von Waisen, in die der Geist der Welt uns bringen will«. Aus all diesen Gründen sei der Heilige Geist »sehr wichtig: Er ist der Protagonist der lebendigen Kirche. Er ist es, der in der Kirche wirkt.«

An diesem Punkt warnte der Papst vor einer Gefahr: »Wenn wir dieser Sendung des Heiligen Geistes nicht entsprechen und ihn nicht auf diese Weise empfangen«, dann werde letztendlich »der Glaube auf eine Moral, eine Ethik reduziert«. Und man denke, dass es ausreiche, alle Gebote zu halten, »aber nicht mehr«. Und so sagten wir uns: »Das darf man tun, das darf man nicht tun. Bis hier ja, weiter nein!« und würden damit in »Kasuistik « und eine »kalte Moral« fallen. Aber »das christliche Leben ist keine Ethik: es ist eine Begegnung mit Jesus Christus«. Und derjenige, »der mich zu jener Begegnung mit Christus führt«, sei gerade der Heilige Geist.

»In unserem Leben tragen wir sonst den Heiligen Geist in unserem Herzen wie einen ›Luxusgefangenen‹: Wir lassen nicht zu, dass er uns drängt, dass er uns bewegt.« Und doch »tut er alles, weiß er alles, weiß uns daran zu erinnern, was Jesus gesagt hat, weiß uns die Dinge Jesu zu erklären«. Nur etwas gebe es, das »der Heilige Geist nicht hervorbringen kann: Salon-Christen. Das kann er nicht! Er kann keine ›virtuellen Christen‹ hervorbringen«, im Gegenteil schaffe er »reale Christen: Er nimmt das reale Leben, so wie es ist, mit der Prophetie die Zeichen der Zeit zu lesen, und er bringt uns so voran.« Daher sei er »der große ›Gefangene unseres Herzens‹, von dem wir sagen, dass er die dritte Person der Dreifaltigkeit ist, und dabei bleiben wir stehen«. Franziskus empfahl: »Es wird gut sein, wenn wir in dieser Woche darüber nachdenken, was der Heilige Geist in unserem Leben tut.« Zur Unterstützung dieser Gewissenserforschung stellte der Papst einige konkrete Fragen: »Hat der Heilige Geist mich den Weg der Freiheit gelehrt? Habe ich ihn von ihm gelernt? Aber was für eine Freiheit?

Welche Freiheit? Der Heilige Geist, der in mir ist, drängt mich hinauszugehen: Habe ich Angst? Wie ist mein Mut beschaffen, der Mut, den mir der Heilige Geist gibt, um aus mir selbst hinauszugehen, um Jesus zu bezeugen? Wie ist es um meine Geduld in den Prüfungen bestellt? Denn auch die Geduld ist eine Gabe des Heiligen Geistes.« Gerade »in dieser Woche der Vorbereitung auf das Hochfest Pfingsten« lud der Papst die Christen ein, sich zu fragen, ob sie wirklich an den Heiligen Geist glaubten oder ob er für sie lediglich »ein Wort« sei. Franziskus mahnte: »Bemühen wir uns, mit ihm zu sprechen und zu sagen: ›Ich weiß, dass du in meinem Herzen bist, dass du im Herzen der Kirche bist, dass du die Kirche voran trägst, dass du die Einheit unter uns allen bewirkst, die wir alle verschieden sind, in der Verschiedenheit von uns allen.« Franziskus lud die Gläubigen ein, »dem Heiligen Geist all dies zu sagen und ihn um die Gnade zu bitten, zu erkennen, was er konkret in meinem Leben tut«. Das sei »die Gnade der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist, fügsam sein gegenüber ihn. Diese Woche wollen wir das tun: Denken wir an den Heiligen Geist und sprechen wir mit ihm.«

 



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