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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Sklaven und Blutsauger

Donnerstag, 19. Mai 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 22, 3. Juni 2016

 

Das Nachdenken über die richtige Beziehung eines Christen zu Geld und Reichtum führte Papst Franziskus in der heiligen Messe vom 19. Mai dazu, die »heutige Sklaverei« anzuprangern und auch jene, die das Fehlen von Arbeit ausnutzen, um »die Menschen auszubeuten« und sie zu zwingen, ungerechte Verträge, Schwarzarbeit zu akzeptieren. Menschenhändler, die »an Reichtum zunehmen« und wie »wahre Blutsauger« leben, »vom Blut der Menschen« leben. »Und das ist eine Todsünde«, fügte der Papst mit harten Worten hinzu.

Den Hintergrund bildete die Lesung aus dem Jakobusbrief (5,1-6), die Franziskus selbst als »ein wenig hart« bezeichnete. Offensichtlich habe »der Apostel die Gefahr begriffen, die besteht, wenn ein Christ sich vom Reichtum beherrschen lässt«. Deshalb »nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er ist klar und direkt: ›Ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault, und eure Kleider werden von Motten zerfressen.‹« Was werde wohl ein Reicher denken, der dies hört? Der Papst erläuterte: Wenn wir sehen, »was uns das Wort Gottes über den Reichtum lehrt«, dann verstünden wir, dass in Wirklichkeit »der Reichtum an sich gut ist«. Denn Gott selbst übertrage dem Menschen den Auftrag, zu wachsen und zu gedeihen. (»Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch.«) Ebenso »finden wir zahlreiche gerechte und reiche Menschen « in der Bibel. Der Papst erinnerte an einige von ihnen: Von Ijob zum Beispiel finde sich eine Aufzählung »aller Reichtümer, die Gott ihm gab«.

Aber man könne auch an Tobit, Joachim, den Ehemann von Susanna denken. Vielen »gibt der Herr den Reichtum als Segen«. Daher sei »der Reichtum gut«, aber er sei, so fügte Franziskus hinzu, »auch relativ«. Denn der Herr »lobt Salomo, weil dieser nicht Reichtum erbeten habe, sondern die Weisheit des Herzens, um das Volk zu richten«. Reichtum »ist nichts Absolutes «. Andere dagegen glaubten »an das, was man die ›Theologie der Prosperität‹ nennt, das heißt: Gott lässt dich erkennen, dass du gerecht bist, wenn er dir großen Reichtum schenkt«. Aber »das ist ein Irrtum«. Deshalb sage auch der Psalmist: »Verliert euer Herz nicht an den Reichtum!«

Genau das sei das »Problem«, das uns alle betreffe: »Hängt mein Herz am Reichtum oder nicht? Was für eine Beziehung zum Reichtum habe ich?« In diesem Zusammenhang »spricht Jesus vom ›Dienen‹: Man kann nicht Gott dienen und dem Reichtum. Sie stehen in Gegensatz zueinander. Reichtum an sich ist gut: Aber wenn du es vorziehst, Gott zu dienen, dann tritt der Reichtum in den Hintergrund und erhält damit seinen richtigen Platz.« Zur Erläuterung verwies Franziskus auf »den reichen Jüngling« aus dem Evangelium, »den Jesus liebte, weil er gerecht war«. Er »war ein guter Mensch, aber er hing am Reichtum. Und dieser Reichtum wurde schließlich für ihn zu einer Fessel, die ihm die Freiheit nahm, Jesus nachzufolgen.«

Dasselbe Problem behandle Jakobus in seinem Brief, wo er auf die »blickt, die den Reichtum quasi als Gott ansehen« und die »für den Reichtum leben«. An sie schreibe der Apostel die harten Worte: »Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze.« Um zu verdeutlichen, dass »die Beziehung dieser Menschen zum Reichtum schlecht ist«, gebrauche Jakobus Worte, die von jemandem geschrieben sein könnten, der »in der heutigen Zeit lebt, in einer unserer Städte dieser Welt: ›Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere.‹« Jakobus zeige mit dem Finger auf jene Situationen, in denen »der Reichtum auf die Ausbeutung der Menschen zurückgeht«: »Jene armen Menschen werden versklavt.« Hier forderte Franziskus die Anwesenden auf, an die Welt von heute zu denken, »wo dasselbe geschieht«. Einem Arbeitssuchenden werde zum Beispiel ein Vertrag von »September bis Juni« angeboten, »ohne die Möglichkeit einer Rente, ohne Krankenversicherung«.

Dann werde der Vertrag in den Sommermonaten ausgesetzt, als könne man im Juli und August Luft essen. Im September werde dann ein neuer Vertrag gemacht. Wer dies tue, sagte der Papst mit klaren Worten, »ist ein wahrer Blutsauger. Diese Leute leben vom Aderlass der Menschen, die sie durch die Arbeit versklaven.« Der Apostel Jakobus habe auf die Erntearbeit Bezug genommen, während heute die »Versklavung durch die Arbeit« allgemeiner sei. Der Papst berichtete von der Erfahrung einer jungen Frau, der man elf Stunden Schwarzarbeit pro Tag für 650 Euro Monatslohn angeboten habe. Angesichts ihres Protests habe man gesagt: »Aber sieh dir die Warteschlange hinter dir an! Wenn du magst, nimm die Arbeit. Wenn nicht, geh weg. Andere warten schon!« Diese Reichen, kommentierte Franziskus, »nehmen an Reichtum zu«. Es schienen dieselben zu sein, von denen der Apostel schreibe: »Noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet.« Und an sie gewandt fügte der Papst hinzu: »Das Blut all dieser Menschen, das ihr gesaugt habt«, sei »ein Schrei zum Herrn, ein Schrei nach Gerechtigkeit«.

Wer so handle, sei »Menschenhändler«, vielleicht ohne »sich dessen bewusst zu sein«. Wir »dachten, es gebe keine Sklaven mehr: Es gibt sie. Es ist wahr, dass man nicht mehr nach Afrika geht, um sie von dort zu holen und dann in Amerika zu verkaufen. Das nicht. Aber das gibt es in unseren Städten.« Es sei »die Ausbeutung der Menschen, die Ausbeutung nicht nur von Kindern, sondern von all jenen«, die in der Arbeit »ohne Gerechtigkeit« behandelt werden. Beim Nachdenken über diese Themen verwies der Papst ebenfalls auf die Katechese der Generalaudienz vom Vortag, die dem reichen Prasser und Lazarus gewidmet war. Jener Reiche »befand sich in seiner eigenen Welt. Er bemerkte nicht, das vor seiner Haustür jemand war, der Hunger hatte«, und »ließ den anderen sterben«.  Der vorliegende Fall sei allerdings noch »schlimmer «: Denn es handle sich darum, »die Menschen mit ihrer Arbeit zugunsten des eigenen Profits auszuhungern. Vom Blut der Menschen leben. Und das ist eine Todsünde. Das ist Todsünde. Und viel Buße, viel Wiedergutmachung ist notwendig, um sich von dieser Sünde zu bekehren.«

Franziskus fügte hinzu, dass auch der Antwortpsalm (Psalm 49) die harten Worte des Apostels Jakobus bestätige. Es handle sich um »eine schöne, ruhige Meditation über die Armut: ›Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.‹« Über die Reichen sei ganz klar zu lesen: »Geradewegs sinken die Reichen hinab in das Grab; ihre Gestalt zerfällt, die Unterwelt wird ihre Wohnstatt.«

In diesem Zusammenhang erzählte der Papst eine Anekdote über einen »geizigen Mann«. Als er starb, hätten die Leute gescherzt: »›Das Begräbnis ging daneben.‹ – ›Warum?‹ – Sie sagten: ›Na, man konnte den Sarg nicht schließen.‹ – ›Aber warum das?‹ – ›Weil er alles mitnehmen wollte, was er hatte. Aber das ging nicht.‹« Niemand könne »seinen Reichtum mitnehmen«, so Franziskus.

Zum Abschluss der Predigt forderte der Papst erneut dazu auf, über »dieses Drama der heutigen Zeit nachzudenken: die Ausbeutung der Menschen «. Dabei solle man nicht nur an den Menschenhandel im Hinblick auf Prostitution und Kinderarbeit denken, sondern auch an »diesen sozusagen ›zivilisierteren‹ Menschenhandel«, wo man sage: »Ich bezahle dich bis hier, ohne Ferien, ohne Krankenversicherung, alles unter der Hand, Schwarzarbeit… So werde ich reich!« Mit einem Hinweis auf das Evangelium vom Tag (Mk 9,41-50) bat Franziskus den Herrn, dass »er uns heute jene Einfachheit verstehen lässt, von der Jesus im heutigen Evangelium spricht: Einen Becher Wasser im Namen Jesu zu trinken zu geben ist wichtiger als aller durch die Ausbeutung der Menschen angehäufter Reichtum.«

 



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