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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Die letzte Stufe

Dienstag, 14. Juni 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 26, 1. Juli 2016

 

Auf dem Weg des Christen »ist kein Platz für den Hass«: Wenn die Gläubigen wie Kinder »dem Vater ähnlich« sein wollen, dann dürfen sie sich nicht auf den bloßen »Buchstaben des Gesetzes« beschränken, sondern müssen jeden Tag »das Gebot der Liebe« leben, bis dahin, »für die Feinde zu beten«: das heißt bis zur »letzten Stufe«, deren Hinaufsteigen notwendig ist, um »das von der Sünde verwundete Herz« zu heilen. In der Frühmesse am 14. Juni, die der Papst wie gewohnt im Gästehaus Santa Marta feierte, unterstrich er, dass Jesus gekommen sei, um das Gesetz »zur Vollendung« zu bringen, indem er eine vollkommen neue Definition vom »Nächsten« gab. Denn Jesus sei »nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben« – wie ihn seine Feinde beschuldigten –, sondern »um es zur Vollendung zu bringen«, und zwar das ganze Gesetz, »bis zum letzten Jota«, dem kleinsten Buchstaben.

Damals hätten die Schriftgelehrten eine »zu theoretische und kasuistische Auslegung« des Gesetzes gepflegt, so Franziskus. Es hätte in ihrer Sichtweise »das Herzstück des Gesetzes gefehlt: die Liebe«, die Gott uns geschenkt hat. Im Mittelpunkt stünde nicht mehr das, was im Alten Testament »das höchste Gebot« war – das heißt »Gott lieben mit ganzem Herzen, mit all deiner Kraft, mit ganzer Seele, und den Nächsten wie dich selbst« –, sondern eine Kasuistik, die sich nur bemühte eines zu begreifen: »Darf man das? Bis wohin darf man dies tun? Und wenn man es nicht darf?«

Jesus suche »ausgehend von den Geboten«, den »wahren Sinn des Gesetzes« aufzuzeigen, »um es zur Vollendung zu bringen«. So zum Beispiel in Bezug auf das fünfte Gebot: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: ›Du sollst nicht töten!‹ Das ist wahr! Aber wenn du deinen Bruder beleidigst, dann tötest du.« Jesus erkläre, dass es »viele Formen, viele Arten gibt zu töten«. So »verfeinere « er gleichsam das Gesetz. Und weiter: »Wenn dein Bruder dich um dein Gewand bittet, dann überlasse ihm auch deinen Mantel! Und wenn er dich bittet, ihn einen Kilometer zu begleiten, dann gehe zwei Kilometer mit ihm!« Der Papst erläuterte: Das bedeute, dass Jesus immer »etwas Großherzigeres« verlangt, weil »die Liebe großherziger ist als der Buchstabe, der Buchstabe des Gesetzes«.

Diese »Arbeit« der Vervollkommnung diene nicht nur »der Vollendung des Gesetzes, sondern es ist eine Arbeit der Heilung des Herzens«. An den Stellen des Evangeliums, in denen Jesus diese Erklärung der Gebote fortsetze, »gibt es einen Weg der Heilung eines von der Erbsünde verwundeten Herzens«. Es sei ein Weg, der allen angeboten werde, denn »wir alle haben ein von der Sünde verwundetes Herz, alle«. Und da Jesus auffordere, »vollkommen zu sein wie der himmlische Vater«, um »dem Vater ähnlich zu sein«, um wirklich seine »Kinder« zu sein, müssten wir »genau diesem Weg der Heilung« folgen.

Im Abschnitt des Tagesevangeliums (Mt 5,43-48) erinnere Jesus die Jünger: »Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen«, und füge dann hinzu: »Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!« Der Papst hob hervor, dass es auf diesem Weg »keinen Platz für den Hass« gebe. Die Messlatte werde immer höher gelegt: Zuerst bringe Jesus »uns dazu, unseren Brüdern, unseren Freunden mehr zu geben«, und nun auch »unseren Feinden«. Tatsächlich beinhalte »die letzte Stufe dieser Leiter«, die zur Heilung führe, die Aufforderung: »Betet für die, die euch verfolgen!«

Ein Gebot – »für die Feinde zu beten« –, das uns verblüffe. Denn »aufgrund der Wunde, die wir alle im Herzen tragen«, wünschten wir ganz instinktiv, dass einem Feind, der beispielsweise schlecht über uns rede, »etwas Hässliches zustoßen « solle. Dagegen sage »uns Jesus: ›Nein, nein! Bete für ihn und tu Buße für ihn!‹« In diesem Zusammenhang erzählte der Papst ein Beispiel aus seiner Jugend: Er habe über »einen der großen Diktatoren, die es in der Nachkriegszeit auf der Welt gab«, sagen hören: »Möge Gott ihn so bald wie möglich in die Hölle schicken!« Einerseits sei dies das Gefühl gewesen, das sich unverzüglich im Herzen regte, andererseits habe das neue Gebot verlangt: »Betet für diesen Menschen!« Sicher, so fügte Franziskus hinzu, »es ist leichter, für jemanden zu beten, der weit weg ist, für einen Diktator in der Ferne, als für einen, der mir etwas sehr, sehr Schlimmes angetan hat«. Und dennoch sei es gerade das, was »Jesus von uns verlangt«. Da könne man die Frage stellen: »Aber warum gar so viel Großzügigkeit, Herr?« Die Antwort auf diese Frage gebe uns Jesus gerade im Evangelium: um »Kinder eures Vaters im Himmel « zu sein. Wenn »der Vater so handelt«, dann seien auch wir aufgefordert, dasselbe zu tun, um »Kinder« sein zu können. Das bedeute, dass diese »Heilung des Herzens« »uns dazu führt, in zunehmendem Maße seine Kinder zu werden«. Und was tue der Vater? »Er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«, weil er »der Vater aller ist«.

Ein weiterer Einwand laute: Aber ist Gott auch der Vater »dieses Schurken, dieses Diktators?« Die Antwort sei eindeutig: »Ja, er ist der Vater! Genauso, wie er mein Vater ist! Er leugnet niemals seine Vaterschaft!« Und wenn wir ihm »ähnlich sein« wollten, dann müssten wir »diesen Weg gehen«. Tatsächlich beende Jesus seine Rede mit den Worten: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.« Das heiße, so der Papst, dass uns ein Weg angeboten werde, »der nie zu Ende geht«, da wir »tagtäglich etwas Derartiges tun sollen«.

In diesem Zusammenhang schlug Franziskus allen »etwas Praktisches« vor, und zwar, dass man sich frage: »Bete ich für meine Feinde oder wünsche ich ihnen ganz instinktiv etwas Schlechtes?« »Fünf Minuten, nicht mehr« reichten aus, um sich zu fragen: »Wer sind meine Feinde, bzw. die, die mir Schlimmes angetan haben oder die ich nicht liebe, oder mit denen wir uns zerstritten haben? Um wen handelt es sich? Bete ich für sie?« Jeder von uns, so fügte der Papst hinzu, »möge das beantworten«. Und er schloss: »Möge der Herr uns die Gnade schenken, für die Feinde zu beten; für die zu beten, die uns hassen, die uns nicht lieben; für die zu beten, die uns Böses getan haben, die uns verfolgen«, für jeden persönlich mit »Vor- und Nachnamen«. Dann könnten wir sehen, dass dieses Gebet zweifach fruchtbar sei: es lasse unseren Feind »besser werden, da das Gebet sehr mächtig ist«, und uns »lässt es noch mehr zu Kindern des Vaters werden«.

 

 



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