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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Atmosphäre und Raum

Donnerstag, 16. Juni 2016

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 8. Juli 2016

 

»Vater« ist jenes Wort, das in keinem Gebet fehlen darf, weil es »der Eckstein« ist, der »uns unsere christliche Identität verleiht«. Fügt man dann noch das Wort »unser« hinzu, dann können wir alle uns als Teil »einer Familie« fühlen. Und so gelingt es uns dann auch, »keine leeren Worte zu machen« oder nach »magischen Worten« zu suchen, sondern das Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat – eben das Vaterunser –, in vollem Umfang zu erleben: vor allem da, wo er uns dazu auffordert, den anderen zu vergeben zu wissen. Der Papst regte während der Frühmesse, die er am Donnerstag, 16. Juni, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, an, sich einer »Gewissenserforschung « zu unterziehen.

In seiner Predigt ging Papst Franziskus vom Tagesevangelium nach Matthäus aus (6,7-15). »Einige Male«, so erinnerte er, »hatten die Jünger Jesus gebeten: ›>Meister, lehre uns zu beten.‹« Tatsächlich »wussten sie nicht, wie man betet, oder sie sahen, wie die Jünger des Johannes beteten, und fragten Jesus, wie sie es anstellen sollten«. Der Herr seinerseits »hält es bei seiner Lehre klar und einfach: ›Zunächst‹, sagt er, ›sollt ihr, wenn ihr betet, nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen‹«. »Vielleicht«, so erläuterte der Papst, »dachte Jesus dabei an die Baalspropheten auf dem Berg Karmel, die beim Gebet zu ihrem Götzen, ihrem Gott, lauthals schrien«. Diese Baalspriester »beteten, hüpften von einer Seite zur anderen, fügten sich Schnitte zu: nein, das ist Vergeudung, eine Vergeudung der Worte; nein, das ist kein Gebet«.

Die Heiden, so sage Jesus, »glauben, sie würden nur erhört, wenn sie viele Worte machen«, fast als seien es »magische Worte«. Eben deshalb rate er: »Seid nicht wie sie, Gott bedarf keiner Worte«, »denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet«. »Jesus«, merkte Franziskus an, »verwirft dieses Gebet der Worte, das nichts als Wortgeklingel ist«, und sage: »So sollt ihr beten!« Insofern »zeigt er uns genau den Raum, den das Gebet einnimmt, das aus einem einzigen Wort besteht: ›Vater‹ «. Tatsächlich wisse Gott, »was wir brauchen, noch ehe wir ihn darum bitten; dieser Vater, der uns im Geheimen, insgeheim, erhört, im Geheimen, so wie er, Jesus, uns zu beten empfiehlt: im Geheimen«. Ein Vater, so fuhr der Papst fort, »der uns gerade die Identität von Kindern schenkt«. So gelange ich, »wenn ich ›Vater‹ sage, bis zur Wurzel meiner Identität: meine christliche Identität besteht in der Kindschaft, und das ist eine Gnade des Heiligen Geistes«. Daher könne »niemand ›Vater‹ sagen ohne die Gnade des Heiligen Geistes«. »Vater«, so bekräftigte der Papst, »ist das Wort, das Jesus in den intensivsten Augenblicken gebrauchte: als er voll der Freude war, voll innerer Bewegung: ›Vater, ich preise dich, weil du diese Dinge den Kindern offenbarst.‹« Oder »wenn er am Grab seines Freundes Lazarus weint: ›Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.‹« Und weiter im Augenblick der Angst, »in den letzten Augenblicken seines Lebens: ›Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.‹« Kurzum, so beharrte Franziskus, »in den intensivsten Augenblicken sagt Jesus: ›Vater‹, es ist das von ihm meistgebrauchte Wort«. Und »er spricht mit dem Vater: das ist der Weg des Gebets, und daher erlaube ich mir zu sagen, dass es der Ort des Gebets ist.«

Gerade deshalb, so erläuterte der Papst, »ist unser Gebet, wenn wir nicht spüren, dass wir Kinder sind, wenn wir uns nicht als Kinder fühlen, wenn wir nicht ›Vater‹ sagen, heidnisch, es ist dann ein Gebet, das nur ein Wortgeklingel ist«. Sicher, so bekräftigte Franziskus, sei es gut, »zur Muttergottes zu beten, weil sie eine vom Vater innig geliebte Tochter ist«. Dasselbe gelte auch für die Heiligen, die »alle vom Vater geliebt werden« und unsere Fürsprecher seien. Und auch für die Engel. »Aber der Eckstein des Gebets lautet ›Vater‹ «, so bekräftigte der Papst, der empfahl, »Vater« zu sagen und dann zu beten. Denn »wenn du nicht imstande bist, das Gebet damit anzufangen, dass du mit Herz und Mund dieses Wort, ›Vater‹, sagst, dann wird das Gebet nicht gut«. Des Weiteren sagte er, es handle sich darum, »den Blick des Vaters zu spüren, der auf mir ruht, zu spüren, dass dieses Wort ›Vater‹ nicht vergeudet ist, wie es die Worte der Gebete der Heiden sind: es ist eine Anrufung dessen, der mir die Identität als sein Kind geschenkt hat«. Genau »das ist der Raum des christlichen Gebets – ›Vater‹ –, und in diesem Zusammenhang beten wir zu allen Heiligen, den Engeln, machen auch Prozessionen und Wallfahrten.« Es sei »alles schön«, so fügte er hinzu, »aber man muss immer mit dem Wort ›Vater‹ beginnen und im Bewusstsein, dass wir Kinder sind und einen Vater haben, der uns liebt und der all unsere Bedürfnisse kennt: das ist der Raum«.

Aber, so warnte der Papst, »etwas ist merkwürdig; Jesus betet das ›Vaterunser‹, das Gebet, das wir alle kennen, er lehrt uns im Evangelium, so zu beten: ›Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen‹«. Und »gleich danach, sofort« schließe er noch an: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.« Es habe fast den Anschein, so erläuterte der Papst, »das Jesus vergessen hat, zu betonen, was in dem Gebet war, das er gesprochen hatte – ›Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben‹ –, und fortfährt: "›Und führe uns nicht… , und dann aber nein, ich muss das betonen!«

Wenn also, so bekräftigte Franziskus, »der Raum des Gebets der ist, ›Vater‹ zu sagen, dann ist die Atmosphäre des Gebets jene, dass wir »unser « sagen: wir sind Brüder, wir sind eine Familie«. Wenn wir hingegen »aufeinander wütend sind, wenn wir im Krieg sind, uns hassen, dann behindern wir die Liebe des Vaters«. Und »das ist die Atmosphäre, es ist die Familie, alle sind Kinder desselben Vaters: Kann ich den Sohn meines Vaters hassen? Aber Kain hat es getan! Dann werde ich zu Kain!« Kurz, »Vater unser« zu sagen bedeute soviel wie zu sagen: »Du, der du mir eine Identität schenkst, und du, der du mir eine Familie schenkst«. Aus diesem Grunde, so sagte der Papst, »ist die Fähigkeit zur Vergebung so wichtig, die Fähigkeit, Beleidigungen zu vergessen, diese gute Angewohnheit: ›na, lassen wir’s auf sich beruhen… der Herr wird’s schon richten‹, und nichts nachzutragen, keinen Groll zu hegen, keine Rachsucht«. Daher sei es »das beste Gebet, das du verrichten kannst, wenn du beten gehst und schlicht und einfach ›Vater‹ sagst und dabei an den denkst, der dir das Leben geschenkt hat und dir eine Identität gibt und dich liebt, und ›unser‹ sagst und allen vergibst, die Beleidigungen vergisst«. In diesem Zusammenhang, so bekräftigte er, »betet man zu allen Heiligen und zur Muttergottes, zu allen, aber die Grundlage des Gebets lautet ›Vater unser‹«.

Abschließend regte Franziskus an, »einige Male« »eine Gewissenserforschung dazu vorzunehmen «. Und er gab auch die Fragen vor, die man sich selber stellen solle: »Ist Gott für mich der Vater, empfinde ich ihn als Vater? Und wenn ich ihn nicht so empfinde, bitte ich dann den Heiligen Geist, mich zu lehren, so zu fühlen? Bin ich dazu imstande, die Beleidigungen zu vergessen, zu vergeben, es auf sich beruhen zu lassen und den Vater zu bitten: ›Aber auch das sind deine Kinder, sie haben mir etwas Schlimmes angetan, hilfst du mir, zu vergeben?‹« Das sei »die Gewissenserforschung «, die wir »an uns vornehmen« sollten: »Es wird uns sehr, sehr gut tun«. Und dabei sollten wir uns immer dessen bewusst sein, dass die Worte »Vater« und »unser« uns »die Kindschaft « geben und uns »eine Familie geben, mit der wir gemeinsam durch das Leben gehen.«

 



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