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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Niemals Sklaven des Gesetzes

Montag, 24. Oktober 2016
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 44, 4. November 2016)

 

Die Starrheit und Strenge des Heuchlers hat nichts zu tun mit dem Gesetz des Herrn, sondern deutet vielmehr auf »etwas Verborgenes, ein   Doppelleben« hin, das versklavt und etwas Wesentliches vergisst: auf der Seite Gottes zu sein bedeutet, in einer Haltung der »Freiheit, Sanftmut, Güte und Vergebung« zu leben. Auf diese Haltungen des Christen – der nicht so tun dürfe, als sei er gut, um eine »krankhafte Starrheit« zu verschleiern – richtete Papst Franziskus in der heiligen Messe am 24. Oktober seine Aufmerksamkeit.

»Im Antwortpsalm haben wir gebetet: ›Wohl dem, der der Weisung des Herrn folgt‹«, unterstrich der Papst zu Beginn seiner Predigt. Damit »haben wir um die Gnade gebetet, den Weisungen des Herrn zu folgen, denn das ist nicht leicht. Es ist nicht leicht, den Geboten des Herrn zu folgen. « Diese Schwierigkeit werde gerade auch im Tagesevangelium (Lk 13,10-17) deutlich. Der Abschnitt »zeigt uns, wie schwer es ist, den Geboten des Herrn zu folgen, und macht uns darauf aufmerksam, dass es eine Gnade ist, um die wir bitten müssen: den Weisungen des Herrn folgen.« Franziskus wies auf zwei wichtige Worte über die Frau hin, die im Evangelium erwähnt wird: »gefesselt« und »befreit«. Lukas schreibe, dass »der Satan sie schon seit achtzehn Jahren durch die Krankheit gefesselt hielt und dass Jesus sie befreit «. Aber er tue dies »am Sabbat, und das Gesetz sagt ganz klar, dass man am Sabbat nicht arbeiten darf«. Das sei das »alte Gebot« gewesen, während »das neue Gebot sagt, dass man am Sonntag nicht arbeiten darf«.

Die von Jesus gewirkte Heilung wecke die Empörung des Synagogenvorstehers, der »sich verpflichtet fühlt, die Frau zu tadeln und deshalb sagt: ›Kommt an anderen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat, wo man nicht arbeiten darf!‹« Darauf antworte Jesus »in aller Schärfe: ›Du bist ein Heuchler! Was tust du zum Beispiel mit deinem Ochsen oder deinem Esel? Du bindest ihn los, um ihn zu tränken, ihn zu füttern? Und dieser Frau hilfst du nicht?‹« Franziskus fuhr fort: »Das Wort ›Heuchler‹ verwendet Jesus häufig in Bezug auf die Starren, in Bezug auf jene, die in der Erfüllung des Gesetzes eine Haltung der Unbeugsamkeit und nicht die Freiheit von Kindern haben: Sie meinen, dass man das Gesetz genau so erfüllen muss und sie sind Sklaven des Gesetzes.« Aber »das Gesetz ist nicht dazu da, um uns zu Sklaven zu machen,  sondern um uns frei zu machen, um uns zu Kindern zu machen«, erläuterte der Papst. Der heilige Paulus »hat sehr viel darüber gepredigt. Und Jesus hat uns diese Wirklichkeit mit wenigen Predigten, aber vielen Tatsachen zu verstehen gegeben. «

»Heuchler« sei ein Wort, das »Jesus oft zu den harten, strengen Personen sagt. Denn hinter der Starrheit verbirgt sich immer etwas anderes« im Leben eines Menschen. »Starrheit ist keine Gabe Gottes, Sanftmut dagegen schon, ebenso wie  Güte, Wohlwollen, Vergebung, aber Starrheit nicht!« Hinter der Starrheit verberge sich häufig ein Doppelleben und »auch etwas Krankhaftes: Wie sehr leiden die Harten, und wenn sie ehrlich sind und sich dessen bewusst werden, dann leiden sie, weil sie es nicht schaffen, die Freiheit der Kinder Gottes zu haben. Sie wissen nicht, wie man der Weisung des Herrn folgt, und sie sind nicht glücklich. Sie leiden sehr.« Auch wenn »sie gut zu sein scheinen, weil sie dem Gesetz folgen, ist dahinter etwas, was sie nicht gut macht: entweder sind sie schlecht, heuchlerisch oder sie sind krank«. In jedem Fall »leiden sie«.

Franziskus verwies auf die beiden Söhne aus dem Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-32), um noch besser zu verdeutlichen, was er sagen wollte. »Der ältere Sohn war gut«, so gut, dass »alle Nachbarn, alle Freunde des Vaters« gesagt hätten: »Wie gut ist doch dieser Sohn: Er tut immer alles, was der Vater sagt!« Und dann hätten sie bei ihren Bemerkungen hinzugefügt: »Der arme Vater, mit dem zweiten Sohn, was für eine Katastrophe: Mit dem ganzen Geld ist er weg und führt ein schmutziges Leben, das Leben eines Sünders!«

Am Schluss jedoch »dreht sich die Geschichte um, und jenem Sünder, der weggegangen war, wird bewusst, dass er Schlechtes getan hat. Er kehrt zurück, bittet um Vergebung und der Vater feiert ein Fest.« Der »gute« Sohn dagegen, »ist dort und macht deutlich, was hinter seinem Gutsein verborgen ist«, das heißt »der Hochmut dessen, der sich für gerecht hält: ›Für den da, der so und so ist, veranstaltest du ein Fest, und für mich, der ich so gut bin, der dir immer gedient hat, veranstaltest du kein Fest?‹«

Das sei die Haltung des »Heuchlers: hinter seinen guten Werken verbirgt sich der Hochmut«. Der verlorene Sohn habe gewusst, »dass er einenVater hat. Und im dunkelsten Augenblick seines Lebens ist er zum Vater gegangen.« Der ältere Sohn dagegen »hat vom Vater nur verstanden, dass er der Herr im Haus ist. Aber nie hat er ihn als Vater empfunden: Der Sohn war hart und streng, er folgte streng den Geboten.« Der verlorene Sohn dagegen »ließ das Gesetz beiseite. Er ging weg ohne das Gesetz, gegen das Gesetz. Aber dann hat er an den Vater gedacht, ist zurückgekehrt und ihm ist vergeben worden.« »Es ist nicht leicht, den Geboten des Herrn zu folgen, ohne in Starrheit und Härte zu fallen«, sagte der Papst. »Aber die Hartherzigen leiden sehr.« Auch der Synagogenvorsteher, von dem Lukas im Evangelium spreche, habe »sich am Ende geschämt, weil Jesus ihn zum Nachdenken brachte«, als er ihm gesagt habe: »Aber tust du das nicht für deinen Esel?« Das ganze Volk aber, so sei weiter zu lesen, habe sich über all die großen Taten, die Jesu vollbrachte, gefreut.

Abschließend lud Franziskus ein, »für unsere Brüder und unsere Schwestern zu beten, die glauben, den Weisungen des Herrn zu folgen bedeute, starr und streng zu sein: Der Herr möge sie spüren lassen, dass er Vater ist und dass ihm Barmherzigkeit, Zärtlichkeit, Güte, Sanftmut, Demut gefallen.« Und »uns alle möge er lehren, in diesen Haltungen die Gebote des Herrn zu befolgen«.



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