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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Ein Liebesbrief

Freitag, 11. November 2016
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 49, 9. Dezember 2016)

 

Die christliche Liebe mit ihren »Werken der Barmherzigkeit« ist immer »konkret«, weil ihr einziges Kriterium die Menschwerdung Christi ist. Daher darf man nicht dem verführerischen »Prozess« nachgeben, sie »intellektualisieren und ideologisieren« zu wollen. Denn so »entleiblicht man die Liebe« und »endet beim traurigen Spektakel eines Gottes ohne Christus, eines Christus ohne Kirche und einer Kirche ohne Volk«. Vor dieser Gefahr, an eine »Liebe wie aus dem Roman oder der Telenovela zu glauben, die weltlich, philosophisch, abstrakt und soft ist«, warnte der Papst in der Frühmesse des 11. November, die er wie gewohnt im Haus Santa Marta feierte.

Franziskus ging bei seinen Überlegungen von der Lesung aus dem zweiten Johannesbrief (1,3-9) aus: »Es scheint der Brief eines Verliebten zu sein. Es ist der Dialog der Liebe zwischen dem Hirten und seiner Braut, der Kirche.« Ein »so zarter, respektvoller Dialog«, dass der Apostel die Kirche »von Gott auserwählte Herrin« nenne. Unter dieser »liebevollen Bezeichnung« also »wendet sich der Hirte an die Kirche«. Und »mit ebenso großem Feingefühl erinnert er daran, dass ›den Weg der Liebe gehen‹ das Gebot ist, das wir vom Herrn empfangen haben«. Denn im Johannesbrief sei zu lesen: »Und so bitte ich dich, Herrin, nicht als wollte ich dir ein neues Gebot schreiben, sondern nur das, das wir von Anfang an hatten: dass wir einander lieben sollen.« Dies sei eine Aufforderung, den Weg der Liebe zu gehen. Der Hirte richte sich wirklich mit außerordentlicher »Sanftmut und allergrößtem Respekt an seine Kirche, an seine Braut«.

»Um was für eine Art Liebe handelt es sich?«, fragte der Papst. »Denn dieses Wort wird heute und wurde schon immer für verschiedenste Dinge gebraucht: das ist Liebe, das ist Liebe und das auch…« Deshalb sei es sehr wichtig, zu verstehen, um »was für eine Art Liebe« es gehe. Handle es sich zum Beispiel »um Liebe wie aus dem Roman oder der Telenovela, denn auch davon heißt es, dass es Liebe ist?« Oder »ist es die theoretische Liebe, die Liebe der Philosophen?« Johannes gebe in seinem Brief die Worte des Hirten an seine Braut wieder, mit denen er sie zur Wachsamkeit ermahne. »Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen«, die »eine andere Liebe oder eine andere Erklärung der Liebe vorschlagen« und »auch eine andere Erklärung der christlichen Liebe, weil es für sie so ist«. Der Papst unterstrich: »Das Kriterium der christlichen Liebe ist die Menschwerdung des Wortes.« Johannes sage dies ausdrücklich: »Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen; sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist.« Und weiter: »Das ist der Verführer und der Antichrist.« Eine Liebe, »die nicht anerkennt, dass Jesus im Fleisch gekommen ist, ist nicht die Liebe, die dem Gebot Gottes entspricht, sondern es ist eine weltliche Liebe, eine philosophische Liebe, eine abstrakte Liebe; es ist eine Liebe, die nachgelassen hat, ›soft‹ geworden ist.« Dagegen sei die Menschwerdung des Wortes das Kriterium der christlichen Liebe, betonte Franziskus erneut. Und »wer sagt, dass die christliche Liebe etwas anderes ist, der ist der Antichrist, der nicht anerkennt, dass das Wort im Fleisch gekommen ist«. Gerade dies »ist die Wahrheit: Gott hat seinen Sohn gesandt, er ist Mensch geworden und hat ein Leben gelebt wie wir.« Daher müsse man »lieben, wie Jesus geliebt hat; lieben, wie Jesus es uns gelehrt hat; lieben nach dem Beispiel Jesu; lieben, indem wir den Weg Jesu gehen«. Und »der Weg Jesu ist es, Leben zu schenken«.

Im Abschnitt aus dem Lukasevangelium (17,26-37) »mahnt Jesus uns: Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.« Denn »er hat sein Leben aus Liebe hingegeben, um es in seiner Auferstehung wiederzugewinnen«. Daher »ist der einzige Weg, so zu lieben wie Jesus geliebt hat, beständig aus dem eigenen Egoismus hinauszugehen und sich in den Dienst der anderen zu stellen«. Das sage auch der Apostel Jakobus ganz klar in seinem Brief, »weil die christliche Liebe eine konkrete Liebe ist, weil die Gegenwart Gottes in Jesus Christus, der im Fleisch gekommen ist, konkret ist: die Menschwerdung des Wortes«.

Zum Johannesbrief zurückkehrend wiederholte der Papst die Worte, mit denen der Hirte »die Herrin eindringlich ermahnt: ›Achtet auf euch, damit ihr nicht preisgebt, was wir erarbeitet haben, sondern damit ihr den vollen Lohn empfangt.‹« Das sei eine Aufforderung zur Wachsamkeit, die noch einen Schritt weitergehe: »Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn.« Franziskus erläuterte dazu: »Das Wort ist im Fleisch gekommen, aber auch ihr seid in eine ›Menschwerdung‹ einbezogen in der Gemeinschaft, in der Kirche, denn wer über diese Lehre von der Fleischwerdung hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht.« Und dieses »›darüber Hinausgehen‹ ist ein Geheimnis: Es bedeutet das Geheimnis der Menschwerdung des Wortes zu verlassen, das Geheimnis der Kirche, weil die Kirche die um die Gegenwart Christi versammelte Gemeinschaft ist.« Der Papst verwies auf das griechische Wort »proagon«, es sei ein starkes Wort als Bezeichnung für denjenigen, »der geht, der darüber hinausgeht«. Daher »kommen alle Ideologien in Bezug auf die Liebe, die Ideologien über die Kirche, die Ideologien, die der Kirche das Fleisch Christi wegnehmen«. Aber gerade »diese Ideologien ›entleiblichen‹ die Kirche«, weil sie die Gläubigen sagen ließen: »Ja, ich bin katholisch. Ja, ich bin Christ. Ich liebe die ganze Welt mit einer universalen Liebe.« Aber das sei etwas »sehr Ätherisches «. Liebe sei dagegen »immer in der Wirklichkeit verankert, konkret und nicht außerhalb der Lehre der Menschwerdung des Wortes«.

»Das Leben der Kirche, die Zugehörigkeit zur Kirche ist immer innen und geht darüber hinaus, geht über die Kirche hinaus«. Wer »nicht so lieben will, wie Christus seine Braut, die Kirche, liebt – mit dem eigenen Leib und indem er sein Leben hingibt –, der liebt auf ideologische Weise: er liebt nicht mit ganzem Leib und ganzer Seele«. »Theorien, Ideologien und auch religiöse Angebote vorzulegen, die das Fleisch Christi wegnehmen, die der Kirche das Fleisch wegnehmen, gehen darüber hinaus und zerstören die Gemeinschaft, zerstören die Kirche.« Niemals »darf man über den Schoß der Kirche, der heiligen Mutter, der hierarchischen Kirche, hinausgehen«.

Der Johannesbrief offenbare die Liebe des Apostels zur Kirche: »Wenn wir beginnen, über die Liebe zu theoretisieren, über einen Weg der Liebe außerhalb der Kirche, außerhalb der Fleischwerdung des Wortes, gelangen wir zu einer Realität, die es in der Kirchengeschichte häufig gegeben hat und die es auch in unseren Tagen gibt: Wir kommen zur Veränderung dessen, was Gott will, was er mit der Menschwerdung des Wortes gewollt hat. Wir enden bei einem Gott ohne Christus, einem Christus ohne Kirche und einer Kirche ohne Volk.« Das geschehe alles in »diesem Prozess der ›Entleiblichung‹ der Kirche«.

Abschließend forderte Franziskus zum Gebet auf, »um den Herrn zu bitten, dass unser Weg der Liebe niemals – niemals! – zu einer abstrakten Liebe wird«, sondern dass unsere Liebe »konkret ist, mit den Werken der Barmherzigkeit«, um »das Fleisch Christi dort zu berühren, das Fleisch des menschgewordenen Christus«. Daher »hat der Diakon Laurentius gesagt, dass die Armen der Schatz der Kirche sind, weil sie das leidende Fleisch Christi sind«. Die Gläubigen sollten den Herrn um diese Gnade bitten, »nicht darüber hinauszugehen und nicht in diesen Prozess, der vielleicht viele Menschen verführt, zu geraten, das heißt diese Liebe zu intellektualisieren, zu ideologisieren, indem man die Kirche ›entleiblicht‹, die christliche Liebe ›entleiblicht‹"« und »um nicht beim traurigen Spektakel eines Gottes ohne Christus, eines Christus ohne Kirche und einer Kirche ohne Volk zu enden«.

 



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