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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Judas und das verlorene Schaf

Dienstag, 6. Dezember 2016
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 51/52, 23. Dezember 2016)

 

Die »frohe Botschaft des Weihnachtsfestes« ist, dass »der Herr in seiner Macht kommt«, vor allem mit der Macht »seiner Liebkosungen«, »seiner Zärtlichkeit«. Eine Zärtlichkeit, die wie die des guten Hirten für seine Schafe, jedem von uns gilt: Gott vergisst niemanden von uns, auch wenn wir uns ganz tragisch »verirrt« haben wie Judas, der in seinem »inneren Dunkel« gefangen und damit in gewisser Weise das Bild, der »Inbegriff« des Schafes aus dem Gleichnis des Evangeliums ist.

In der Predigt der heiligen Messe am 6. Dezember ging Papst Franziskus auf das Herz der »frohen Botschaft« vom Kommen Gottes ein, angesichts derer wir zur »Freude« aufgerufen seien, wie es im Tagesgebet heiße. »Vor Weihnachten bitten wir um diese Gnade, die frohe Botschaft mit aufrichtiger Freude zu empfangen und uns zu freuen«, aber auch »zuzulassen, dass der Herr uns tröstet«. Der Papst fragte sich, warum auch vom Trost die Rede sei. Die Antwort laute: »Weil der Herr kommt, und wenn er kommt, dann berührt er die Seele mit diesen Empfindungen.« Denn »er kommt als Richter, ja, aber als Richter, der liebkost, als Richter, der voller Zärtlichkeit ist und alles tut, um uns zu retten«. Gott »richtet mit Liebe, so sehr, dass er seinen Sohn gesandt hat.

Und Johannes unterstreicht: nicht um zu richten, sondern um zu retten; nicht um zu verurteilen, sondern um zu erretten.« Daher »trägt das Urteil Gottes immer die Hoffung der Rettung in sich«. Franziskus vertiefte das Thema, indem er auf das Tagesevangelium Bezug nahm, in dem Matthäus (18,12-14) vom guten Hirten spricht.Dieser Richter, »der liebkost« und der komme, »um zu retten«, habe »die Haltung des Hirten: ›Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte?‹« Auch der Herr werde, wenn er kommt, »nicht sagen: ›Ich zähle und mir fehlt eines, 99… das ist vernünftig…‹ Nein, nein. Eines ist einzig.« Denn der Hirte besitze nicht einfach 99 Schafe, sondern er habe »eines, noch eines, noch eines, noch eines…«, das heiße »jedes Schaf ist anders«. Und er »liebt jedes persönlich. Er liebt nicht die ununterscheidbare Masse. Nein! Er liebt uns, die wir jeder einen eigenen Namen haben; er liebt uns so, wie wir sind.«

Der Papst führte den Vergleich noch weiter aus und erläuterte, dass der Hirte das verlorene Schaf »gut gekannt hat«. Es habe sich nicht verlaufen, denn »es kannte den Weg gut«: Es hatte sich verirrt, »weil es ein verirrtes Herz hatte, weil es ein krankes Herz hatte. Es war geblendet von etwas Innerem. Von jener inneren Spaltung veranlasst, floh es in das Dunkel, um sich abzureagieren.« Aber »es war kein Lausbubenstreich, was es getan hatte… Es ist geflohen: eine Flucht, um sich vom Herrn zu entfernen, um dieses innere Dunkel zufriedenzustellen, das es zum Doppelleben geführt hatte«: »in der Herde zu sein und aus dem Dunkel zu fliehen, ins Dunkel«. Die tröstliche Botschaft sei: »Der Herr weiß um diese Dinge und er macht sich auf die Suche nach ihm.« Franziskus merkte an: »Die Gestalt, die mich am Besten die Haltung des Herrn gegenüber dem verirrten Schaf verstehen lässt, ist die Haltung des Herrn gegenüber Judas. Das beste Bild des verlorenen Schafs im Evangelium ist Judas.« Denn »er war ein Mann, der stets etwas Bitterkeit im Herzen trug, an den anderen immer etwas zu kritisieren hatte und immer distanziert war«: ein Mann, der »nicht wusste, wie schön die Uneigennützigkeit gegenüber den anderen ist«. Und weil dieses »Schaf nicht zufrieden war«, »floh es«.

Judas sei »geflohen, weil er ein Dieb war«, andere »sind wollüstig« und »fliehen, weil sie jenes Dunkel in ihrem Herzen tragen, das sie von der Herde entfernt«. Das sei »jenes Doppelleben«, das »viele Christen« leben, auch »Priester« und »Bischöfe«, fügte der Papst »mit Schmerz« hinzu. Im Übrigen sei auch »Judas Bischof gewesen, er war einer der ersten Bischöfe…« Demnach sei auch er »ein verlorenes Schaf« gewesen: »Der Arme! Der Arme, dieser Bruder Judas, wie ihn Don Mazzolari in einer sehr schönen Predigt genannt hat: ›Bruder Judas, was geschieht in deinem Herzen?‹«  Dabei handle es sich um eine Realität, die auch den Christen von heute nicht fremd sei: »Auch wir müssen die verlorenen Schafe verstehen.

« Denn »auch wir haben immer ein klein wenig oder auch nicht so wenig von den verlorenen Schafen«. Daher müssten wir verstehen, »dass das, was das verlorene Schaf getan hat, kein Fehler war: es ist eine Krankheit, eine Krankheit, die es im Herzen trug« und die der Teufel sich zunutze gemacht hat. Franziskus verwies auf die letzten Momente im Leben von Judas: »als er in den Tempel ging, ein Doppelleben führte«, als er »dem Herrn im Ölgarten einen Kuss gab«, und dann »die Münzen, die er von den Hohenpriestern erhalten hat…«, und merkte an: »Das ist kein Irrtum. Er hat es getan… Es war dunkel um ihn. Er hatte ein geteiltes, gespaltenes Herz. ›Judas, Judas…‹« Daher könne man sagen, dass Judas »das Bild des verlorenen Schafes schlechthin ist«.

Jesus, »der Hirte, macht sich auf, ihn zu suchen: ›Tu, was du tun musst, mein Freund‹, und er küsst ihn«. Aber Judas »versteht nicht«. Und am Schluss, als ihm klar werde, »was sein Doppelleben in der Gemeinschaft angerichtet hat, welches Übel er ausgesät hat durch das Dunkel in seinem Inneren, das ihn dazu brachte, immer wegzulaufen, Lichter zu suchen, die nicht das Licht des Herrn waren«, sondern »künstliche Lichter«, so wie jene des »Weihnachtsschmucks«: als er all das einsehe, sei er schließlich »verzweifelt «. Und genau das geschehe, »wenn die verirrten Schafe die Liebkosungen des Herrn nicht annehmen«.

Aber die Meditation des Papstes ging noch tiefer. Während er darauf aufmerksam machte, dass »der Herr auch diesen Schafen gegenüber gut ist« und dass er »niemals aufhört, hinauszugehen, um sie zu suchen«, verwies er auf ein Wort der Bibel, »ein Wort, das sagt, dass Judas sich erhängt hat, sich erhängt und ›bereut‹ hat«. Und er kommentierte: »Ich glaube, dass der Herr dieses Wort aufgreifen und in seinem Herzen bewahren wird, ich weiß nicht, vielleicht, aber dieses Wort lässt einen Zweifel in uns aufkommen.« Franziskus fragte: »Aber was bedeutet dieses Wort? Dass die Liebe Gottes bis zum allerletzten Augenblick in dieser Seele am Werke war, bis zum Augenblick der Verzweiflung.« Und genau das sei »das Verhalten des guten Hirten den verirrten Schafen gegenüber«.

Das also sei »die Verkündigung«, von der zu Beginn der Predigt die Rede gewesen sei, »die Verkündigung einer großen Freude, die Weihnachten uns bringt und die uns diese aufrichtige Freude abverlangt, die das Herz verändert, die uns dazu bringt, uns vom Herrn trösten zu lassen, nicht aber von jenen Tröstungen, nach denen wir Ausschau halten, um uns abzureagieren, um der Wirklichkeit zu entfliehen, um der inneren Qual zu entfliehen, der inneren Zerrissenheit«. Die »frohe Botschaft«, die »aufrichtige Freude«, der »Trost«, das »Sich-im-Herrn-Freuen« entsprängen der Tatsache, dass »der Herr in all seiner Macht kommt. Und was ist die Macht des Herrn? Die Liebkosungen des Herrn!« Er gleiche dem guten Hirten, der »das verlorene Schaf, als er es fand, nicht beschimpfte, nein!«, er habe vielmehr zu ihm gesagt: »Hast du etwas ganz Schlimmes getan? Komm, komm…« Und was habe Jesus »im Ölgarten« zum »verirrten Schaf« Judas gesagt? Er habe ihn »Freund« genannt. »Immer mit Liebkosungen «. Der Papst bekräftigte angesichts des Gesagten: »Wer die Liebkosungen des Herrn nicht kennt, kennt die christliche Lehre nicht. Wer sich nicht vom Herrn liebkosen lässt, ist verloren.« Und gerade das sei »die frohe Botschaft, diese aufrichtige Freude, die wir heute verspüren wollen. Das ist die Freude, das ist der Trost, nach dem es uns verlangt: dass der Herr in all seiner Macht komme, die aus Liebkosungen besteht, um uns zu besuchen, uns zu retten, genau wie das verirrte Schaf, und dass er uns zurückbringe in die Herde seiner Kirche.«

Am Schluss der Predigt stand wie gewohnt eine Bitte: »Dass uns der Herr diese Gnade gewähren möge, Weihnachten zu erwarten mit all unseren Wunden, unseren Sünden, die wir aufrichtig eingestanden haben, die Macht dieses Gottes zu erwarten, der kommt, um uns zu trösten, der in all seiner Macht kommt, dessen Macht aber Zärtlichkeit ist, Liebkosungen, die seinem Herzen entspringen, seinem so guten Herzen, das für uns sein Leben hingegeben hat.«



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