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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Das Volk weiß, ob der Bischof ein Hirte ist

Freitag, 4. Mai 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 22, 1. Juni 2018)

 

Der Bischof ist ein Mann, der »es versteht, mit seinem Volk zu wachen«, in »einer Haltung der Nähe« und des völligen Beteiligtseins. Und »das Volk weiß zu erkennen, ob der Bischof ein Hirte ist«, der eine »innige« Beziehung aufbaut, so dass er sogar »die Namen aller kennt«, um sich ihrer anzunehmen, oder ob er »ein Angestellter« ist, ein Geschäftemacher, »immer mit dem Koffer in der Hand«. Die Sendung des Bischofs, »den Glauben zu bewahren und zu stärken«, wurde von Papst Franziskus in der heiligen Messe am 4. Mai in Santa Marta nachgezeichnet und erneut aufgegriffen.

»Gestern hat uns die Liturgie über die Weitergabe des Glaubens nachdenken lassen, darüber, wie man den Glauben weitergibt«, rief der Papst in Erinnerung. Und »heute lässt uns dieser Abschnitt aus der Apostelgeschichte (15,22-31) über das Bewahren und Stärken des Glaubens nachdenken«. Der Text rufe uns in Erinnerung, dass den Glauben zu bewahren und im Glauben zu stärken vor allem die Arbeit der Bischöfe ist.«

»Die Situation ist klar«, fuhr der Papst fort, und »die Apostel, die Bischöfe beschreiben sie« in dem Brief an die Christen von Antiochia, den dieser Abschnitt aus der Apostelgeschichte wiedergebe: »Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.« Kurz, »die Bischöfe, die Apostel, reagieren mit Petrus angesichts dieses Mangels an Frieden: Sie waren erschüttert, denn diese da, die zwar Christen waren, aber die Initiation ins Judentum wieder einführen wollten, die Judaisten, waren hingegangen und hatten gesagt: ›Wir haben die wahre Lehre, sie stimmt nicht mit dem überein, was Paulus sagt.‹« Als wollten sie sagen: »Nicht Paulus; wir. Das sind schlechte Neuerungen.«

Doch »durch diese Rede«, so der Papst weiter, »fühlten sich die armen Leute desorientiert: Da kamen diese ›Rechtgläubigen der wahren Lehre‹ daher, um die Leute zu verteidigen, doch die Folge war gerade das Gegenteil.« Dies sei so weit gegangen, dass »die Gemeinde erschüttert, dass sie desorientiert war«. Auf der einen Seite, so hätten die Leute gedacht, »sagt uns Paulus dies«, doch »diese da, die Lehrer mit Doktortitel sind, sagen uns das«. Welches sei also »der einzuschlagende Weg?«

Daher »nehmen in Jerusalem Petrus und das Bischofskollegium die Situation in die Hand. Sie beten, denken nach und antworten.« Es seien »gerade die Bischöfe, die den Glauben bewahren, umso mehr in einem Augenblick, da das Volk desorientiert ist aufgrund dieser Leute, die sich mit Lehren einmischen, die rechtgläubiger zu sein scheinen, doch am Ende keine christliche Wurzel haben. Bischöfe, die im Glauben stärken.« So »änderte sich nach dem Brief die Stimmung im Volk, das zutiefst erschüttert war«, wie die Apostelgeschichte berichte: »Sie lasen ihn und freuten sich über den Zuspruch.« So also »ändert« sich die Lage, denn: »Wenn der Bischof im Glauben stärkt, kommt die Freude, die Herzensfreude.«

In der Tat, fuhr Franziskus fort, »ist der Bischof derjenige, der überwacht, der wachsam ist«. Und »das griechische Wort sagt es aus«: Der Bischof ist derjenige, »der aufsieht«. Im Grunde sei der Bischof »ein wenig der Wachtposten, der es versteht, Ausschau zu halten, um die Herde vor den Wölfen zu verteidigen, die kommen: Er hält Ausschau, er ist über der Herde und bei der Herde; er geht mit seiner Herde; er kümmert sich um seine Herde.«

»Das Leben des Bischofs ist in das Leben der Herde einbezogen«, so der Papst. Er sei beispielsweise mit Sicherheit »kein Angestellter eines multinationalen Unternehmens, der kommt und inspiziert«. Vielmehr »ist der Bischof in das Leben der Herde einbezogen, doch er überwacht«. Und »da ist etwas Tieferes in der Art und Weise der Wachsamkeit des Bischofs«, denn »der Bischof wacht wie die Hirten, er hält Wache«. Und »Wache halten bedeutet, beim Volk zu sein, auch in der Nacht: Denken wir an die Hirten von Betlehem «, die »abwechselnd Nachtwache hielten«.

»Wache halten«, so betonte der Papst, sei »ein schönes Wort, um die Aufgabe des Bischofs zu beschreiben: Wache halten, um vor den Wölfen zu schützen, um den Glauben zu stärken, wenn die Herde ein wenig desorientiert ist, um den Glauben zu bewahren«. Im Übrigen, so fügte er hinzu, heiße »Wache halten, am Leben der Herde teilzuhaben. Jesus unterscheidet gut den wahren Hirten vom Angestellten, von dem, der wegen seiner Bezahlung da ist und den es nicht interessiert, wenn der Wolf kommt und eines der Schafe frisst. Es interessiert ihn nicht.«

Dagegen »verteidigt der wahre Hirt, der Wache hält, der am Leben der Herde Teil hat, nicht etwa nur alle Schafe: Er verteidigt jedes einzelne, er stärkt ein jedes einzelne, und wenn eines fortgeht oder sich verirrt, dann geht er es suchen und bringt es zurück zum Stall.« Und »er nimmt so viel Anteil, dass er es nicht zulässt, dass eines verloren geht«. Das sei auch »das Gebet Jesu: Beim Letzten Abendmahl bittet er den Vater um die Gnade, dass keiner verloren gehe. Jesus ist dort der Bischof, und als Bischof kümmert er sich um alle.«

»Wache halten heißt all das«, erklärte der Papst und rief in Erinnerung, dass »der wahre Bischof nicht nur ein Aufseher ist, der von oben herabschaut, er ist nicht nur der Wächter«, sondern »er ist der, der bei seiner Wache auch selbst betroffen ist; der den Namen jedes einzelnen Schafes kennt, und das lässt uns begreifen, wie Jesus den Bischof verstand: als jemand, der nah ist«.

»Die Fähigkeit, Wache zu halten, bedeutet ›Nähe‹«, so der Papst. Deshalb kenne der Hirte ein jedes Schaf »beim Namen, sagt Jesus«. »Der Heilige Geist hat dem Volk Gottes den Spürsinn gegeben, zu begreifen, wo ein wahrer Bischof ist, im Vergleich zu einem Bischof, der ohne Orientierung ist.« Im Übrigen hätten wir »oft gehört: ›Ach, dieser Bischof! Ja, er ist gut, aber er kümmert sich nicht groß um uns, er hat immer zu tun.‹ Oder: ›Dieser Bischof mischt sich in die Geschäfte ein, er ist ein kleiner Geschäftemacher, und das ist nicht in Ordnung.‹ Oder: ›Dieser Bischof beschäftigt sich mit Dingen, die nicht zu seiner Sendung passen.‹ Oder: ›Dieser Bischof hat immer schon den Koffer griffbereit, er ist immer und überall unterwegs, oder er hat immer die Gitarre griffbereit‹, kann jeder sich dann denken.«

»Das Volk Gottes weiß«, wiederholte der Papst, »wenn der Hirte ein Hirte ist, wenn der Hirt ihm nah ist, wenn der Hirte es versteht, zu wachen, und sein Leben für es hingibt.« Der zentrale Punkt sei gerade »die Nähe«: »Das Leben des Bischofs besteht darin, bei der Herde zu sein, bei einem jeden.« »Die Freude des Bischofs« bestehe darin, »dass kein Schaf verloren geht«. Mehr noch: »Der Tod des Bischofs, des wahren Bischofs «, erfolge immer »inmitten seiner Herde«.

»Mich bewegt es sehr«, gestand Franziskus in diesem Zusammenhang, »wenn ich an den Tod des heiligen Toribio de Mogrovejo denke: dort, in einem kleinen Eingeborenendorf, in einem Zelt, umgeben von den eingeborenen Christen, die für ihn auf der Chirimia [einer Art Oboe] spielten, damit er in Frieden sterben könne«. Dies sei das Bild des »Volkes, das den Bischof liebt, der sich seiner angenommen hatte«.

»Mit dieser Haltung der Nähe, des Wachens, des sich selbst Einbringens – auch der Haltung des Gebets, denn die erste Aufgabe der Bischöfe ist das Beten – hat der Bischof jene innige Beziehung, die Jesus zwischen dem Bischof und dem Volk haben wollte, und durch diese Haltung stärkt er im Glauben«, so der Papst. Er »bewahrt den Glauben des Volkes«. Und gerade »das taten in Jerusalem die Apostel zusammen mit Petrus: Sie sahen, wie unruhig jene waren, die da hingingen und glaubten, wahre Theologen des Christentums zu sein, um die wahre Lehre zu verbreiten«, doch letztlich »brachten sie das Volk durcheinander, und die Apostel beschlossen, einzugreifen und jenes Volk Gottes im Glauben zu stärken«. Sie seien [dem Volk] konkret »nahe gewesen«.

»Wir wollen den Herrn bitten«, so schloss der Papst, »dass er uns immer gute Hirten schenke« nd »dass es der Kirche nie an der Wachsamkeit  der Hirten mangeln möge: sonst können wir nicht weitergehen. Solche Männer sollen sie sein: Arbeiter, Männer des Gebets, nahe, dem Volk Gottes nahe. Sagen wir es in einem Wort: Männer, die zu wachen verstehen.«

 



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