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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Der Kompass des Hirten

Freitag, 18. Mai 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 27, 6. Juli 2018)

 

Im Johannesevangelium findet sich ein Abschnitt (21,15-19), in dem alle Christen, vor allem aber die Hirten der Kirche, mit Blick auf Petrus ihre Identität besser verstehen können. Er ist der »Kompass eines jeden Hirten«: ein vertraulicher, tiefgehender Text, der durch ein Spiel von Blicken und Worten zwischen Jesus und dem Apostel und dank der wertvollen Hilfe der »Erinnerung« den Sinn eines Lebens und einer Sendung deutlich erkennbar macht. Es ist der Abschnitt – Papst Franziskus kommentierte ihn in seiner Predigt am 18. Mai –, in dem »die Jünger am See Tiberias waren« und Johannes Jesus am Ufer erkennt: Petrus, »›emotionell‹ wie er war, gürtete sich das Obergewand um und sprang ins Wasser, um dem Herrn mit der für ihn typischen Kraft entgegenzugehen«.

Der Abschnitt steht am Ende des Johannesevangeliums, wo das »letzte Gespräch des Petrus mit dem Herrn« wiedergegeben wird: ein intensives Gespräch, bei dem Petrus »in Erinnerung zu den Gesprächen zurückkehrt, die er mit dem Herrn geführt hat. Das ist der Augenblick, in dem Petrus Erinnerung hält.« Der Papst stellte sich den Strom der Erinnerungen, die in jenen Augenblicken das Herz des Apostels bewegten, als eine Reihe von Momentaufnahmen vor, durch die Petrus die an der Seite Jesu verbrachten Jahre rasch Revue passieren ließ. Er habe sich gewiss erinnert »an die erste Begegnung, als der Herr ihm den Namen änderte«, und als »Andreas voller Begeisterung zu ihm gekommen war und gesagt hatte: ›Wir haben den Messias gefunden‹, und Jesus ihm in die Augen blickte und sagte: ›Du sollst Petrus heißen.‹« Und »als er zu ihm nach Hause kam und seine Schwiegermutter heilte. Und dann, als er den Mut aufbrachte, ihm zu sagen, was er im Herzen spürte: ›Du bist Christus, Gott…‹«

Weitere Erinnerungen: als Petrus in seiner Schwäche »den Herrn verschonen wollte, der Schmerz der Geduld…« Und als Jesus ihn tadelt: »Tritt hinter mich, du Satan«, und ihn zurechtweist, weil »dieser Gedanke nicht von Gott kommt«. Schöne Momente wie bei der Verklärung, »als er mit dem Herrn dort bleiben und drei Zelte errichten wollte, jenes Gespräch… Und schmerzhafte Momente wie jener, als Jesus zu ihm sagte: »Bevor der Hahn kräht, wirst du mich verleugnen.« Dann der »Hahnenschrei« und »jener stille Dialog und der Blick Jesu: zärtlich, leidend«. Als er weinte… All diese Dinge, so Franziskus, »kamen Petrus in jenem Augenblick, in dem er mit dem Herrn, sprach, in den Sinn«. Der Herr nennt ihn sogar »Simon, Sohn des Johannes« und gebraucht so seinen früheren Namen. Das, so erläuterte der Papst, sei »der Augenblick dieser verdichteten Erinnerung des Petrus vor dem Herrn«. Dieser Augenblick könne jeden Christen etwas lehren: »Der Herr will, dass wir uns alle an unseren Weg mit ihm erinnern. Vielleicht ist heute der Tag, dies zu tun.« Was sagt in diesem so entscheidenden Augenblick »der Herr zu Petrus? Drei Dinge: ›Liebe mich, weide und mach dich bereit.‹«

Zunächst richte Jesus eine Bitte an Petrus: »Liebe mich mehr als die anderen, liebe mich, wie du es vermagst, aber liebe mich.« Und das ist es, »was der Herr von den Hirten und auch von uns allen verlangt: ›Liebe mich.‹« Denn »der erste Schritt im Gespräch mit dem Herrn ist die Liebe. Er hat uns zuerst geliebt, aber wir müssen ihn lieben: ›Liebe mich.‹« Daher bittet er jeden Hirten: »Liebe mich.« Und dann: »›Weide.‹ Du bist Hirt, also weide. Verwende deine Zeit nicht auf andere Dinge. ›Weide.‹ Du bist berufen zu weiden, deine Identität ist es, Hirt zu sein. Die Identität eines Bischofs, eines Priesters ist es, Hirt zu sein: ›Weide mit Liebe, tu nichts anderes, liebe und weide.‹«

Dem Gespräch zwischen dem Herrn und Petrus folgend, fügte der Papst die dritte Weisung hinzu. Man könnte nämlich sagen: »Und danach, Herr, wirst du mir dann den Lohn geben? – Ja, mach dich bereit, denn man wird dich führen, wohin du nicht willst. Mach dich bereit für die Prüfungen, mach dich bereit, alles zu verlassen, damit ein anderer kommen und andere Dinge tun kann. Mach dich bereit für diese völlige Erniedrigung im Leben. Und man wird dich auf den Weg der Demütigungen, vielleicht auch auf den Weg des Martyriums führen.« Die Worte Jesu an den Apostel scheinen auch heute noch immer wieder gesagt zu werden: »Jene, die dich lobten, als du Hirte warst, und gut von dir sprachen, werden jetzt schlecht von dir reden, denn der andere, der kommt, scheint besser zu sein. Mach dich bereit. Mach dich bereit für das Kreuz, wenn man dich führt, wohin du nicht willst.«

Drei einfache Begriffe: »Liebe mich, weide, mach dich bereit«. Das sei, so der Papst, »das Kursbuch eines Hirten, der Kompass, um sich nicht zu verirren«: lieben und sich vom Herrn lieben lassen, »Tag und Nacht« Wache halten bei der Herde, sich bereitmachen, denn »das Kreuz wird zu dir kommen; wir wissen nicht, ob innerlich oder äußerlich, aber es wird kommen, wie beim Herrn«. Dieser klaren und einfachen Lehre fügte Franziskus, indem er weiter dem Evangelium folgte, etwas hinzu: Es könne scheinen, dass, »wenn ein Hirt all das tut, alles gut geht. Nein, da ist noch etwas anderes.« Denn das Gespräch zwischen Jesus und Petrus endet mit einigen Versen (21,20-23), die am Samstag, dem 19. Mai, in der Liturgie gelesen werden. Johannes schreibt, dass »Petrus den Blick Jesu spürt, zufrieden ist, sich stark fühlt«. Als er sich umwendet, sieht er Johannes hinter sich und sagt zu Jesus: »Herr, du hast mir gesagt, was mit mir wird. Und was wird denn mit ihm?« Damit unterliege Petrus, so der Papst, »einer anderen Versuchung: auf das Leben der anderen zu schauen, seine Nase in das Leben der anderen zu stecken. Und Jesus weist ihn nachdrücklich zurecht. Zwar nicht so hart wie damals, als er zu ihm sagte: »Tritt hinter mich, du Satan«, aber er antwortet ihm: »Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?« Der Papst erklärte: »Der Hirt liebt, er weidet, er macht sich bereit für das Kreuz, für die Selbstentäußerung, und steckt seine Nase nicht in das Leben der anderen, verschwendet keine Zeit mit Seilschaften, mit klerikalen Seilschaften. Er liebt, weidet und macht sich bereit und gerät nicht in Versuchung.«

Es bleiben, so Franziskus abschließend, drei grundlegenden Lehren: »lieben, weiden und sich bereitmachen für das Kreuz«. Diese drei Aspekte »sind das ›Folge-Mir-Nach‹. Jesus will, dass die Hirten ihm auf diese Weise nachfolgen: liebend, weidend und sich für das Kreuz bereitmachend.«

 



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