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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Die Ausbeutung der Arbeiter ist eine Todsünde

Donnerstag, 24. Mai 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 28, 13. Juli 2018)

 

Das »Unrecht, die Welt der Arbeit auszubeuten, ist eine Todsünde – und das sage nicht ich, sondern Jesus!« Mit harten Worten klagte Papst Franziskus an, »dass auch heute, um die großen Kapitale zu retten, Menschen arbeitslos gemacht werden«. Er wandte sich direkt an jene, die am Reichtum hängen: »Weh euch, die ihr die Menschen ausbeutet, die ihr die Welt der Arbeit ausbeutet, die ihr Schwarzgeld zahlt, die ihr keine Rentenbeiträge zahlt, die ihr keinen Urlaub gebt«, denn ihr seid nicht »im Stand der Gnade Gottes«, so der Papst am Donnerstag, 24. Mai, bei der Messe in Santa Marta. Er forderte auf »zu beten und Buße zu tun«, nicht für die Armen, sondern für die reichen Diener dieser Götzen. Diese Messe feierte der Papst insbesondere »für das edle Volk von China«. Zu Beginn rief er in Erinnerung, dass »die Kirche heute den Gedenktag Maria, Hilfe der Christen, begeht und in Shanghai das Fest Unserer Lieben Frau von Sheshan – Maria, Hilfe der Christen – gefeiert wird«.

Für seine Reflexion über die Frage der sozialen Ungerechtigkeit – es handle sich nicht darum, Kommunisten oder Gewerkschaftler zu sein, sondern dem Evangelium zu folgen –, ging Franziskus vom »Brief des Jakobus (5,1-6) aus, aus dem wir in der Ersten Lesung gehört haben: Er spricht vom Reichtum – davon, wie ein Christ angesichts des Reichtums handeln und mit dem Reichtum umgehen soll«. Der Apostel »geht mit Entschlossenheit vor«, so Franziskus. »Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern spricht die Dinge mit Nachdruck aus: ›Ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault, und eure Kleider werden von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze.‹« Dies sei, so der Papst, ein »sehr ausdrucksstarker, ein sehr ausdrucksstarker und auch harter« Text. Im Übrigen habe »Jesus dem nicht nachgestanden: ›Weh euch, ihr Reichen!‹, so heißt es im ersten Weheruf nach den Seligpreisungen in der Version des Lukasevangeliums«. »Weh euch, ihr Reichen!« heißt es dort. Wenn aber, so Franziskus, »jemand heute eine solche Predigt hielte, dann würde man am nächsten Tag in den Zeitungen lesen: ›Dieser Priester ist ein Kommunist!‹«

Doch »die Armut steht im Mittelpunkt des Evangeliums«, sagte der Papst, und »die Predigt über die Armut steht im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu«, denn: »Selig, die arm sind« ist die erste Seligpreisung«. Dies sei sogar »der Personalausweis, die Identitätskarte, mit der sich Jesus vorstellt, als er in seinen Heimatort, nach Nazareth, in die Synagoge zurückkehrt: ›Der Geist des Herrn ruht auf mir. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft, das Evangelium bringe, den Armen eine frohe Botschaft.‹« »In der Geschichte haben wir immer«, bekannte Franziskus, »die Schwäche gehabt zu versuchen, diese Predigt über die Armut zu streichen, in dem Glauben, dass es sich um etwas Soziales, etwas Politisches handle. Nein! Das ist reines Evangelium, das ist reines Evangelium«. Es sei wichtig, sich nach »dem Warum für diese so harte Predigt gegen den Reichtum« zu fragen. Jesus gehe ja sogar so weit zu sagen: »Weh euch, ihr Reichen.«

Auch der Reichtum, so der Papst, »ist ein Geschenk Gottes, aber jene Reichen, die am Geld hängen, geißelt der Herr, wie Jakobus heute sagt«, in dem Abschnitt aus seinem Brief, der die Erste Lesung bildet. »Vor allem, weil der Reichtum ein Götzendienst ist«, erläuterte der Papst. Und »Jesus selbst sagt, dass man nicht zwei Herren dienen kann: entweder dient man Gott oder man dient dem Reichtum«. Der Reichtum gehöre also zur Kategorie der »Herren«. Daher laute die direkte Frage: »Bist du Gott treu, oder bist du jenem anderen Herrn treu?« Aber »das geht nicht«, erläuterte Franziskus, »denn der Reichtum ist ›herrisch‹ in dem Sinn, dass er dich ergreift und nicht mehr loslässt und gegen das erste Gebot verstößt. Er ist ein Götzendienst.« Einmal habe er sogar »einen Missionar über diese Dinge in einer Predigt sagen gehört: ›Alle Götzen sind aus Gold‹«. Ja, fügte der Papst hinzu, »das ist eine Übertreibung, aber er hatte richtig gesehen: Das ist die Verführung durch den Reichtum, der Götzendienst«. Und was den Götzendienst betrifft: »Was tat das Volk, als Mose auf dem Berg Sinai war, um das Gesetz Gottes zu empfangen? Es machte sich ein goldenes Kalb, um es anzubeten«.

»Der Reichtum schenkt Sicherheit«, bekannte der Papst. Daher könnten einige ihn jenem Gott vorziehen, »von dem man nicht weiß, was er morgen tun wird. Heute spricht er, morgen schweigt er: Er schweigt, und wir wissen nicht, wie Gott sich uns gegenüber verhält«. Insofern sei »der Reichtum der ›Gott‹, den wir zur Hand haben, um ruhig zu leben«. Der erste Punkt laute also: »Jesus geißelt den Reichtum ebenso wie Jakobus, weil er ein Götzendienst ist, und es ist klar, dass er jene Menschen meint, die am Reichtum hängen, sich von ihm beherrschen lassen«.

Zweiter Punkt: Der Reichtum »ist ein Götzendienst, aber er verstößt auch gegen das zweite Gebot, weil er das harmonische Miteinander von uns Menschen zerstört«. Und in seinem Brief »spricht Jakobus darüber und sagt zu den Reichen: ›Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben‹«. Wenn man diese Worte hört, so Franziskus weiter, »dann könnte jemand entgegnen: ›Aber Pater, das ist nicht der Apostel Jakobus, das ist ein Gewerkschafter!‹ Nein, es ist der Apostel Jakobus, der unter der Eingebung des Heiligen Geistes spricht«.

Der Papst las die Worte aus dem Brief erneut vor: »Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit – dieser Lohn schreit – zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere.« All das, erläuterte er, »zerstört die Harmonie, unser Miteinander als Brüder und Schwestern, es verstößt gegen das zweite Gebot: Darum zerstört der Reichtum das Leben, zerstört er die Seele«.

»Am Reichtum zu hängen« sei falsch, so der Papst. Und er lud dazu ein, »an jenes Gleichnis Jesu« zu denken, das vom reichen Mann und dem armen Lazarus berichtet: »Jener Reiche führte ein Leben in Saus und Braus: Feste, ein luxuriöses Leben, prächtige Kleidung. Und dort war einer, der nichts hatte: Die Hunde leckten an den Geschwüren jenes armen Mannes«. Aber »den Reichen interessierte das nicht. Er wusste, wer das war – das wird aus dem Gleichnis ersichtlich –, aber er feierte dort mit seinen Freunden und liebte die Feste, hing an seinem Reichtum «. Denn, so betonte Franziskus, »der Reichtum entfernt uns von der Harmonie mit den Brüdern und Schwestern, von der Nächstenliebe, er macht uns zu Egoisten«. Außerdem »hatte das, was Jakobus heute sagt, auch der Prophet Jesaja gesagt, als er von den Opfern sprach, die Gott wohlgefällig sind: ›Gerechtigkeit, das ist das Opfer, das ich will, Gerechtigkeit gegenüber euren Knechten‹«. Und bei Jakobus klingt es erneut an: »der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben«.

»Es scheint sehr aktuell zu sein, dieses Thema«, fuhr der Papst fort. »Auch hier in Italien werden Menschen arbeitslos, um die großen Kapitale zu retten«: eine Vorgehensweise, die »gegen das zweite Gebot verstößt«. Und zu jenen, »die das tun«, müsse man sagen: »Weh euch!« Aber, so der Papst, »das sage nicht ich, sondern Jesus «. Ja, »weh euch, die ihr die Menschen ausbeutet, die ihr die Arbeit ausbeutet, die ihr Schwarzgeld zahlt, die ihr keine Rentenbeiträge zahlt, die ihr keinen Urlaub gebt. Weh euch!« Denn »›Abzüge‹ machen, Betrügerei im Hinblick auf die Bezahlung, das Gehalt ist Sünde: Es ist Sünde«. Und es nütze wenig, zu sagen: »Pater, ich gehe jeden Sonntag in die Messe, und ich gehe zu jenem katholischen Verein, und ich bin sehr katholisch, und ich bete diese und jene Novene«, wenn du den Arbeitern nicht den rechten Lohn zahlst. Und »diese Ungerechtigkeit ist eine Todsünde, du bist nicht im Stand der Gnade Gottes. Das sage nicht ich«, wiederholte Franziskus, »das sagt Jesus, das sagt der Apostel Jakobus«. Und »deshalb entfernt dich der Reichtum vom zweiten Gebot, von der Nächstenliebe«.

»Der Reichtum entfernt uns also vom ersten Gebot, wie jenen reichen Mann, der nur daran dachte, seine Scheunen zu vergrößern, da er viele Dinge hatte und nicht wusste, wohin damit«. Aber »er entfernt uns auch vom zweiten Gebot, wie den Reichen – alle Tage Feste feiern, doch er interessierte sich nicht für jene, die draußen waren – oder wie jene, die nicht den rechten Lohn zahlen«. Der Papst fügte jedoch hinzu, dass er noch »eine dritte Sache sagen möchte: Der Reichtum ist so verführerisch, dass er uns zu Sklaven macht«. So »bist du dem Reichtum gegenüber nicht frei; um gegenüber dem Reichtum frei zu sein, musst du Abstand nehmen und zum Herrn beten«, in dem Bewusstsein, dass »wenn der Herr dir Reichtum gegeben hat, dann deshalb, um ihn den anderen zu geben, um in seinem Namen viel Gutes für andere zu tun«. Aber »der Reichtum vermag uns zu verführen, und wenn wir dieser Verführung verfallen, sind wir Sklaven des Reichtums«.

»Ich glaube, dass es heute uns allen, denen der Herr die Gnade geschenkt hat, gemeinsam die Eucharistie zu feiern, gut tun wird, ein wenig zu beten und ein wenig Buße zu tun, aber nicht für die Armen, sondern für die Reichen«, so Franziskus abschließend. Ja, »für die Reichen, die nicht frei sind, für die versklavten Reichen, denn der freie Reiche ist großherzig, er weiß, dass Gott den Reichtum geschenkt hat, um ihn anderen zu geben, und das ist ein großer Mann«. Aber »die versklavten Reichen, die im Geld schwimmen und morgen immer mehr und mehr wollen – selbst zu dem Preis, den Nächsten auszubeuten; selbst zu dem Preis, einen Götzen anzubeten – sind Sklaven«. »Für die Reichen zu beten und Buße zu tun wird uns daher sehr gut tun.«

 



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