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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Heiligkeit ist Freiheit

Dienstag, 29. Mai 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 29, 20. Juli 2018)

 

Die Heiligkeit ist Freiheit und zugleich ein Bruch mit den weltlichen Schemata, die uns in einem scheinbaren Wohlbefinden gefangen halten: Hierin liegt der christliche Weg der Hoffnung, zu dem Papst Franziskus bei der Messe in Santa Marta am Dienstag, 29. Mai, riet. Der Papst ging von der ersten Lesung aus dem Ersten Brief des Apostels Petrus aus (1,10-16) und machte sofort darauf aufmerksam, dass »der Apostel uns jenes Gebot in Erinnerung ruft, nennen wir es so, das Gott selbst und die Propheten uns immer gegeben haben: das Gebot, zu gehen, auf die Heiligkeit zuzugehen«. Denn Petrus schreibe: »Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch eure ganze Lebensführung heilig sein. Denn es steht geschrieben: Seid heilig, weil ich heilig bin!«

»Das Modell der Heiligkeit ist einfach, doch es ist nicht leicht, heilig zu sein wie unser Vater im Himmel«, erklärte Franziskus, der in Erinnerung rief: »Die Berufung zur Heiligkeit, die die normale Berufung ist, ist die Berufung, als Christ zu leben. Denn als Christ zu leben heißt praktisch dasselbe wie ›heilig zu leben‹.« »Oft denken wir an die Heiligkeit als etwas Außerordentliches, als ginge es darum, Visionen zu haben oder im Gebet außerordentliche Erfahrungen zu machen«, erklärte der Papst. »Einige denken sogar, dass heilig sein bedeutet, ein Gesicht wie auf einem Heiligenbildchen zu haben.« Dagegen »ist heilig sein etwas anderes: Es heißt, den Weg auf der Grundlage dessen zu gehen, was der Herr uns über die Heiligkeit sagt.« Petrus erkläre eindeutig, was es bedeute, »auf dem Weg der Heiligkeit zu gehen: ›Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch bei der Offenbarung Jesu Christi geschenkt wird.‹«

Deshalb »bedeutet auf die Heiligkeit zuzugehen, unterwegs zu sein zu jenem Licht, zu jener Gnade, die uns entgegenkommt«. Und »es ist interessant «, so der Papst, dass wir, »wenn wir zum Licht unterwegs sind, häufig den Weg nicht gut sehen, da das Licht uns blendet«. Doch »verirren wir uns nicht, weil wir das Licht sehen und so den Weg kennen«. Wenn man dagegen mit dem Licht im Rücken unterwegs sei, sei der Weg gut zu sehen, »aber vor uns ist nicht das Licht. Vor uns ist der Schatten, nicht das Licht«, so der Papst. Denn: »Zum Licht gehen heißt, auf die Heiligkeit zuzugehen.« Auch wenn »der Weg nicht immer gut auszumachen ist, ist es doch ein Gehen zum Licht, zur Hoffnung«. Deshalb: »Zur Heiligkeit unterwegs sein heißt, auf die Begegnung mit Jesus Christus ausgerichtet zu sein.«

»Da ist aber auch etwas anderes, das nicht leicht ist«, warnte der Papst, »denn um auf diese Weise zu gehen, ist es erforderlich, frei zu sein und sich frei zu fühlen, und es gibt viele Dinge, die uns zu Sklaven machen.« Diesbezüglich »gibt uns Petrus einen Rat: »Als Kinder des Gehorsams gebt euch nicht den Begierden hin, wie früher in eurer Unwissenheit!« Der Rat bestehe darin, sich nicht auf »jene Begierden einzulassen, die auf einen anderen Weg führen: Ihr wart in der Unwissenheit und folgt den Begierden «, die nicht »dem Verlangen Gottes« entsprochen hätten.

Im Brief an die Römer bediene sich Paulus »desselben Ausdrucks als Rat«. Er sage: »Tretet nicht in die Schemata der Welt ein. Die Übersetzung lautet: ›Gleicht euch nicht den Schemata der Welt an.‹ Das ist die korrekte Übersetzung dieses Ratschlags: Tretet nicht in die Schemata der Welt ein, tretet nicht in die Schemata ein, in die weltliche Art zu denken, in die Weise, zu denken und zu urteilen, die dir die Welt bietet, denn das nimmt dir die Freiheit!«

»Um den Weg der Heiligkeit zu gehen, ist es notwendig, frei zu sein: die Freiheit, mit einem Blick vorwärtszugehen, der auf das Licht gerichtet ist«, so Franziskus erneut. Und »wenn wir, wie es hier heißt, zur Lebensweise zurückkehren, die wir vor der Begegnung mit Jesus Christus hatten, wenn wir zu den Schemata der Welt zurückkehren, verlieren wir die Freiheit«. »Das ist keine Neuheit«, erklärte der Papst, der feststellte: »Wenn wir das Buch Exodus lesen, bemerken wir gewiss oft, dass das Volk Gottes nicht nach vorne und auf das Heil blickt, sondern umkehren wollte. Es heißt, dass sie sich beklagten, da sie vergessen hatten, dass Gott sie vorwärts brachte, in das Land, das er verheißen hatte.« Und »sie stellten sich das schöne Leben vor, das sie in Ägypten gehabt hatten: dort aßen sie gut Zwiebeln, Fleisch«, während sie »in der Wüste Hunger« gelitten hätten. So komme es, dass »das Volk in schwierigen Momenten kehrt macht, dass es nicht mehr kann, dass es die Freiheit verliert«. Und »es ist wahr, dass sie dort unten Gutes aßen, doch ich frage mich: An welchem Tisch habt ihr es gegessen? Am Tisch der Sklaverei!«

»In den Momenten der Prüfung«, fuhr Franziskus fort, »sind wir immer der Versuchung ausgesetzt, nach rückwärts zu blicken, auf die Vorhaben der Welt, auf die Pläne, die wir hatten, bevor wir den Weg des Heils aufgenommen haben: ohne Freiheit.« Und »ohne Freiheit kann man nicht heilig sein: die Freiheit ist die Voraussetzung, um mit dem Blick auf das Licht zuzugehen, das vor uns liegt«. Daher riet der Papst, »sich nicht auf die Schemata der Weltlichkeit einzulassen«, sondern »in Hoffnung vorwärtszugehen, auf das Licht zu blicken, das die Verheißung ist«. Es handle sich um dieselbe »Verheißung« des »Volkes Gottes in der Wüste: Wenn sie vorwärts blickten, dann ging es gut. Wenn in ihnen die Nostalgie aufstieg, weil sie keine guten Dinge essen konnten, die sie ihnen dort gegeben hatten, dann machten sie Fehler und vergaßen, dass sie dort nicht frei gewesen waren.«

»Der Herr beruft uns zur Heiligkeit, zur alltäglichen Heiligkeit«, unterstrich der Papst. Und um zu verstehen, ob »ich unterwegs bin zur Heiligkeit, gibt es zwei Vergleichsmaßstäbe«. Der erste Maßstab bestehe darin, zu kontrollieren, »ob du immer nach vorne auf den Herrn blickst, auf das Licht des Herrn in der Hoffnung, ihn zu finden«. Die Frage, die man sich stellen müsse, laute: »Verlangst du danach, dem Herrn zu begegnen? « Und wenn man antworte: »Aber ich verstehe nicht, was das sein soll«, dann bedeute dies, dass »etwas nicht in Ordnung ist«. Denn »der erste Vegleichsmaßstab ist: Bist du in der Hoffnung und gehst du so hin zum Licht der Begegnung mit dem Herrn?«

»Der zweite Maßstab«, so fuhr Franziskus fort, »ist, was du machst, wenn sich die Prüfungen einstellen: Blickst du weiter nach vorne oder verlierst du die Freiheit, indem du dich in die weltlichen Schemata flüchtest, die dir alles versprechen und nichts geben?« »›Seid heilig, weil ich heilig bin‹, lautet das Gebot des Herrn«, wiederholte der Papst, der abschließend hinzufügte: »Wir wollen um die Gnade bitten, immer gut zu verstehen, was der Weg der Heiligkeit ist, dieser Weg der Freiheit, doch in der Ausrichtung der Hoffnung auf die Begegnung mit Jesus.« Und auch »gut zu verstehen, worin es liegt, kehrtzumachen und zu den weltlichen Schemata zurückzugehen, die wir alle vor der Begegnung mit Jesus Christus hatten«.

 



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