Index   Back Top Print

[ DE ]

PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"
 

Entgegengesetzte Logiken

Donnerstag, 8. November 2018
 

(aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 48, 30. November 2018)

 

Wenn man es sich gut ausrechnet, dann ist es besser, jenes verlorene Schaf des berühmten Gleichnisses aus dem Evangelium abzuschreiben und die anderen Neunundneunzig nah bei sich zu halten, auch weil es ein großes Risiko ist, es in der Nacht suchen zu gehen. Dem unbarmherzigen Kalkül der Welt, das selbst in Pfarrgemeinden und Bistümern verbreitet ist, verbunden mit Gemunkel, das die wahren Zeugnisse zum Schweigen bringt, setzt Jesus seine Logik entgegen, die hingegen vorsieht, ein Risiko einzugehen, um das verlorene Schaf zu finden. Papst Franziskus, der am 8. November in Santa Marta die Messe feierte, unterbreitete erneut »die Logik des Evangeliums, die der Logik der Welt entgegensteht«.

»Diese Begegnung Jesu, diese Auseinandersetzung mit den Anführern, den Gesetzeslehrern, sagt uns viel: viel über sie und viel über Jesus «, betonte der Papst zu Beginn und verwies auf den Abschnitt aus dem Lukasevangelium (15,1-10), den die Liturgie heute als Tagesevangelium unterbreitete. »Aber wir könnten auf drei Worte näher eingehen: das Zeugnis, das empörte Raunen und die Frage«, schlug er vor, um in seine Betrachtungen einzuführen. »Der Abschnitt aus dem Evangelium«, erklärte der Papst, »beginnt mit einem Zeugnis: ›Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.‹« Jesus habe also »mit ihnen gesprochen, er ging mit ihnen und aß mit ihnen«, aber – so sei in diesem Abschnitt des Evangeliums auch zu lesen – »die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.« Das Problem bestehe darin, so Franziskus, dass »Jesus Zeugnis gibt: eine neue Sache für die damalige Zeit, denn zu den Sündern zu gehen machte dich unrein, wie wenn man einen Aussätzigen berührte«. Angesichts dieses Zeugnisses jedoch »wandten sich die Gesetzeslehrer ab: ›Das ist ein Sünder, ich darf ihn nicht berühren, denn wenn ich ihn berühre, werde ich unrein.‹« Jesus hingegen »gibt Zeugnis, indem er zu ihnen geht«.

»In der Geschichte war das Zeugnis nie eine bequeme Sache, weder für die Zeugen – oft zahlen sie dafür mit dem Martyrium – noch für die Mächtigen«, sagte der Papst. »Zeugnis ablegen heißt, mit einer Gewohnheit, mit einer Seinsart zu brechen: sie zu etwas besserem umzubrechen, sie zu ändern.« »Deshalb geht die Kirche durch das Zeugnis voran«, betonte Franziskus: »Was anzieht ist das Zeugnis, es sind nicht die Worte, die zwar helfen, es ist das Zeugnis, das anzieht und die Kirche wachsen lässt.«

»Jesus gibt Zeugnis«, so der Papst erneut, und das »ist etwas Neues, aber nicht völlig neu, weil Gottes Barmherzigkeit auch im Alten Testament gegeben war«. Doch, so Franziskus, »diese Gesetzeslehrer haben nie verstanden, was die Formulierung bedeutet: ›Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer‹«. In der Tat, fuhr der Papst fort, »sie lasen es, aber sie verstanden nicht, was Barmherzigkeit war«. Jesus hingegen »verkündet durch seine Vorgehensweise diese Barmherzigkeit durch das Zeugnis«. Und eben deshalb »bricht das Zeugnis immer mit einer Gewohnheit, lässt wachsen, geht weiter und bringt dich auch in Gefahr. Aber es geht voran.«

»Was bewirkt dieses Zeugnis Jesu?« Die Antwort findet sich im zweiten Wort, das der Papst vorschlug: es provoziert »empörtes Raunen«. Im Evangelium sei zu lesen: »Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.« Angesichts der Werke Jesu »sagten diese Leute also nicht: ›Da schau an, dieser Mann scheint gut zu sein, da er versucht, die Sünder zu bekehren‹. Nein, nein, sie munkelten.« Mit jenem Stil, »immer negativ zu kommentieren, um das Zeugnis zunichte zu machen«. »Dieses Gemunkel, diese Sünde des Munkelns «, betonte Franziskus erneut, »ist alltäglich, sowohl im Kleinen als auch im Großen.« Ja, »wie oft raunen wir sogar in unserem eigenen Leben, weil wir dies und das nicht mögen«. Und so »munkeln wir immer heimlich leise vor uns hin, statt zu reden oder zu versuchen, eine Konfliktsituation zu lösen, weil der Mut fehlt, offen zu sprechen«.

Eine Art und Weise des Munkelns, »etwas, das wir tun«, sagte der Papst, »erfolgt in kleinen Gesellschaftsformen, in der Pfarrei: Wie viel wird doch in den Pfarreien gemunkelt! Über so viele Dinge!« Es genüge »ein Zeugnis, das mir nicht passt, oder eine Person, die ich nicht mag, und sofort entfesselt sich das Gemunkel«. Und »im Bistum? Die ›intradiözesanen‹ Kämpfe, die internen Kämpfe der Bistümer: ihr kennt das«. Das Munkeln, so fügte der Papst hinzu, erfolge »auch in der Politik, und das ist hässlich: Wenn eine Regierung nicht ehrlich ist, dann versucht sie, die Gegner durch Gemunkel zu beschmutzen. Ob es sich nun um Diffamierung, um Verleumdung handelt – immer versucht sie es« mit diesen Mitteln. Der Papst fuhr fort: »Und ihr, die ihr die diktatorischen Regierungen gut kennt, weil ihr sie erlebt habt: Was macht eine diktatorische Regierung? Zuerst bemächtigt sie sich mit einem Gesetz der Kommunikationsmittel und von dort aus beginnt sie zu munkeln, sie beginnt, alle, die eine Gefahr für die Regierung darstellen, herabzusetzen.«

»Das Munkeln ist unser tägliches Brot sowohl auf persönlicher als auf familiärer Ebene, auf der Ebene der Pfarrei, des Bistums, der Gesellschaft.« Es handle sich dabei »um eine echte Ausflucht, um nicht der Realität ins Gesicht zu blicken, um nicht zuzulassen, dass die Leute selber denken: alles wird durch das Gemunkel versteckt«. Und das, so erklärte Franziskus, der zum Abschnitt aus dem Evangelium zurückkehrte, »weiß Jesus, aber Jesus ist gut, Jesus ist barmherzig, und statt sie wegen des Gemunkels zu verurteilen, tut er einen Schritt«. Und »das ist das dritte Wort«, das Franziskus in seiner Betrachtung behandelte: »die Frage«. Im Grunde verwende Jesus »dieselbe Methode wie seine Gesprächspartner«. Tatsächlich sage das Evangelium, dass »sie immer mit Fragen zu Jesus gehen, ›um ihn auf die Probe zu stellen‹, mit einer schlechten Absicht«. So hätten sie ihn beispielsweise gefragt: »Meister, ist es erlaubt, die Steuer an das Römische Reich zu zahlen, das uns zu Sklaven macht und uns unser Land weggenommen hat?« Das sei eine Frage, die Jesus gestellt werde, um ihn »auf die Probe zu stellen«, sagte der Papst. Wie auch diese andere: »Meister, ich habe am Altar ein Opfer dargebracht, aber ich habe erfahren, dass meine Eltern an Hunger leiden. Darf ich etwas von dort entfernen und den Eltern geben oder nicht?« Oder weiter: »Meister, ist es erlaubt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen?« Kurzum, es handle sich um Menschen, die »hingehen und versuchen, ihn auf die Probe zu stellen, um ihm eine Falle zu stellen«.

Doch »Jesus verwendet dieselbe Methode«, auch wenn »wir dann den Unterschied sehen werden«, und so erzähle er ihnen dieses Gleichnis, das direkt an sie gerichtet sei: »Wer unter euch, wenn er hundert Schafe hat… Das ist die Geschichte, als sage er: ›Versteht das gut: Wer von euch hütet nicht die ganze Herde, selbst das Schaf, das verloren gegangen ist, das weit weg ist, wer von euch ist fähig, die Neunundneunzig zu verlassen und fast im Dunkel, bei Sonnenuntergang, das verlorene Schaft zu suchen?« Beim Anhören des Gleichnisses Jesu »wäre es das Offensichtliche, das Normalste, dass sie verständen «, so der Papst erneut. Aber »was denken diese Leute wirklich? ›Ich habe neunundneunzig, eines von ihnen ist verloren gegangen, nun!

Rechnen wir ein wenig: Der Sonnenuntergang beginnt, es ist dunkel. Im Dunkeln das Risiko auf sich nehmen loszugehen? Lassen wir das Schaf sein und in der Gewinn-Verlust-Bilanz wird sich das ausgleichen. Retten wir diese hier!‹« Doch »das ist die pharisäische Logik«, so der Papst, »das ist die Logik der Gesetzeslehrer. ›Wer von euch?‹«, frage Jesus, »und sie wählen das Gegenteil von dem, was Jesus gesagt hat. Aus diesem Grund gehen sie nicht, um mit den Sündern zu reden, sie gehen nicht zu den Zöllnern, sie gehen nicht, denn ›es ist besser, sich nicht mit diesen Leuten schmutzig zu machen, da ist eine Gefahr, wir bewahren die Unseren‹«.

»Jesus ist intelligent, ihnen diese Frage zu stellen «, merkte Franziskus an, denn »er lässt sich auf ihre Kasuistik ein. Doch er lässt sie in eine andere Position geraten als die, die richtig ist: ›Wer von euch?‹ Und niemand sagt: ›Ja, das stimmt‹, sondern alle sagen: ›Nein, nein, ich würde das nicht tun.‹« Und eben deshalb »sind sie unfähig, zu vergeben, barmherzig zu sein, zu empfangen«. »Dann gibt es noch ein weiteres Wort«, fuhr der Papst fort und bezog sich weiter auf den Abschnitt aus dem Lukasevangelium, »aber um hier nicht eine Stunde weiterzureden, erwähne ich es nur: die Freude«. Denn »da ist die Freude, das Fest, aber diese Leute kennen die Freude nicht: Alle, die dem Weg der Gesetzeslehrer folgen, kennen die Freude des Evangeliums nicht.«

»Drei Worte«, so fasste Franziskus zusammen: »das Zeugnis, das provozierend ist und die Kirche wachsen lässt; zweites Wort: das Gemunkel, das wie ein Wächter ist, ein Wächter meines Inneren, damit das Zeugnis mich nicht verletzt; drittes Wort: die Frage Jesu. Jene dem Gleichnis entsprungene Frage, und wir hätten erwartet, dass sie sagen: ›Ja, es ist wahr, ich werde gehen‹«, um das verlorene Schaf zu suchen, aber stattdessen laute ihre Antwort: »Nein, nein, lassen wir es dort, wir wollen diese hier retten.« Im Vergleich mit Jesus sei dies »genau der gegenteilige Gedanke «, schloss der Papst und sprach die Hoffnung aus, »dass der Herr uns diese Logik des Evangeliums verstehen lasse, die der Logik der Welt entgegengesetzt ist«.


 



© Copyright - Libreria Editrice Vaticana