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FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Mit der Gnade der Kreativität auf dem Weg der Schönheit

 

Montag, 27. April 2020

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Gebetsanliegen:

Lasst uns heute für die Künstler beten, die diese ungeheuer große Fähigkeit zur Kreativität haben und uns durch den Weg der Schönheit den Weg weisen, den wir gehen sollen. Möge der Herr in dieser Zeit uns allen die Gnade der Kreativität schenken.

Predigt:

Die Menschen, die Jesus den ganzen Tag über zugehört hatten und denen dann diese Gnade der Brotvermehrung zuteil geworden war und die die Macht Jesu gesehen hatten, wollten ihn zum König machen. Zunächst gingen sie zu Jesus, um das Wort zu hören und auch um die Heilung der Kranken zu erbitten. Sie blieben den ganzen Tag, um Jesus zuzuhören, ohne sich zu langweilen, ohne zu ermüden: sie waren dort, glücklich und zufrieden. Als sie dann sahen, dass Jesus ihnen zu essen gab, was sie nicht erwartet hatten, dachten sie: »Das wäre aber ein guter Herrscher für uns, und er würde uns sicher von der Macht der Römer befreien und das Land vorwärts bringen«. Und sie begeisterten sich dafür, ihn zum König zu machen. Ihre Absichten änderten sich, denn sie sahen und dachten: »Gut ... denn ein Mensch, der dieses Wunder vollbringt, der dem Volk zu essen gibt, kann ein guter Herrscher sein« (vgl. Joh 6,1-15). Aber sie hatten in jenem Moment die Begeisterung vergessen, die das Wort Jesu in ihren Herzen hervorgerufen hatte.

Jesus zog sich zurück, um zu beten (vgl. V. 15). Diese Leute blieben dort, und am nächsten Tag suchten sie Jesus, »weil er hier sein muss«, wie sie sagten, weil sie gesehen hatten, dass er nicht mit den anderen in das Boot gestiegen war. Und da war ein Boot, es war dort geblieben... (vgl. Joh 6,22-24). Aber sie wussten nicht, dass sich Jesus zu den anderen gesellt hatte, indem er über das Wasser ging (vgl. V. 16-21). So beschlossen sie, auf die andere Seite des Sees von Tiberias zu gehen, um Jesus zu suchen, und als sie ihn sahen, war das erste Wort, das sie zu ihm sagten: »Rabbi, wann bist du hierhergekommen? (V. 25)«, als wollten sie sagen: »Wir verstehen das nicht, es kommt uns seltsam vor«.

Und Jesus lässt sie zum ersten Empfinden zurückkehren, zu dem, was sie vor der Vermehrung der Brote hatten, als sie das Wort Gottes hörten: »Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt – wie am Anfang, die Zeichen des Wortes, die sie begeistert hatten, die Zeichen der Heilung – , sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid« (V. 26). Jesus offenbart ihre Absicht und sagt: »Aber so ist es, ihr habt eure Haltung geändert«. Und sie waren demütig, statt sich zu rechtfertigen: »Nein, Herr, nein.« Jesus fährt fort: »Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt« (V. 27). Und sie, gute Menschen, sagten: »Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?« (V. 28). »Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat« (V. 29). Dies ist ein Fall, wo dem Jesus die Haltung der Menschen, der Menge, korrigiert, denn auf halbem Weg waren sie vom ersten Augenblick, vom ersten geistlichen Trost ein wenig abgewichen und hatten einen Weg eingeschlagen, der nicht richtig war, einen eher weltlichen als dem Evangelium entsprechenden Weg.

Das lässt uns daran denken, dass wir viele Male im Leben einen Weg in der Nachfolge Jesu einschlagen, hinter Jesus, mit den Werten des Evangeliums, und auf halbem Weg kommt uns eine andere Idee, wir sehen einige Zeichen, und wir entfernen uns und passen uns an etwas Zeitlicheres, etwas Materielleres, etwas Weltlicheres an – vielleicht – und kommt uns die Erinnerung an jene erste Begeisterung, die wir hatten, als wir Jesus sprechen hörten, abhanden. Der Herr lässt uns immer zur ersten Begegnung zurückkehren, zu dem ersten Moment, in dem er uns angeschaut hat, zu uns gesprochen hat und in uns den Wunsch hat aufkommen lassen, ihm nachzufolgen. Das ist eine Gnade, um die man den Herrn bitten muss, denn wir werden im Leben immer dieser Versuchung ausgesetzt sein, uns zu entfernen, weil wir etwas anderes sehen: »Aber das wird gut gehen, aber das ist eine gute Idee...«. Wir entfernen uns. Die Gnade, immer wieder zum ersten Ruf, zum ersten Moment zurückzukehren: nicht vergessen, meine Geschichte nicht vergessen, als Jesus mich voller Liebe angeschaut und zu mir gesagt hat: »Das ist dein Weg«; als Jesus mir mithilfe vieler Menschen verständlich gemacht hat, was der Weg des Evangeliums war, und nicht andere, ein wenig weltliche Wege, mit anderen Werten. Zur ersten Begegnung zurückkehren.

Es hat mich immer betroffen gemacht, dass Jesus – unter den Dingen, die er am Morgen der Auferstehung sagt – Folgendes bekräftigt: »Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen« (vgl. Mt 28,10), Galiläa war der Ort ihrer ersten Begegnung. Dort waren sie Jesus begegnet. Jeder von uns hat sein eigenes »Galiläa« in sich, seinen persönlichen Augenblick, in dem Jesus sich uns genähert und uns gesagt hat: »Folge mir nach«. Im Leben geschieht das, was diesen Menschen widerfahren ist – guten Menschen, denn sie sagen dann zum ihm: »Aber was sollen wir tun?«, sie haben sofort gehorcht – es kommt vor, dass wir uns entfernen und nach anderen Werten suchen, nach einer anderen Hermeneutik, nach anderen Dingen, und die Frische des ersten Rufs verlieren. Daran erinnert auch der Verfasser des Briefes an die Hebräer: »Erinnert euch an die früheren Tage« (vgl. Hebr 10,32). Die Erinnerung, die Erinnerung an die erste Begegnung, die Erinnerung an »mein Galiläa«, als der Herr mich voller Liebe anschaute und zu mir sagte: »Folge mir nach«.

 


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