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FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Jene unerlässlichen Arbeiten, die niemand sieht

Sonntag, 17. Mai 2020

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Gebetsanliegen:

Heute beten wir für viele Menschen, die die Krankenhäuser und die Straßen säubern, die die Mülltonnen leeren, die von Haus zu Haus gehen, um den Müll wegzubringen: eine Arbeit, die niemand sieht, die aber für das Überleben notwendig ist. Möge der Herr sie segnen und ihnen helfen.

Predigt:

Beim Abschied von den Jüngern (vgl. Joh 14,15-21) schenkt Jesus ihnen Ruhe, schenkt ihnen Frieden durch das Versprechen: »Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen« (V. 18). Er verteidigt sie vor diesem Schmerz, vor diesem schmerzhaften Gefühl, Waisen zu sein. In der Welt herrscht heute ein ungeheures Gefühl der Verwaisung: Viele haben viele Dinge, aber der Vater fehlt. Und in der Geschichte der Menschheit wiederholt sich dies: wenn der Vater fehlt, fehlt etwas, und es besteht immer das Verlangen, dem Vater zu begegnen, den Vater zu finden, selbst in den alten Mythen. Denken wir an die Mythen von Ödipus, von Telemachos und vielen anderen: immer die Suche nach dem abwesenden Vater. Heute können wir sagen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der der Vater fehlt, ein Gefühl der Verwaisung, das gerade die Zugehörigkeit und die Brüderlichkeit betrifft.

Deshalb verspricht Jesus: »Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll« (V. 16). »Ich gehe fort«, sagt Jesus, »aber es wird ein anderer kommen, der euch den Zugang zum Vater lehren wird. Er wird euch an den Zugang zum Vater erinnern«. Der Heilige Geist kommt nicht, um »sich seine Kunden zu verschaffen«; er kommt, um den Zugang zum Vater anzuzeigen, um an den Zugang zum Vater zu erinnern, an das, was Jesus geöffnet hat, was Jesus gezeigt hat. Es gibt keine Spiritualität nur des Sohnes, nur des Heiligen Geistes: der Mittelpunkt ist der Vater. Der Sohn wurde vom Vater gesandt und kehrt zum Vater zurück. Der Heilige Geist ist vom Vater gesandt, um an den Vater zu erinnern und den Zugang zu ihm zu lehren.

Nur mit diesem Bewusstsein von Kindern, die keine Waisen sind, können wir untereinander in Frieden leben. Die Kriege - sowohl die kleinen als auch die großen Kriege – tragen immer eine Dimension der Verwaisung in sich: es fehlt der Vater, der Frieden stiftet. Als deshalb Petrus zur ersten Gemeinde sagt, dass sie den Leuten den Grund dafür angeben sollten, warum sie Christen seien (vgl. 1 Petr 3,15-18), da sagt er: »Antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen« (V. 16), also mit der Sanftmut, die der Heilige Geist schenkt. Der Heilige Geist lehrt uns diese Sanftmut, diese Sanftmut der Kinder des Vaters. Der Heilige Geist lehrt uns nicht, zu beleidigen. Und eine der Folgen des Gefühls der Verwaisung ist die Beleidigung, die Kriege, denn wenn es keinen Vater gibt, dann gibt es keine Geschwister, dann geht die Brüderlichkeit verloren. Das - diese Süße, dieser Respekt, diese Sanftmut – das sind Haltungen der Zugehörigkeit, der Zugehörigkeit zu einer Familie, die sicher ist, einen Vater zu haben.

»Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben« (Joh 14,16), der euch an den Zugang zum Vater erinnern wird, er wird euch daran erinnern, dass wir einen Vater haben, der die Mitte von allem ist, der Ursprung von allem, die Einheit von allem, die Rettung von allem, weil er seinen Sohn gesandt hat, um uns alle zu retten. Und nun sendet er den Heiligen Geist, um uns an den Zugang zu ihm, zum Vater, zu erinnern, und aus dieser Vaterschaft heraus diese brüderliche Haltung der Sanftmut, der Süße, des Friedens.

Bitten wir den Heiligen Geist, dass er uns immer, immer wieder an diesen Zugang zum Vater erinnere, dass er uns in Erinnerung rufe, dass wir einen Vater haben. Und möge er dieser Zivilisation, die ein ungeheures Gefühl der Verwaisung empfindet, die Gnade schenke, den Vater zu finden, den Vater, der dem ganzen Leben Sinn verleiht und die Menschen zu einer Familie werden lässt.



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