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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH ARMENIEN
(24.-26. JUNI 2016)

HEILIGE MESSE

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Gyumri, Vartanants-Platz
Samstag, 25. Juni 2016

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» Dann bauen sie die uralten Trümmerstätten wieder auf […] Die verödeten Städte erbauen sie neu « (Jes 61,4). An diesen Orten, liebe Brüder und Schwestern, können wir sagen, dass sich die Worte des Propheten Jesaja, die wir eben hörten, verwirklicht haben. Nach den schrecklichen Zerstörungen des Erdbebens sind wir heute hier, um Gott Dank zu sagen für alles, was wieder aufgebaut worden ist.

Wir könnten uns aber auch fragen: Wozu fordert der Herr uns auf; was sollen wir heute in unserem Leben aufbauen? Und vor allem: Worauf sollen wir unser Leben aufbauen? Im Versuch, auf diese Frage zu antworten, möchte ich euch drei tragfeste Fundamente vorschlagen, auf denen wir das christliche Leben aufbauen und immer wieder neu errichten können.

Das erste Fundament ist das Gedächtnis. Eine Gnade, die man erbitten muss, ist die Fähigkeit, das Gedächtnis aufzufrischen, die Erinnerung an das, was der Herr in und für uns vollbracht hat. Sich ins Gedächtnis rufen, dass – wie das heutige Evangelium sagt – er uns nicht vergessen hat, dass er an uns » gedacht « hat (Lk 1,72): Er hat uns erwählt, geliebt, berufen und uns vergeben; es hat große Ereignisse gegeben in unserer persönlichen Liebesgeschichte mit ihm, die im Geist und im Herzen neu mit Leben erfüllt werden müssen. Doch es gibt auch ein anderes Gedächtnis, das gehütet werden muss: das Gedächtnis des Volkes. Die Völker haben nämlich ebenso ein Gedächtnis wie die einzelnen Menschen. Und das Gedächtnis eures Volkes reicht in ferne Zeiten zurück und ist kostbar. In euren Stimmen klingen die der heiligen Weisen der Vergangenheit nach; in euren Worten liegt der Widerhall derer, die euer Alphabet geschaffen haben, um das Wort Gottes zu verkünden; in euren Liedern verschmelzen die Seufzer und die Freuden eurer Geschichte miteinander. Wenn ihr an all das denkt, könnt ihr sicher die Gegenwart Gottes erkennen: Er hat euch nicht alleingelassen. Auch unter schrecklichen Widerwärtigkeiten – könnten wir mit dem heutigen Evangelium sagen – hat der Herr euer Volk besucht (vgl. Lk 1,68): Er hat an eure Treue zum Evangelium gedacht, an die Erstlingsfrucht eures Glaubens, an alle, die – auch um den Preis des eigenen Blutes – bezeugt haben, dass die Liebe Gottes besser ist als das Leben (vgl. Ps 63,4). Es ist schön für euch, dass ihr euch dankbar daran erinnern könnt, dass der christliche Glaube zum Atem eures Volkes und zum eigentlichen Kern seines Gedächtnisses geworden ist.

Der Glaube ist auch die Hoffnung für eure Zukunft, das Licht auf dem Lebensweg, und er ist das zweite Fundament, über das ich zu euch sprechen möchte. Es gibt immer eine Gefahr, die das Licht des Glaubens verblassen lassen kann, und das ist die Versuchung, ihn auf etwas aus der Vergangenheit zu reduzieren, auf etwas Wichtiges, das aber anderen Zeiten angehört, als sei der Glaube ein schönes Buch mit Miniaturen, das in einem Museum aufbewahrt werden muss. Wenn aber der Glaube in die Archive der Geschichte eingeschlossen wird, verliert er seine verwandelnde Kraft, seine lebendige Schönheit und seine positive Offenheit allen gegenüber. Dagegen entspringt der Glaube und erblüht immer neu aus der lebendigen Begegnung mit Jesus, aus der Erfahrung seiner Barmherzigkeit, die Licht in alle Lebenssituationen trägt. Es wird uns gut tun, jeden Tag diese lebendige Begegnung mit dem Herrn wieder aufleben zu lassen. Es wird uns gut tun, das Wort Gottes zu lesen und uns im schweigenden Beten seiner Liebe zu öffnen. Es wird uns gut tun zuzulassen, dass die Begegnung mit der Zärtlichkeit des Herrn die Freude im Herzen entzündet – eine Freude, die größer ist als die Traurigkeit, eine Freude, die sogar dem Schmerz standhält, indem sie sich in Frieden verwandelt. All das erneuert das Leben, macht es frei und gefügig angesichts von Überraschungen, bereit und verfügbar für den Herrn und für die anderen. Es kann auch geschehen, dass Jesus jemanden in die engere Nachfolge ruft, dazu, das eigene Leben ihm und den Brüdern und Schwestern zu schenken: Wenn er – speziell euch junge Freunde – dazu einlädt, dann habt keine Angst, sagt ihm: „Ja“! Er kennt uns, er liebt uns wirklich und möchte das Herz von den Lasten der Furcht und des Stolzes befreien. Wenn wir ihm Platz machen, werden wir fähig, Liebe auszustrahlen. Auf diese Weise könnt ihr an eure große Geschichte der Evangelisierung anknüpfen – die Kirche und die Welt brauchen sie in diesen geplagten Zeiten, die aber auch Zeiten der Barmherzigkeit sind.

Das dritte Fundament – nach dem Gedächtnis und dem Glauben – ist gerade die barmherzige Liebe: Auf diesen Fels, den Fels der von Gott empfangenen und dem Nächsten geschenkten Liebe, gründet sich das Leben des Jüngers Jesu. Und wenn die Nächstenliebe gelebt wird, dann verjüngt sich das Antlitz der Kirche und wird anziehend. Die konkrete Liebe ist die Visitenkarte des Christen: Andere Arten, sich zu präsentieren, können irreführend oder sogar nutzlos sein, denn daran werden alle erkennen, dass wir seine Jünger sind: wenn wir einander lieben (vgl. Joh 13,35). Vor allem sind wir berufen, stets unermüdlich Wege der Gemeinschaft zu schaffen und wieder gangbar zu machen, Verbindungsbrücken zu bauen und trennende Barrieren zu überwinden. Mögen die Gläubigen darin immer beispielhaft sein, indem sie in gegenseitiger Achtung und im Dialog zusammenarbeiten, da sie wissen: » Der einzig mögliche Wettstreit zwischen den Jüngern des Herrn besteht darin, festzustellen, welcher von ihnen die größte Liebe zu geben vermag! « (Johannes Paul II., Homilie [27. September 2001]: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 31, Nr. 43 [26. Oktober 2001], S. 12).

Der Prophet Jesaja hat uns in der ersten Lesung daran erinnert, dass der Geist des Herrn immer auf dem ruht, der den Armen eine frohe Botschaft bringt, alle heilt, deren Herz zerbrochen ist, und die Trauernden tröstet (vgl. 61,1-2). Gott hält sich im Herzen dessen auf, der liebt; Gott wohnt, wo Liebe herrscht, besonders da, wo man sich mutig und mitfühlend der Schwachen und der Armen annimmt. Darin besteht ein so großer Bedarf: Es braucht Christen, die sich durch die Mühen nicht deprimieren lassen und wegen der Widrigkeiten nicht den Mut verlieren, sondern offen, verfügbar und dienstbereit sind; es braucht Menschen guten Willens, die den Brüdern und Schwestern, die sich in Schwierigkeiten befinden, in der Tat und nicht bloß mit Worten helfen; es braucht gerechtere Gesellschaften, in denen jeder ein würdiges Leben führen und in erster Linie eine gerecht bezahlte Arbeit haben kann.

Wir könnten uns aber fragen: Wie kann man barmherzig werden mit all den Fehlern und Erbärmlichkeiten, die jeder in und um sich herum sieht? Ich möchte mich an einem konkreten Beispiel orientieren, an einem großen Boten der göttlichen Barmherzigkeit, auf den ich alle aufmerksam machen wollte, indem ich ihn unter die Kirchenlehrer einreihte: Es ist der heilige Gregor von Narek, Wort und Stimme Armeniens. Es ist schwer, jemanden zu finden, der wie er fähig war, die abgrundtiefen Erbärmlichkeiten auszuloten, die sich im Herzen des Menschen einnisten können. Doch er hat die menschlichen Erbärmlichkeiten immer in Dialog mit der göttlichen Barmherzigkeit gebracht, indem er ein herzzerreißendes Bittgebet aus Tränen und Vertrauen an den Herrn richtete, den er als » Geber der Gaben, Güte von Natur aus […], trostreiche Stimme, aufmunternde Botschaft, Aufschwung der Freude, […] heilbringenden Kuss « anrief (Buch der Klagen, 3,1), in der Gewissheit, dass » das Licht [seiner] Barmherzigkeit niemals von der Finsternis des Zorns verdunkelt ist « (ebd., 16,1). Gregor von Narek ist ein Lehrmeister des Lebens, weil er uns lehrt, dass es vor allem wichtig ist zu erkennen, dass wir der Barmherzigkeit bedürfen und dass wir uns dann angesichts der Erbärmlichkeiten und Verwundungen, die wir bemerken, nicht in uns selbst verschließen, sondern uns aufrichtig und vertrauensvoll dem Herrn öffnen, dem » nahen Gott, der Güte voll  Zärtlichkeit « (ebd., 17,2), » voller Liebe zum Menschen, […] Feuer, das das Gestrüpp der Sünde verzehrt « (ebd., 16,2).

Mit seinen Worten möchte ich am Schluss die göttliche Barmherzigkeit anrufen und die Gabe erbitten, dass wir nie müde werden zu lieben: Heiliger Geist, » mächtiger Beschützer, Fürsprecher und Friedenstifter, an dich richten wir unser Flehen […] Gewähre uns die Gnade, uns zur Liebe und zu guten Werken zu ermutigen […] Geist der Freundlichkeit, des Mitgefühls, der Menschenliebe und des Erbarmens, […] der du nichts anderes bist als Barmherzigkeit, […] erbarme dich, Herr, unser Gott, in deiner großen Barmherzigkeit « (Pfingsthymnus).


Zum Abschluss dieser Feier möchte ich dem Katholikos Karekin II. und Erzbischof Minassian meinen herzlichen Dank aussprechen für die freundlichen Worte, die sie an mich gerichtet haben, wie auch dem Patriarchen Ghabroyan und den hier anwesenden Bischöfen, den Priestern und den Vertretern des öffentlichen Lebens, die uns empfangen haben.

Ich danke euch allen, die ihr teilgenommen habt und sogar aus verschiedenen Regionen des benachbarten Georgien nach Gjumri gekommen seid. Im Besonderen möchte ich diejenigen grüßen, die mit viel Großmut und konkreter Liebe allen helfen, die in Not sind. Ich denke vor allem an das Krankenhaus von Ashotsk, das vor fünfundzwanzig Jahren eröffnet wurde und als das „Krankenhaus des Papstes“ bekannt ist: Aus dem Herzen des heiligen Johannes Paul II. geboren, ist es immer noch eine sehr wichtige Einrichtung, die den Leidenden nahe ist. Ich denke an die Werke, die von der örtlichen katholischen Gemeinschaft, von den Armenischen Schwestern der Unbefleckten Empfängnis und von den Missionarinnen der Liebe der seligen Mutter Theresa von Kalkutta vorangebracht werden.

Die Jungfrau Maria, unsere Mutter, begleite euch immer und leite die Schritte aller auf dem Weg der Brüderlichkeit und des Friedens.

 


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