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ORDENTLICHES ÖFFENTLICHES KONSISTORIUM ZUR KREIERUNG VON 5 NEUEN KARDINÄLEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Mittwoch, 28. Juni 2017

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»Jesus schritt ihnen voran«. Dies ist das Bild, das uns vom Evangelium her, das wir gehört haben (Mk 10,32-45), in den Sinn kommt und den Hintergrund zu der Handlung bildet, die wir gerade vollziehen: ein Konsistorium zur Kreierung einiger neuer Kardinäle.

Jesus geht entschieden nach Jerusalem. Er weiß, was ihn erwartet, und er hat mehrfach zu seinen Jüngern davon gesprochen. Aber zwischen dem Herzen Jesu und den Herzen der Jünger besteht eine Distanz, die nur der Heilige Geist wird ausgleichen können. Jesus weiß es; deswegen ist er geduldig mit ihnen, er spricht in Offenheit und vor allem geht er ihnen voran, er geht vor ihnen.

Entlang des Weges sind die Jünger selbst durch Interessen abgelenkt, die nicht mit der „Richtung“ Jesu übereinstimmen, mit seinem Willen, der ganz eins ist mit dem Willen des Vaters. Zum Beispiel – so haben wir gehört – denken die zwei Brüder Jakobus und Johannes daran, wie schön es wäre, zur Rechten und zur Linken des Königs von Israel zu sitzen (vgl. V. 37). Sie schauen nicht auf die Wirklichkeit! Sie meinen zu sehen und sehen nicht, zu wissen und wissen nicht, besser als die anderen zu verstehen und verstehen nicht…

Die Wirklichkeit hingegen ist eine ganz andere, sie ist jene, die Jesus vor Augen hat und seine Schritte lenkt. Die Wirklichkeit ist das Kreuz, die Sünde der Welt, für die er gekommen ist, um sie auf sich zu nehmen und aus der Erde der Menschen auszureißen. Die Wirklichkeit sind die Unschuldigen, die aufgrund von Kriegen und Terrorismus leiden und sterben; sie ist die Sklaverei, die nicht aufhört, die Würde des Menschen auch im Zeitalter der Menschenrechte zu leugnen; die Wirklichkeit ist jene der Flüchtlingslager, die zuweilen mehr einer Hölle als einem Fegefeuer ähneln; die Wirklichkeit ist die systematische Entsorgung all dessen, was nicht mehr gebraucht wird, und seien es Menschen.

Das ist es, was Jesus sieht, während er nach Jerusalem geht. Während seines öffentlichen Lebens hat er die Zärtlichkeit des Vaters geoffenbart, indem er all diejenigen heilte, die in der Gewalt des Teufels waren (vgl. Apg 10,38). Jetzt weiß er, dass der Augenblick gekommen ist, bis auf den Grund zu gehen, die Wurzeln des Bösen auszureißen, und deshalb geht er entschlossen auf das Kreuz zu.

Auch wir, Brüder und Schwestern, gehen mit Jesus auf diesem Weg. Insbesondere wende ich mich an euch, liebe neue Kardinäle. Jesus „geht euch voran“ und bittet euch, ihm entschieden auf seinem Weg zu folgen. Er ruft euch auf, die Wirklichkeit anzuschauen, euch nicht von anderen Interessen, von anderen Sichtweisen ablenken zu lassen. Er hat euch nicht gerufen, »Fürsten« in der Kirche zu werden, um „zu seiner Rechten oder zu seiner Linken zu sitzen“. Er ruft euch, so wie er und mit ihm zu dienen; dem Vater und den Brüdern zu dienen. Er ruft euch, mit der gleichen inneren Haltung wie er der Sünde der Welt und ihren Folgen in der heutigen Menschheit entgegenzutreten. Wenn ihr ihm folgt, geht auch ihr dem heiligen Volk Gottes voran, wobei ihr den Blick fest auf das Kreuz und die Auferstehung des Herrn gerichtet haltet.

Gestützt auf die Fürsprache der jungfräulichen Gottesmutter flehen wir also gläubig den Heiligen Geist an, auf dass er jede Distanz zwischen unseren Herzen und dem Herzen Christi ausgleiche und auf dass unser ganzes Leben zu einem Dienst an Gott und an den Geschwistern werde.

 


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