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BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM WELTERNÄHRUNGSTAG 2018

 

An Prof. José Graziano da Silva
Generaldirektor der FAO 


Sehr geehrter Herr Generaldirektor!

1. Das jährliche Begehen des Welternährungstages stellt die Bedürfnisse, Sehnsüchte und Hoffnungen von Millionen Menschen, denen das tägliche Brot fehlt, an die Spitze der internationalen Nachrichten. Jedes Mal werden es mehr, die unglücklicherweise zu dieser gewaltigen Zahl von Menschen gehören, die nichts oder fast nichts haben, was sie in den Mund nehmen können. Es sollte gerade umgekehrt sein; doch sind die jüngsten Statistiken ein erschütternder Beweis dafür, wie die internationale Solidarität zu erkalten scheint. Und wir sind uns heute alle bewusst, dass, wenn es an Solidarität mangelt, die technischen Lösungen und Projekte, selbst die ausgefeiltesten, nicht in der Lage sind, der Traurigkeit und Bitterkeit derjenigen abzuhelfen, die darunter leiden, sich nicht ausreichend und gesund ernähren zu können.

Das Thema, das uns in diesem Jahr beschäftigt, »Unsere Handlungen sind unsere Zukunft. Eine Welt mit Null Hunger bis 2030 ist möglich «, wird zu einem dringenden Aufruf an die Verantwortung aller Akteure, die der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zustimmen; es wird zu einem Heulen, um uns aus der Schläfrigkeit herauszureißen, die uns oft lähmt und hemmt. Dies darf kein weiterer Jahrestag sein, an dem wir uns mit dem Sammeln von Informationen oder der Befriedigung unserer Neugierde begnügen.

Es gilt, »das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann« (Enzyklika Laudato si’, 19). Deshalb sind wir alle eingeladen, aber vor allem die FAO, ihre Mitgliedsstaaten, die nationalen und internationalen Organisationen und Institutionen, die Zivilgesellschaft und die vielen Menschen guten Willens, unseren Eifer zu verdoppeln, damit es niemandem an der notwendigen Nahrung fehlt, weder an Menge noch an Qualität.

2. Die Armen erwarten von uns eine wirkungsvolle Hilfe, die sie aus ihrer Entkräftung herausholt, nicht bloße Absichten oder Zusammenkünfte, die nach einem genauen Studium der Wurzeln ihres Elends als Ergebnis nur feierliche Veranstaltungen haben oder Verpflichtungen, die nie verwirklicht werden, oder prächtige Veröffentlichungen, die nur dazu bestimmt sind, Bibliothekskataloge anschwellen zu lassen. In diesem 21. Jahrhundert, das beträchtliche Errungenschaften im Bereich von Technologie, Wissenschaft, Kommunikation und Infrastruktur aufzuweisen hat, müssten wir darüber erröten, weil wir nicht die gleichen Fortschritte in Bezug auf Menschlichkeit und Solidarität erzielt haben, um so die primären Bedürfnisse der am meisten Benachteiligten zu befriedigen. Ebenso wenig können wir uns damit beruhigen, dass wir uns den Notfällen und den verzweifelten Situationen der Bedürftigen gestellt haben. Wir sind alle dazu berufen, darüber hinauszugehen.

Wir können und müssen es besser machen gegenüber den Hilflosen. Wir müssen zum Handeln übergehen, damit die Geißel des Hungers vollständig verschwindet. Und dazu bedarf es einer Politik der Entwicklungszusammenarbeit, die sich, wie in der Agenda 2030 vorgesehen, an den konkreten Bedürfnissen der Notleidenden orientiert.

Besondere Aufmerksamkeit muss auch dem Niveau der landwirtschaftlichen Produktion, dem Zugang zum Nahrungsmittelmarkt, der Teilnahme an Initiativen und Aktionen gewidmet werden, und insbesondere ist anzuerkennen, dass die Länder – wenn es um Beschlussfassungen geht – die gleiche Würde haben. Wenn es darum geht, die Ursachen des Hungers effektiv zu bekämpfen, muss man begreifen, dass es nicht die pompösen Erklärungen sein werden, die diese Geißel endgültig beseitigen. Der Kampf gegen den Hunger fordert dringend eine großzügige Finanzierung, die Abschaffung von Handelshemmnissen und vor allem eine höhere Sicherheit angesichts von Klimawandel, Wirtschaftskrisen und bewaffneten Konflikten.

3. Eines der Prinzipien, die unser Leben und unser Engagement leiten müssen, ist die Überzeugung, »die Zeit ist mehr wert als der Raum« (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 222), was bedeutet, dass wir mit Klarheit, Überzeugung und Beharrlichkeit nachhaltige Prozesse über die Zeit vorantreiben müssen. Die Zukunft wohnt nicht in den Wolken, sondern sie wird aufgebaut durch das Hervorbringen und Begleiten von Prozessen größerer Humanisierung. Wir können von einer Zukunft ohne Hunger träumen, aber das ist nur legitim, wenn wir greifbare Prozesse, lebenswichtige Beziehungen, operative Pläne und echte Verpflichtungen eingehen. Die Initiative Null Hunger 2030 bietet hierfür einen günstigen Rahmen und wird ohne Zweifel dazu dienen, das zweite der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 zu erreichen, das darauf abzielt, »den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung zu erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern«. Jemand könnte sagen, dass wir noch zwölf Jahre vor uns haben, um es zu vollenden. Und dennoch können die Armen nicht warten. Ihre katastrophale Situation erlaubt es nicht.

Deshalb müssen wir vordringlich, koordiniert und systematisch handeln. Ein Vorteil dieser Vorschläge besteht darin, dass sie spezifische Zwecke, quantifizierbare Ziele und präzise Indikatoren festlegen konnten. Wir wissen, dass wir einen zweifachen Ansatz mit langfristigen und kurzfristigen Maßnahmen harmonisch kombinieren müssen, um den konkreten Realitäten derjenigen zu begegnen, die bis heute die herzzerreißenden und bitteren Folgen von Hunger und Mangelernährung erleiden.

4. Während in den vergangenen Jahren die Aktivitäten der FAO und anderer internationaler Institutionen durch die Spannung zwischen kurzen und langen Zeitrahmen gekennzeichnet waren, so dass im selben Bereich verschiedene Programme und Interventionen zusammenlaufen konnten, wissen wir heute gut, dass es ebenso wichtig ist, die globale und lokale Ebene in der Antwort auf die Herausforderung des Hungers zu vereinen. In diesem Sinne fordert die Agenda 2030 mit den Zielen nachhaltiger Entwicklung und der Initiative Null Hunger die internationalen Organisationen, wie die FAO, auf, die Mitgliedstaaten verantwortungsvoll einzubinden, um Maßnahmen auf lokaler Ebene anzugehen und durchzuführen. Globale Indikatoren sind nutzlos, wenn die Realität auf der Straße weit von diesen Verabredungen entfernt ist.

Aus diesem Grund ist es wesentlich, dass die in den großen Programmen enthaltenen Prioritäten und Maßnahmen tief greifen und überall verbreitet werden, so dass keine Spaltungen entstehen und wir alle die Herausforderung annehmen, den Hunger und die Armut in einer ernsthaften und gemeinschaftlichen Weise zu bekämpfen. Dies soll mit einer angemessenen institutionellen, sozialen und wirtschaftlichen Architektur geschehen, die diejenigen Initiativen erfolgreich zu Ende bringt, welche tragfähige Lösungen bieten, damit sich die Armen nicht weiterhin verlassen fühlen.

5. Wir haben also die geeigneten Instrumente und einen Rahmen, damit die schönen Worte und wohlmeinenden Wünsche sich in ein wahres Aktionsprogramm verwandeln, das tatsächlich mit der Beseitigung des Hungers in unserer Welt gipfeln soll. Um es Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es einer Kombination von Anstrengungen, Adel des Herzens und einem ständigen Trachten danach, sich das fremde Problem mit Festigkeit und Entschlossenheit zu eigen zu machen.

Jedoch wie bei den anderen wichtigen Themen, die die Menschheit betreffen, finden wir uns oft vor enormen Hindernissen bei der Lösung von Problemen wieder, vor unumgänglichen Barrieren, die Frucht von Unentschlossenheit oder Verzögerungen sind, vor der mangelnden Kraft der politischen Entscheidungsträger, die oft einzig in Wahlinteressen versunken oder von einseitigen, übereilten oder begrenzten Sichtweisen in Beschlag genommen sind. Es fehlt wirklich an einem politischen Willen. Es ist notwendig, wirklich den Hunger beenden zu wollen. Das wird sich definitiv und in erster Linie nicht ohne die allen Völkern und den verschiedenen religiösen Bekenntnissen gemeinsame ethische Überzeugung verwirklichen lassen, die in das Zentrum jeglicher Initiative das Wohlergehen der Person stellt und darin besteht, »dem anderen das zu tun, was wir für uns selbst wollen«. Es handelt sich um ein Handeln, das sich auf die Solidarität unter allen Nationen gründet und auf Maßnahmen beruht, die Ausdruck des Empfindens der Bevölkerung sind.

6. Zur Beendigung des Hungers von Worten zu Taten überzugehen erfordert nicht nur politische Entscheidungen und operative Pläne. Es ist genauso notwendig, eine reaktive Herangehensweise zu überwinden, um einer proaktiveren Vision Platz zu machen. Ein oberflächlicher und vorübergehender Ansatz kann im besten Fall zu punktuellen Reaktionen führen. Wir vergessen auf diese Weise die strukturelle Dimension, die das Drama des Hungers verdeckt: die extreme Ungleichheit, die schlechte Verteilung der Ressourcen des Planeten, die Folgen des Klimawandels oder die endlosen und blutigen Konflikte, die viele Regionen heimsuchen, um nur einige ihrer wichtigsten Gründe zu nennen.

Wir müssen eine über die Zeit proaktivere und nachhaltigere Herangehensweise entwickeln, wir müssen die Mittel für die Förderung  des Friedens und die Entwicklung der Völker aufstocken. Wir müssen die Waffen und ihren verderblichen Handel zum Schweigen bringen, um die Stimme derjenigen zu hören, die verzweifelt weinen, weil sie sich an den Rändern des Lebens und des Fortschritts zurückgelassen fühlen.

Wenn wir wirklich wollen, dass die Weltbevölkerung diese Sichtweise annimmt, ist es unumgänglich, dass die organisierte Zivilgesellschaft, die Medien und die Bildungseinrichtungen ihre Kräfte in der richtigen Richtung hin vereinen. Von hier bis zum Jahr 2030 haben wir ein Dutzend Jahre Zeit für die Entfaltung eines energischen und konsequenten Handelns; nicht für ein Treibenlassen im Strudel der wechselnden und flüchtigen Schlagzeilen, sondern um dem Hunger und den Ursachen, die ihn hervorrufen, die Stirn zu bieten ohne Unterlass, Hand in Hand mit Solidarität, Gerechtigkeit und Kohärenz.

7. Dies sind, Herr Generaldirektor, einige Überlegungen, die ich mit denen teilen möchte, die sich nicht von Gleichgültigkeit überwältigen lassen und auf den Schrei derjenigen hören, die nicht über das Minimum verfügen, um eine würdevolle Existenz zu führen. Die katholische Kirche ihrerseits kämpft täglich in der ganzen Welt in Ausübung der Mission, die ihr von ihrem göttlichen Gründer anvertraut wurde, in verschiedenster Form und durch ihre vielfältigen Strukturen und Vereinigungen gegen Hunger und Mangelernährung, und erinnert daran, das diejenigen, die Not leiden, nicht von uns verschieden sind. Sie haben unser gleiches Fleisch und Blut. Sie verdienen also, dass eine freundliche Hand ihnen hilft und sie unterstützt, so dass niemand zurückgelassen wird und in unserer Welt die Brüderlichkeit zum Personalausweis wird, und zu mehr als einem markanten Slogan ohne echte Konsistenz.

Ich bitte den Allmächtigen, dass dieser Pfad, um Wege zu eröffnen, die zu konkreten und wirksamen Handlungen führen im Interesse einer Zukunft eines friedlichen und konstruktiven Zusammenlebens, mit seinen Segnungen erfüllt wird, zu unserem Nutzen und zu dem der Generationen, die uns folgen.

Aus dem Vatikan, am 16. Oktober 2018

  Franziskus
 



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