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BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM 3. WELTFORUM DER LOKALEN
WIRTSCHAFTSENTWICKLUNG
[TURIN, 13.-16. OKTOBER 2015]

 

 

An den verehrten
Herrn Piero Fassino
Bürgermeister von Turin

Herzlich grüße ich Sie und die Vertreter des öffentlichen Lebens sowie alle Teilnehmer am 3. Weltforum der lokalen Wirtschaftsentwicklung, das vom 13. bis 16. Oktober in Turin stattfindet. Sehr zu Recht soll es ein Forum der Reflexion und des Dialogs über die Potentiale der lokalen Wirtschaftsentwicklung sein – als treibende Kraft einer alternativen Sichtweise der Wirtschaft, der Entwicklung, der Beziehung zum Territorium und zwischen den Menschen. Gott schenke diesem Treffen Licht und Inspiration, denn es ist für die Umsetzung der Agenda 2030, für die Unterstützung von Inklusion, Umweltschutz und einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung sehr wichtig. Mit der Absicht, einen Beitrag zu Ihrer Aufgabe zu leisten, möchte ich einige Gedanken in Erinnerung rufen, die ich kürzlich vor der Versammlung der Vereinten Nationen in Bezug auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele zum Ausdruck gebracht habe, denn diese Ziele stellen eine Hoffnung für die Menschheit dar, vorausgesetzt sie werden entsprechend unterstützt.

Die wirksame Umsetzung der Agenda 2030 ist dringend notwendig und unerlässlich. Die von der internationalen Gemeinschaft getroffenen Entscheidungen sind wichtig, aber sie bringen auch die Versuchung mit sich, einem Nominalismus zu verfallen, der sich in Deklarationen erschöpft und einen Beruhigungseffekt auf das Gewissen ausübt. Außerdem muss man sich aufgrund der Vielfalt und der Vielschichtigkeit der Probleme zu ihrer Erfassung technischer Mittel bedienen. Das bringt aber eine doppelte Gefahr mit sich: dass man sich auf die bürokratische Übung der Erstellung langer Auflistungen guter Vorsätze – Ziele, Zwecke und statistische Angaben – beschränkt oder dass man glaubt, eine einzige theoretische und aprioristische Lösung werde die Antwort auf alle Herausforderungen geben.

Politisches und wirtschaftliches Handeln ist eine umsichtige Tätigkeit, die von einem immerwährenden Gerechtigkeitsverständnis geleitet ist und zu keinem Zeitpunkt übersieht, dass es vor allen Plänen und Programmen und jenseits davon konkrete Frauen und Männer gibt – genauso Menschen wie die Regierenden –, die leben, ringen und leiden und die ihr eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen sollen. Die ganzheitliche menschliche Entwicklung und die volle Geltendmachung der Menschenwürde können nicht aufgezwungen werden. Sie müssen für jeden Einzelnen, für jede Familie aufgebaut und entfaltet werden, in Gemeinschaft mit den anderen Menschen und in einer richtigen Beziehung zu all den Kreisen, in denen sich die menschliche Solidarität entwickelt – Freunde, Gemeinschaften, Dörfer und Gemeinden, Schulen, Unternehmen und Gewerkschaften, Provinzen, Nationen.

In dieser Hinsicht scheint daher die lokale Wirtschaftsentwicklung die angemessenste Antwort auf die Herausforderungen zu sein, die uns eine globalisierte und in ihren Resultaten oft grausame Wirtschaft stellt. Das 3. Forum möchte daher richtigerweise auf das lokale Umfeld bezogene Konzepte und Strategien im Rahmen der globalen Entwicklungsprozesse vorstellen und diskutieren und das Potential dieser Konzepte und Strategien als wesentliche Ressourcen auf allen Ebenen – regional, national und international – in den Blick nehmen. Vor der UNO habe ich darauf hingewiesen, dass das Mittel und der einfachste und geeignetste Indikator für die Erfüllung der neuen Entwicklungs-Agenda der effektive, praktische und unverzügliche Zugang aller zu den unentbehrlichen materiellen und geistigen Gütern ist: eigene Wohnung, würdige und ordnungsgemäß vergütete Arbeit, geeignete Ernährung und Trinkwasser; Religionsfreiheit und allgemeiner: geistige Freiheit und Bildungsfreiheit. Jetzt würde ich hinzufügen, dass die einzige Weise, diese Ziele wirklich und dauerhaft zu erreichen, in der Arbeit auf Lokalebene besteht. Bei meinen Begegnungen mit den Volksbewegungen und den italienischen Kooperativen habe ich diese Gedanken entwickelt, die sich in zwei Grundsätzen zusammenfassen lassen: »klein ist schön« und »klein ist effektiv«.

Die immer wiederkehrenden globalen Krisen haben gezeigt, dass Entscheidungen im Bereich der Wirtschaft, die im Allgemeinen durch Impulse zu mehr Konsum und durch die beständige Steigerung des Profits auf den Fortschritt aller abzielen, für die Entwicklung der Weltwirtschaft nicht tragbar sind. Es ist auch hinzuzufügen, dass sie in sich unmoralisch sind, da sie jede Frage nach dem, was gerecht ist und was wirklich dem Gemeinwohl dient, unberücksichtigt lassen. Dagegen müssen öffentliche wie private politischwirtschaftliche Diskussionen darüber nachdenken, wie ethische Kriterien in die Systeme und Entscheidungen integriert werden können. Die grundsätzliche Betonung der lokalen Ebene, wie es die Foren der lokalen Wirtschaftsentwicklung wünschen, ist sicherlich der richtige Weg zu einer wahren ethischen Unterscheidungsgabe und zur Schaffung von wirklich freien Wirtschaften und Unternehmen: frei von Ideologien, frei von politischer Manipulation und vor allem frei vom Gesetz des Profits um jeden Preis und beständig expandierender Geschäfte, um wirklich im Dienst aller zu stehen und die Ausgeschlossenen in das soziale Leben zu integrieren.

In Italien hat die christliche Soziallehre durch Persönlichkeiten wie Giuseppe Toniolo, Don Sturzo und andere auf den Spuren der von Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Rerum novarum vorgegebenen Linie eine Wirtschaftsanalyse vorzulegen gewusst, die gerade ausgehend von der lokalen und territorialen Ebene Optionen und Leitlinien für die Weltwirtschaft vorgeschlagen hat. Auch ein großer Teil des säkularen Sozialdenkens kam von anderen Prämissen ausgehend zu ähnlichen Vorschlägen. Diese Sicht der Wirtschaft, die vom Lokalen zum Globalen geht, wird auch in anderen Ländern von vielen Wissenschaftlern entwickelt. Ich beschränke mich hierauf die Erwähnung von Ernst Friedrich Schumacher und sein berühmtes Werk Small is beautiful.

Herr Bürgermeister, ich hoffe, dass diese kurzen Überlegungen ein nützlicher Beitrag zur Diskussion und zu den zukünftigen Aktivitäten des Forums sein können, um die lokale Entwicklung zu stärken und vor allem die Reform der großen globalen Modelle zu inspirieren. Daher erneuere ich meinen Wunsch für ein erfolgreiches Treffen, während ich den göttlichen Segen auf Sie, die anderen Vertreter des öffentlichen Lebens und die Teilnehmer des Forums wie auch auf die jeweiligen Familien und Tätigkeiten herabrufe.

Aus dem Vatikan, 10. Oktober 2015

Franziskus

 



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