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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS AN DIE NEUEN, BEIM HEILIGEN STUHL AKKREDITIERTEN BOTSCHAFTER AUS KIRGISISTAN, ANTIGUA UND
BARBUDA, LUXEMBURG UND BOTSWANA
 

Clementina-Saal
Donnerstag, 16. Mai 2013

 

Meine Herren Botschafter!

Es ist mir eine Freude, Sie heute aus Anlass der Überreichung der Beglaubigungsschreiben zu empfangen, mit denen Sie zu außerordentlichen und bevollmächtigten Botschaftern ihrer jeweiligen Länder beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden: Kirgisistan, Antigua und Barbuda, Großherzogtum Luxemburg und Botswana. Die freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet haben und für die ich Ihnen herzlich danke, bezeugen, dass den Staatsoberhäuptern Ihrer Länder die Entwicklung von Beziehungen der Wertschätzung und der Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl am Herzen liegt. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie ihnen meine Dankbarkeit und Hochachtung zum Ausdruck bringen und Sie meines Gebetes für sie selbst und ihre Landsleute versichern würden.

Meine Herren Botschafter, die Menschheit erlebt derzeit so etwas wie einen Wendepunkt ihrer Geschichte, wenn man die Fortschritte in verschiedenen Bereichen betrachtet. Die positiven Resultate, die zum echten Wohlergehen der Menschheit beitragen, sind zu loben, so zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit, Bildungswesen und Kommunikation. Dennoch muss man auch sehen, dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit mit verhängnisvollen Konsequenzen weiterhin in tagtäglicher Prekarität lebt. Einige Pathologien nehmen zu, mit ihren psychologischen Konsequenzen; Angst und Verzweiflung erfassen die Herzen vieler Menschen auch in den sogenannten reichen Ländern; die Lebensfreude nimmt ab; Dreistigkeit und Gewalt nehmen zu; die Armut wird sichtbarer. Man muss kämpfen, um zu leben, und häufig, um nicht einmal würdevoll zu leben. Eine der Ursachen für diese Situation ist meiner Ansicht nach in der Beziehung zu finden, die wir zum Geld haben, indem wir seine Herrschaft über uns und unsere Gesellschaft akzeptieren. So lässt uns die Finanzkrise, die wir gerade erleben, deren eigentlichen Ursprung vergessen: eine tiefe anthropologische Krise – die Negation des Primats des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des alten goldenen Kalbes (vgl. Ex 32,15–34) hat ein neues und grausames Bild gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur der gesichtslosen Wirtschaft ohne wirklich menschliche Ziele und Zwecke. Die globale Krise, von der Finanz und Wirtschaft betroffen sind, scheint deren Deformierung und vor allem das schwerwiegende Fehlen ihrer anthropologischen Perspektive ins Licht zu rücken, die den Menschen auf ein einziges Bedürfnis reduziert: den Konsum. Und schlimmer noch, heute wird der Mensch selbst als Konsumgut betrachtet, das man benutzen und wegwerfen kann. Wir haben diese Wegwerfkultur begonnen.

Dieser Irrweg ist auf individueller und gesellschaftlicher Ebene anzutreffen; und er wird gefördert! In diesem Kontext wird die Solidarität, die der Schatz der Armen ist, häufig als kontraproduktiv betrachtet, als Widerspruch zur finanziellen und wirtschaftlichen Rationalität. Während das Einkommen einer Minderheit exponentiell ansteigt, vermindert sich das Einkommen der Mehrheit. Dieses Ungleichgewicht entspringt Ideologien, die die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation unterstützen und so den Staaten das Recht der Kontrolle verweigern, obwohl diese doch die Aufgabe haben, für das Gemeinwohl zu sorgen. Es wird eine neue unsichtbare, zuweilen virtuelle Tyrannei geschaffen, die einseitig und ohne mögliche Abhilfe ihre Gesetze und Regeln oktroyiert. Außerdem entfernen Verschuldung und Kredite die Länder von ihrer realen Wirtschaft und die Bürger von ihrer realen Kaufkraft. Hinzu kommen vor allem eine sich rasch ausbreitende Korruption und eine egoistische Steuerhinterziehung, die globale Dimensionen angenommen haben. Macht- und Besitzgier sind unbegrenzt geworden.

Hinter dieser Haltung verbirgt sich die Zurückweisung der Ethik, die Ablehnung Gottes. Genau wie die Solidarität so stört auch die Ethik! Sie wird als kontraproduktiv angesehen: als zu menschlich, weil sie Geld und Macht relativiert; als eine Bedrohung, weil sie Manipulation und Unterwerfung des Menschen zurückweist. Weil die Ethik zu Gott führt, der außerhalb der Kategorien des Marktes steht. Gott wird von diesen Finanzmännern, Wirtschaftsfachleuten und Politikern als nicht beherrschbar angesehen, Gott als nicht beherrschbar, oder sogar als gefährlich, weil er den Menschen zu seiner vollen Verwirklichung und zur Unabhängigkeit von jeglicher Art der Versklavung ruft. Die Ethik – eine nicht ideologische Ethik natürlich – erlaubt meines Erachtens nach die Schaffung eines menschlicheren Gleichgewichts und einer menschlicheren gesellschaftlichen Ordnung. In dieser Hinsicht ermutige ich die Finanzexperten und Regierenden Ihrer Länder, die Worte des hl. Johannes Chrysostomus zu beherzigen: »Den eigenen Besitz nicht mit den Armen zu teilen, heißt sie zu bestehlen und ihnen das Leben zu nehmen. Denn es sind nicht unsere Güter, die wir besitzen, sondern die ihren« (Homilie über Lazarus, 1,6; PG 48,992D).

Liebe Botschafter, es wäre wünschenswert, eine Finanzreform umzusetzen, die ethisch ist und die ihrerseits eine Wirtschaftsreform hervorbringt, die allen dient. Das allerdings würde eine mutige Haltungsänderung bei den führenden Politikern voraussetzen. Ich fordere sie auf, diese Herausforderung entschlossen und mit Weitblick anzunehmen, sicherlich unter Berücksichtigung der Besonderheiten des jeweiligen Kontexts. Geld soll dienen und nicht herrschen! Der Papst liebt alle, Reiche und Arme; aber der Papst hat die Pflicht im Namen Christi den Reichen daran zu erinnern, dass er dem Armen helfen muss, ihn respektieren und ihn fördern muss. Der Papst ruft zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr der Ethik zugunsten des Menschen in der Finanz- und Wirtschaftswelt auf.

Die Kirche ihrerseits wirkt immer für die ganzheitliche Entwicklung jedes Menschen. In diesem Sinne erinnert sie daran, dass das Gemeinwohl nicht ein bloßer Zusatz, eine bloße weniger wertvolle Idee ist, die in die politischen Programme eingefügt wird. Die Kirche ermutigt die Regierenden, sich wirklich in den Dienst am Gemeinwohl ihrer Bevölkerung zu stellen. Ich ermahne die Führungskräfte der Finanzwelt, Ethik und Solidarität zu berücksichtigen. Und warum sollten sie sich nicht an Gott wenden, um die eigenen Pläne zu inspirieren? So wird sich eine neue politische und ökonomische Mentalität herausbilden, die dazu beitragen wird, die absolute Dichotomie zwischen der ökonomischen und der sozialen Sphäre in ein gesundes Zusammenleben zu verwandeln.

Schließlich grüße ich von Herzen durch Sie die Hirten und Gläubigen der in Ihren Ländern vertretenen katholischen Gemeinschaften. Ich fordere sie auf, weiterhin ihr mutiges und freudiges Zeugnis des Glaubens und der Nächstenliebe zu geben, wie Christus es gelehrt hat. Sie mögen keine Angst haben, ihren Beitrag zur Entwicklung ihrer Länder zu leisten durch Initiativen und Haltungen, die von der Heiligen Schrift inspiriert sind! Während Sie Ihre Mission beginnen, entbiete ich Ihnen, meine Herren Botschafter, meine besten Wünsche und versichere Sie bei der Erfüllung Ihrer Funktion der Zusammenarbeit der Römischen Kurie. So rufe ich von Herzen auf Sie und Ihre Familienangehörigen wie auch auf Ihre Mitarbeiter die Fülle des göttlichen Segens herab. Danke.

 


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