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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER AN DER VOM PÄPSTLICHEN
RAT “COR UNUM” VERANSTALTETEN BEGEGNUNG
ZUR HUMANITÄREN KRISE
IN SYRIEN UND IM IRAK

Konsistoriensaal
Donnerstag, 17. September 2015

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Liebe Brüder und Schwestern,

Habt Dank für eure Teilnahme an diesem Treffen des Austauschs zwischen den karitativen Einrichtungen und den Ortskirchen. Ich bin euch dankbar für die Hilfe, die ihr den Opfern der Krise in Syrien, im Irak und in den umliegenden Ländern bringt, wie auch für den Trost, den eure Gegenwart und eure Arbeit den leidenden Menschen dort spenden. Ich denke hierbei auch an die vielen anderen Organisationen, die sich auf diesem Feld betätigen. Ich begrüße euch alle, die Bischöfe, die Priester, die Ordensleute, die Laien. Ein besonderer Gruß gilt Herrn Stephen O’Brien, Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten. Ich grüße Prälat Dal Toso und danke dem Päpstlichen Rat Cor Unum, dass er sich kontinuierlich dieser humanitären Krise, die uns alle angeht, angenommen hat. Und ich begrüße Kardinal Sandri, um dessen Sorge über diese Probleme ich weiß.

Die schrecklichen Konsequenzen der bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak für die Zivilbevölkerungen wie auch für das kulturelle Erbe stellen eine der bedrückendsten humanitären Tragödien der letzten Jahrzehnte dar. Millionen Menschen leben in einer besorgniserregenden Situation absoluter Bedürftigkeit und sehen sich gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Der Libanon, Jordanien unddie Türkei tragen heute die schwere Last der Millionen von Flüchtlingen, die sie großzügig aufgenommen haben. Angesichts eines derartigen Szenariums und angesichts von Kriegen, die sich immer weiter ausbreiten und auf beunruhigendeArt und Weise die inneren Gleichgewichte der einzelnen Länder wie auch der gesamten Region in Mitleidenschaft ziehen, scheint die internationale Staatengemeinschaft unfähig zu sein, angemessene Antworten zu finden, während die Waffenhändler nach wie vor ihren Geschäften nachgehen: blutbefleckte Waffen – mit unschuldigem Blut.

Und das, obwohl heute, im Gegensatz zur Vergangenheit, die Gräueltaten und die unerhörten Verletzungen der Menschenrechte, die diese Kriege kennzeichnen, von den Medien live übertragen werden. Deshalb geschehen sie vor den Augen aller Welt. Niemand kann so tun, als wisse er von nichts! Alle sind sich darüber im Klaren, dass dieser Krieg immer unerträglicher auf den Schultern der armen Bevölkerung lastet. Man muss eine Lösung finden, die aber niemals in der Anwendung von Gewalt bestehen darf, denn Gewalt schlägt nur neue Wunden und zeugt wiederum Gewalt.

Angesicht dieses Meers von Leid appelliere ich an euch, den materiellen und spirituellen Bedürfnissen der allerschwächsten und schutzlosesten Menschen besondere Aufmerksamkeit zu widmen: Ich denke dabei insbesondere an die Familien, an die alten Menschen, an die Kranken und an die Kinder. Die Kinder und die Jugendlichen, die unsere Hoffnung für die Zukunft sind, werden ihrer Grundrechte beraubt: unbeschwert in ihrer Familie heranwachsen zu können, gehegt und gepflegt zu werden, zu spielen und zu lernen. Millionen von Kindern werden aufgrund der langen Dauer des Krieges ihres Rechts auf Bildung beraubt, und folglich sehen sie, wie sich der Horizont ihrer Zukunft verdunkelt. Lasst es nicht an eurem Engagement auf diesem so lebenswichtigen Gebiet fehlen!

Viele Menschen sind Opfer dieses Krieges: ich denke an sie alle und bete für alle. Aber ich kann den schweren Schaden nicht verschweigen, der den christlichen Glaubensgemeinschaften in Syrien und im Irak zugefügt wird, wo viele Brüder und Schwestern ihres Glaubens wegen schikaniert, von ihrem Land verjagt, ins Gefängnis geworfen oder gar getötet werden. Jahrhunderte lang haben die christlichen und die muslimischen Glaubensgemeinschaften in jener Region auf der Grundlage des wechselseitigen Respekts zusammengelebt. Heutzutage wird die Legitimität der Präsenz der Christen und anderer religiöser Minderheiten an sich geleugnet, im Namen eines »gewaltsamen Fundamentalismus, der einen religiösen Ursprung beansprucht« (Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 29). Dennoch antwortet die Kirche auf derartige Angriffe und Verfolgungen, denen sie heutzutage in diesen Ländern ausgesetzt ist, mit einem mutigen Zeugnis für Christus durch ihre demütige und leidenschaftliche Präsenz, durch einen aufrichtigen Dialog und ihren großherzigen Dienst an den Leidenden und Bedürftigen, ohne Ansehen der Person.

In Syrien und im Irak zerstört das Böse die Bauwerke und die Infrastrukturen, vor allem aber zerstört es das menschliche Gewissen. Im Namen Jesu, der in die Welt gekommen ist, um die Wunden der Menschheit zu heilen, fühlt sich die Kirche dazu aufgerufen, Böses mit Gutem zu vergelten, indem sie die ganzheitliche Entwicklungdes Menschen fördert und dabei »jeden Menschen und den ganzen Menschen« im Auge hat (Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 14).

Um auf diesen schwierigen Ruf zu antworten, müssen die Katholiken die innerkirchliche Zusammenarbeit und die Bande der Gemeinschaft, die sie mit den anderen christlichen Glaubensgemeinschaften verbinden, verstärken und sich auch um die Zusammenarbeit mit den internationalen humanitären Organisationen und mit allen Menschen guten Willens bemühen. Daher ermutige ich euch, den Weg der Zusammenarbeit und des Teilens fortzusetzen, indem ihr gemeinsam wirkt und nach Synergie strebt. Bitte lasst die Opfer dieser Krise nicht im Stich, selbst wenn die Aufmerksamkeit der Welt nachlassen sollte!

Euch alle bitte ich, meine Botschaft solidarischer Nähe all denen zu übermitteln, die diese Prüfung erdulden und die tragischen Folgen dieser Krise erleiden. In Gemeinschaft mit euch und mit euren Gemeinschaften bete ich ohne Unterlass für den Frieden und für ein Ende der Qualen und Ungerechtigkeiten in euren geliebten Heimatländern. Möge Gott euch alle segnen.

 



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