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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE MISSIONARE DER BARMHERZIGKEIT

Sala Regia
Dienstag, 10. April 2018

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Liebe Missionare!

Herzlich willkommen, danke, und ich hoffe, dass diejenigen, die zu Bischöfen ernannt worden sind, die Fähigkeit des »misericordiare« nicht verloren haben. Das ist wichtig. Es ist für mich eine große Freude, euch nach der schönen Erfahrung des Jubiläums der Barmherzigkeit zu begegnen. Wie ihr wohl sehr gut wisst, hätte mit dem Abschluss des Außerordentlichen Jubiläums auch euer Dienst enden sollen. Doch beim Nachdenken über den großen Dienst, den ihr der Kirche erwiesen habt, und darüber, wie viel Gutes ihr den Gläubigen getan und durch eure Verkündigung, vor allem durch die Feier des Sakraments der Versöhnung geschenkt habt, habe ich es für nützlich gehalten, dass euer Mandat noch für einige Zeit verlängert wird. Ich habe viele Zeugnisse von Bekehrungen erhalten, die durch euren Dienst geschehen sind.

Und ihr seid Zeugen dafür. Wir müssen wirklich anerkennen, dass die Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen kennt und dass ihr mit eurem Dienst ein konkretes Zeichen seid, dass die Kirche keine Barrieren errichten kann, darf und will, die den Zugang zur Vergebung des Vaters behindern. Der »verlorene Sohn« musste nicht durch den Zoll: Er wurde vom Vater ohne Hindernisse aufgenommen. Ich danke Erzbischof Fisichella für seine einleitenden Worte und den Mitarbeitern des Päpstlichen Rats für die Neuevangelisierung dafür, dass sie diese Tage des Gebets und der Reflexion organisiert haben. In meine Gedanken schließe ich all jene ein, die nicht kommen konnten, damit sie sich doch beteiligt fühlen und sie ebenso, wenn auch aus der Ferne, meine Wertschätzung und mein Dank erreichen möge. Ich möchte zur besseren Unterstützung der Verantwortung, die ich in eure Hände gelegt habe, einige Gedanken mit euch teilen, und auch damit der Dienst der Barmherzigkeit, den ihr in einer ganz besonderen Weise zu leben aufgerufen seid, dem uns von Jesus offenbarten Willen des Vaters gemäß optimal zum Ausdruck kommen kann, während dieser Dienst im Licht von Ostern seinen vollen Sinn erhält. Mit diesen Worten – die Ansprache wird vielleicht ein wenig lang werden – möchte ich die Lehre eures Dienstamtes betonen, das keine bloße Idee ist, nach dem Motto: »Wir wollen diese Pastoral einmal ausprobieren, und dann sehen wir, wie es läuft.«

Nein. Es handelt sich um eine pastorale Erfahrung, hinter der eine echte kirchliche Lehre steht. Zu einer ersten Reflexion werde ich angeregt vom Text des Propheten Jesaja, wo zu lesen ist: »Zur Zeit der Gnade habe ich dich erhört, am Tag des Heils habe ich dir geholfen. […] Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Armen. Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht« (Jes 49,8.13-15). Dieser Text ist tief durchdrungen vom Thema der Barmherzigkeit. Wohlwollen, Trost, Nähe, das Versprechen ewiger Liebe…: Das sind alles Begriffe, die den Reichtum der göttlichen Barmherzigkeit zum Ausdruck bringen wollen, ohne diese in einem einzigen Aspekt ausschöpfen zu können.

Der heilige Paulus greift in seinem zweiten Korintherbrief auf diesen Text von Jesaja zurück, aktualisiert ihn und scheint ihn gerade auf uns anwenden zu wollen. Er schreibt: »Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt. Denn es heißt: Zur Zeit der Gnade habe ich dich erhört, am Tag der Rettung habe ich dir geholfen. Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung« (6,1-2). Der erste Hinweis, den der Apostel gibt, ist, dass wir Mitarbeiter Gottes sind. Wie eindringlich dieser Ruf ist, kann man einfach feststellen. Einige Verse vorher hat Paulus denselben Gedanken zum Ausdruck gebracht, wo er sagt: »Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!« (5,20), wobei es scheint, als tue er dies auf Knien. Die Botschaft, die wir als Gesandte im Namen Christi bringen, ist, Frieden mit Gott zu schließen. Unser Apostolat ist ein Appell, die Vergebung des Vaters zu suchen und zu empfangen. Wie man sieht, braucht Gott Menschen, die seine Vergebung und seine Barmherzigkeit in die Welt tragen. Es ist dieselbe Sendung, die der auferstandene Herr nach seinem Pascha seinen Jüngern anvertraut hat: »Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten« (Joh 20,21-23).

Diese Verantwortung, die in unsere Hände gelegt ist – wir sind dafür verantwortlich! –, erfordert einen Lebensstil in Übereinstimmung mit der empfangenen Sendung. Wieder ist es der Apostel, der uns daran erinnert: »Niemandem geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht verhöhnt werden kann« (2 Kor 6,3). Mitarbeiter der Barmherzigkeit zu sein setzt also voraus, die barmherzige Liebe zu leben, die wir selbst als Erste erfahren haben. Dass könnte gar nicht anders sein. In diesem Zusammenhang kommen mir die Worte in den Sinn, die Paulus am Ende seines Lebens, mittlerweile alt geworden, an Timotheus schreibt, seinen treuen Mitarbeiter, den er als seinen Nachfolger in der Gemeinde von Ephesus lassen wird. Der Apostel dankt Jesus, dem Herrn, dass er ihn in seinen Dienst genommen hat (vgl. 1 Tim1,12). Er bekennt, dass er ein »Lästerer, Verfolger und Frevler« war. Aber, so sagt er, »ich habe Erbarmen gefunden« (1,13). Ich muss euch gestehen, dass ich sehr, sehr oft bei diesem Vers innehalte: »Ich habe Erbarmen gefunden.« Und das tut mir gut, es macht mir Mut. Ich spüre sozusagen die Umarmung des Vaters, die Liebkosungen des Vaters. Dies zu wiederholen, schenkt mir persönlich sehr viel Kraft, weil es die Wahrheit ist. Auch ich kann sagen: »Ich habe Erbarmen gefunden.« Die Gnade des Herrn war in ihm überreich; sie hat gewirkt, so dass er verstand, wie sehr er Sünder war, und ausgehend davon hat sie ihn den Kern des Evangeliums entdecken lassen. Denn er schreibt: »Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut erweisen konnte« (1,15-16).

Am Ende seines Lebens hört der Apostel nicht auf, anzuerkennen, wer er war. Er verbirgt seine Vergangenheit nicht. Er hätte die vielen Erfolge aufzählen können, die vielen Gemeinden nennen können, die er gegründet hatte… Dagegen zieht er es vor, die Erfahrung hervorzuheben, die ihn in seinem Leben am meisten beeindruckt und geprägt hat. Er weist Timotheus auf den Weg hin, den er gehen soll: die Barmherzigkeit Gottes vor allem im eigenen Leben zu erkennen. Sicherlich geht es nicht darum, sich auf der Tatsache auszuruhen, ein Sünder zu sein, als wolle man sich jedes Mal rechtfertigen. Damit macht man die Kraft der Umkehr zunichte. Aber man muss stets neu von diesem unverrückbaren Punkt ausgehen: Gott hat mir Barmherzigkeit erwiesen. Das ist der Schlüssel, um Mitarbeiter Gottes zu werden. Kurz gesagt, die Amtsträger dürfen sich nicht über die anderen stellen, als wären sie Richter über ihre sündigen Brüder und Schwestern. Ein wahrer Missionar der Barmherzigkeit kann sich mit der Erfahrung des Apostels identifizieren: Gott hat mich erwählt, Gott vertraut mir, Gott hat sein Vertrauen in mich gesetzt, indem er mich, obwohl ich ein Sünder bin, berufen hat, sein Mitarbeiter zu sein, um seine Barmherzigkeit real, wirksam und mit Händen greifbar werden zu lassen.

Das ist sozusagen der Ausgangspunkt. Gehen wir weiter. Der heilige Paulus fügt dann den Worten des Propheten Jesaja etwas äußerst Wichtiges hinzu. Wer Mitarbeiter Gottes und Spender seiner Barmherzigkeit ist, muss aufpassen, dass er die Gnade Gottes nicht zunichte macht. Er schreibt: »Wir ermahnen euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt« (2 Kor 6,11). Und das ist die erste Mahnung, die an uns gerichtet wird: das Wirken der Gnade und ihren Vorrang in unserem Leben und im Leben der Menschen zu erkennen.

Ihr wisst, dass mir die Wortschöpfung »primerear « sehr gefällt. Wie die Blüte des Mandelbaumes, so sagt der Herr über sich: »Ich bin wie die Blüte des Mandelbaums. »Primerear.« Der Frühling, »primerear«. Und ich liebe diese Wortschöpfung, weil sie gerade diese Dynamik des ersten Handelns zum Ausdruck bringt, mit dem Gott auf uns zugeht. Das »Primerear« Gottes darf niemals vergessen oder als selbstverständlich betrachtet werden, sonst versteht man die Fülle des Heilsgeheimnisses nicht, das sich mit dem Akt der Versöhnung verwirklicht, den Gott durch das Pascha-Mysterium Jesu Christi vollbringt. Versöhnung ist keine Privatinitiative unsererseits oder die Frucht unserer Anstrengung, wie man oft meint. Wenn dem so wäre, dann würden wir in jene Form des Neo-Pelagianismus verfallen, der dazu tendiert, den Menschen und seine Pläne überzubewerten, und dabei vergisst, dass Gott der Erlöser ist und nicht wir.

Wir müssen immer, aber vor allem in Bezug auf das Sakrament der Versöhnung, unterstreichen, dass die erste Initiative beim Herrn liegt. Er ist es, der uns in der Liebe zuvorkommt, aber nicht im Allgemeinen, sondern in jedem einzelnen Fall. Von Fall zu Fall ergreift er die Initiative, mit jedem Menschen. »Deshalb weiß [die Kirche] voranzugehen«, sie muss es tun, »versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 24). Das Evangelium sagt uns, dass das Fest mit ihnen gefeiert wurde (vgl. Lk 14,21). »Sie empfindet einen unerschöpflichen samkeit seiner Gnade schon erfahren hat. Eine echte Versöhnung wäre nicht möglich, wenn diese nicht von der Gnade einer Begegnung mit Gott ausginge, die der Begegnung mit uns Beichtvätern vorausgeht. Dieser Blick des Glaubens erlaubt es, die Erfahrung der Versöhnung richtig einzuordnen als Ereignis, das seinen Ursprung in Gott, dem Hirten, hat: Sobald er das verlorene Schaf bemerkt, macht er sich so lange auf die Suche nach ihm, bis er es gefunden hat (vgl. Lk 15,4-6).

Unsere Aufgabe – und das ist ein zweiter Schritt – besteht darin, das Handeln der Gnade Gottes nicht zunichte zu machen, sondern es zu unterstützen und zu erlauben, dass sie zur Vollendung gelangt. Zuweilen kann es leider geschehen, dass ein Priester mit seinem Verhalten den Pönitenten fernhält, statt auf ihn zuzugehen. Um zum Beispiel die Gesamtheit des dem Evangelium entsprechenden Ideals zu verteidigen, vernachlässigt man die Schritte, die ein Mensch Tag für Tag geht. Auf diese Weise wird die Gnade Gottes nicht genährt. Die Reue des Sünders anzuerkennen bedeutet, ihn mit offenen Armen zu empfangen, um den Vater aus dem Gleichnis nachzuahmen, der den Sohn empfängt, als dieser nach Hause zurückkehrt (vgl. Lk 15,20). Es bedeutet, ihn nicht einmal ausreden zu lassen.

Das hat mich immer beeindruckt: Der Vater hat ihn nicht einmal ausreden lassen, er hat ihn umarmt. Er hatte sich bereits eine Rede zurechtgelegt, aber [der Vater] hat ihn umarmt. Es bedeutet, ihn nicht einmal die Worte zu Ende reden zu lassen, die er sich zurechtgelegt hatte, um sich zu entschuldigen (vgl. V. 22), weil der Beichtvater bereits alles verstanden hat, gestützt auf die Erfahrung, dass er selbst auch ein Sünder ist. Es ist nicht nötig, denjenigen Scham empfinden zu lassen, der bereits seine Sünde erkannt hat und weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Es ist nicht notwendig nachzuforschen… Jene Beichtväter, die Fragen über Fragen stellen, zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Minuten lang… »Und wie ist das vor sich gegangen? Und wie?…« Es ist nicht notwendig, dort nachzuforschen, wo die Gnade des Vaters bereits eingegriffen hat. Es ist nicht erlaubt, den heiligen Raum eines Menschen in seiner Beziehung zu Gott anzutasten.

Ein Beispiel der Römischen Kurie: Wir reden so schlecht von der Römischen Kurie, aber hier drinnen gibt es Heilige. Ein Kardinal, Präfekt einer Kongregation, hat die Angewohnheit, zwei-, dreimal in der Woche in der Kirche Santo Spirito in Sassia Beichte zu hören – er hat seine festen Zeiten –, und eines Tages erklärte er: »Wenn ich bemerke, das jemand Mühe hat, etwas zu sagen, und ich habe bereits verstanden, worum es geht, dann sage ich: ›Ich habe verstanden. Fahren Sie fort.‹« Und jene Person »atmet auf«. Das ist ein schöner Rat. Wenn man weiß, um was es geht: »Ich habe verstanden, fahren Sie fort.«

Hier erhält das schöne Wort des Propheten Jesaja seine volle Bedeutung: »Zur Zeit der Gnade habe ich dich erhört, am Tag des Heils habe ich dir geholfen« (49,8). Der Herr antwortet immer auf die Stimme dessen, der mit aufrichtigem Herzen zu ihm ruft. Wer sich im Stich gelassen und einsam fühlt, kann erfahren, dass Gott auf ihn zugeht. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt: »Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen…« (Lk 15,20). Er fiel ihm um den Hals. Gott wartet nicht müßig auf den Sünder: Er läuft auf ihn zu, weil die Freude zu sehen, dass er zurückkehrt, übergroß ist, und Gott hat diese Leidenschaft, sich zu freuen, sich zu freuen, wenn er den Sünder kommen sieht. Es scheint fast, als hätte Gott selbst ein »unruhiges Herz«, bis er den Sohn gefunden hat, der verloren war. Wenn wir den Pönitenten empfangen, ist es notwendig, dass wir ihm in die Augen sehen und ihm zuhören, damit er die Liebe Gottes wahrnehmen kann, der trotz allem vergibt, ihn mit dem Festgewand bekleidet und ihm einen Ring an seine Hand steckt, Zeichen der Zugehörigkeit zu seiner Familie (vgl. V. 22).

Der Text des Propheten Jesaja hilft uns, im Geheimnis der Versöhnung einen weiteren Schritt voranzugehen, dort, wo er sagt: »Denn der sich ihrer erbarmt, leitet sie und führt sie zu sprudelnden Quellen« (49,10). Die Barmherzigkeit, die das Zuhören erfordert, erlaubt es dann, die Schritte des versöhnten Sünders zu lenken. Gott befreit von der Furcht, von der Angst, von der Scham, von der Gewalt. Die Vergebung ist wirklich eine Form der Befreiung, um die Freude und den Sinn des Lebens wiederherzustellen. Dem Hilfeschrei des Armen entspricht der laute Ruf des Herrn, der den Gefangen Befreiung verheißt und zu den Menschen, die im Dunkel sind, sagt: »Kommt heraus!« (49,9). Eine Aufforderung, den Zustand der Sünde zu verlassen, um wieder das Gewand eines Kindes Gottes anzuziehen. Das heißt: Die Barmherzigkeit stellt durch ihr befreiendes Wirken die Würde wieder her. Der Pönitent soll wegen der begangenen Sünde nicht im Selbstmitleid verweilen; und der Priester soll keine Schuldgefühle in ihm hervorrufen wegen etwas Bösem, das er bereut. Er soll ihn vielmehr ermutigen, mit neuen Augen in die Zukunft zu blicken, indem er ihn »zu sprudelnden Quellen führt« (vgl. 49,10). Das bedeutet, dass Vergebung und Barmherzigkeit ermöglichen, wieder neu mit Vertrauen und Einsatz auf das Leben zu blicken. Man könnte auch sagen, dass die Barmherzigkeit für die Hoffnung offen sein lässt, dass sie Hoffnung weckt und von Hoffnung gespeist wird. Hoffnung ist realistisch, sie ist konkret. Der Beichtvater ist auch barmherzig, wenn er sagt: »Weiter, geh voran, geh!« Er gibt ihm Hoffnung. »Und wenn etwas passiert?« – »Dann komm wieder. Das ist kein Problem. Der Herr erwartet dich immer. Schäme dich nicht, wieder zu kommen, denn der Weg ist voller Steine und Bananenschalen, die dich ausrutschen lassen.«

Der heilige Ignatius von Loyola – erlaubt mir, dass ich ein wenig Reklame für die eigene Familie mache – lehrt in diesem Zusammenhang etwas Wichtiges, weil er von der Fähigkeit spricht, den Trost Gottes spüren zu lassen. Da ist nicht nur Vergebung und Frieden, sondern auch der Trost. Er schreibt: »Die innere Tröstung, die jegliche Verwirrung aus der Seele hinaustreibt und sie mächtig zur Liebe Gottes hinzieht; einige erleuchtet er mit solcher Tröstung, anderen enthüllt er viele Geheimnisse usw. Mit dieser göttlichen Tröstung gibt es sich schließlich, daß alle Mühe eine Freude und alle Ermüdung Ruhe wird. Wer mit diesem Eifer, dieser Glut und innerlichen Tröstung seinen Weg dahineilt, für den ist keine Last so groß, daß sie ihm nicht leicht dünkte und keine Buße, noch ein anderes hartes Werk so schwer, daß es ihm nicht sehr süß wäre. Diese (Tröstung) zeigt und bahnt den Weg dorthin, wohin wir streben sollen und dessen Gegenrichtung wir fliehen müssen.« Ich wiederhole: Diese (Tröstung) zeigt Weg dorthin, wohin wir streben sollen und dessen Gegenrichtung wir fliehen müssen. Man muss lernen, in der Tröstung zu leben. Ignatius fährt fort: »So eine Tröstung ist nicht allezeit in uns, sondern kommt und geht nach bestimmten, von Gott festgesetzten Gezeiten: all dies zu unserem Fortschritt« (Brief an Schwester Teresa Rejadell, 18. Juni 1536: Epistolario 99-107; dt. in: Hugo Rahner, Ignatius von Loyola und sein geistlicher Briefwechsel mit Frauen (Teil II), in: Geist und Leben 24 (1951), Heft 4 Juli/August [257-274]). Es ist gut, daran zu denken, dass gerade das Sakrament der Versöhnung ein günstiger Moment sein kann, um die innere Tröstung, die den Weg des Christen beseelt, wahrzunehmen und wachsen zu lassen. Und ich möchte noch Folgendes sagen: Mit unserer »Spiritualität des Sich-Beklagens« laufen wir Gefahr, den Sinn für die Tröstung zu verlieren. Auch diesen Sauerstoff zu verlieren, der im Trost zu leben bedeutet. Manchmal ist sie stark, aber es gibt immer eine minimale Tröstung, die allen gegeben ist: der Friede. Der Friede ist der erste Grad der Tröstung. Man darf ihn nicht verlieren. Denn er ist der reine Sauerstoff, ohne Smog, unserer Beziehung zu Gott. Der Trost. Vom höchsten bis zum kleinsten, der der Friede ist.

Ich komme auf die Worte Jesajas zurück. Dort finden wir dann die Empfindungen Jerusalems, das sich verlassen und von Gott vergessen fühlt: »Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht« (49,14-15). Einerseits scheint der an den Herrn gerichtete Vorwurf, dass er Jerusalem und sein Volk verlassen habe, seltsam. Sehr viel häufiger liest man bei den Propheten, dass es das Volk ist, das den Herrn verlassen hat. Jeremia ist da sehr klar, wenn er sagt: »Denn mein Volk hat doppeltes Unrecht verübt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten« (2,13). Sünde ist, den Herrn zu verlassen, ihm den Rücken zuzukehren, um nur noch auf sich selbst zu blicken. Ein dramatisches Vertrauen in sich selbst, das nach allen Seiten Risse hat und nicht in der Lage ist, dem Leben Stabilität und Konsistenz zu geben. Wir wissen, dass dies die tägliche Erfahrung ist, die wir persönlich erleben. Und doch gibt es Momente, in denen man wirklich das Schweigen Gottes und das Von-Gott-verlassen-Sein spürt. Nicht nur in den großen dunklen Stunden der Menschheit in jeder Epoche, die in vielen die Frage nach der Gottverlassenheit aufsteigen lassen. Ich denke jetzt zum Beispiel an das heutige Syrien. Es geschieht, dass man – und sogar die Heiligen – auch in den persönlichen Geschehnissen die Erfahrung der Gottverlassenheit machen kann.

Was für eine traurige Erfahrung ist das Verlassensein! Es hat verschiedene Stufen, bis hin zur endgültigen Trennung durch den Eintritt des Todes. Sich verlassen zu fühlen führt zu Enttäuschung, Traurigkeit, zuweilen zur Verzweiflung und zu verschiedenen Formen der Depression, an denen heute so viele leiden. Und doch ist jede Form des Verlassenwerdens, so paradox das auch scheinen mag, in die Erfahrung der Liebe eingefügt. Wenn man liebt und die Erfahrung des Verlassenwerdens macht, dann wird diese Prüfung dramatisch und das Leid trägt Züge unmenschlicher Gewalt. Wenn es nicht in die Liebe eingefügt ist, dann ist das Verlassenwerden ohne Sinn und tragisch, weil es keine Hoffnung findet.

Daher ist es notwendig, diese Worte des Propheten über das Verlassenwerden Jerusalems von Seiten Gottes in das Licht von Golgota zu stellen. Der Schrei Jesu am Kreuz: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34) verleiht dem Abgrund des Verlassenseins eine Stimme. Aber der Vater antwortet ihm nicht. Die Worte des Gekreuzigten scheinen im Leeren zu verhallen, weil dieses Schweigen des Vaters gegenüber dem Sohn der zu zahlende Preis ist, damit niemand sich jemals von Gott verlassen fühlt. Gott, der die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab (vgl. Joh 3,16), ja dass er ihn am Kreuz verlassen hat, wird niemals jemanden verlassen können: seine Liebe wird immer da sein, nahe, größer und treuer als alles Verlassensein.

Nachdem Jesaja betont hat, dass Gott sein Volk nicht vergessen wird, schließt er mit den Worten: »Siehe her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände« (49,16). Unglaublich: Gott hat meinen Namen in seine Hände »tätowiert«. Das ist wie ein Siegel, das mir Gewissheit schenkt, mit dem er verspricht, dass er sich nie von mir entfernen wird. Er hat mich immer vor Augen. Jedes Mal, wenn Gott auf seine Hand blickt, erinnert er sich an mich, weil er meinen Namen dort eingezeichnet trägt! Und vergessen wir nicht, dass Jerusalem wirklich zerstört war, als der Prophet dies schrieb. Der Tempel existiert nicht mehr, das Volk ist im Exil versklavt. Und doch sagt der Herr: »Deine Mauern sind beständig vor mir« (ebd.). In der Hand Gottes sind die Mauern Jerusalems fest wie eine uneinnehmbare Festung.

Das Bild trifft auch für uns zu: Während das Leben in der Täuschung der Sünde zerstört wird, hält Gott sein Heil aufrecht und kommt uns mit seiner Hilfe entgegen. In seiner väterlichen Hand finde ich mein Leben wieder: erneuert, auf die Zukunft ausgerichtet, erfüllt von Liebe, die nur er verwirklichen kann. Dabei kommt mir das Buch der Liebe, das Hohelied, in den Sinn, wo wir einen ähnlichen Gedanken wie den des Propheten finden: »Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm« (8,6). Wie wir wissen, besteht die Funktion des Siegels darin zu verhindern, dass etwas Intimes entweiht wird. In der antiken Kultur wurde es als Bild verwendet, um darauf hinzuweisen, dass die Liebe zwischen zwei Personen so felsenfest und dauerhaft war, dass sie über den Tod hinaus fortbestand. Kontinuität und Beständigkeit liegen dem Bild des Siegels zugrunde, das Gott sich eingeprägt hat, um zu verhindern, dass jemand meinen könnte, er wäre von ihm verlassen: »Ich vergesse dich nicht« (Jes 49,15). Siegel. Tätowierung.

Und ich komme zum Schluss. Diese für die Liebe charakteristische Gewissheit ist es, die wir in denjenigen unterstützen müssen, die zur Beichte kommen, um ihnen die Kraft zu geben, glauben und hoffen zu können. Die Fähigkeit zum Neuanfang trotz allem, weil Gott sie jedes Mal bei der Hand nimmt und dazu drängt, nach vorne zu schauen. Die Barmherzigkeit nimmt an der Hand und flößt die Gewissheit ein, dass die Liebe, mit der Gott liebt, jede Form der Einsamkeit und des Verlassenseins besiegt. Die Missionare der Barmherzigkeit sind aufgerufen, Sprachrohr und Zeugen dieser Erfahrung zu sein, die in eine Gemeinschaft, die immer alle ohne Unterschied aufnimmt, integriert; die jeden unterstützt, der bedürftig und in Schwierigkeiten ist; die die Gemeinschaft als Quelle des Lebens erlebt.

In den vergangenen Wochen hat mich ein Tagesgebet der Fastenzeit (Mittwoch der 4. Woche) sehr beeindruckt, das diese Gedanken gewissermaßen zusammenfasst. Ich möchte es mit euch teilen, damit es unser Gebet und unser Lebensstil werden kann: »Gütiger Gott, du schenkst den Gerechten ihren Lohn und verzeihst den Sündern ihre Schuld um der Buße willen. Wir bekennen dir unser Versagen; hab Erbarmen mit unserer Schwachheit und vergib uns, was wir gefehlt haben. Darum bitten wir durch Jesus Christus. Amen.«

Und ich möchte mit zwei Anekdoten von zwei großen Beichtvätern schließen, beide aus Buenos Aires. Einer, ein Sakramentiner, der in seiner Kongregation eine wichtige Arbeit geleistet hat. Er war Provinzial, aber er fand immer Zeit, im Beichtstuhl zu sein. Ich weiß nicht, wie viele es waren, aber die Mehrzahl des Klerus von Buenos Aires ging bei ihm beichten. Auch als der heilige Johannes Paul II. in Buenos Aires war und nach einem Beichtvater gefragt hat, hat die Nuntiatur ihn gerufen. Er war ein Mann, der den Mut gab weiterzugehen. Ich habe diese Erfahrung gemacht, weil ich in der Zeit, als ich Provinzial war, zu ihm beichten ging, um es nicht bei meinem geistlichen Leiter, einem Mitbruder, zu tun… Wenn er anfing, sagte er: »Gut, gut, das ist gut.« Und er ermutigte dich: »Geh, geh voran!« Wie gütig er doch war. Er ist mit 94 Jahren gestorben und hat bis ein Jahr vor seinem Tod Beichte gehört, und wenn er nicht im Beichtstuhl war, dann klingelte man, und er kam herunter.

Und eines Tages, ich war Generalvikar und ging aus meinem Zimmer dorthin, wo das Faxgerät war. Das tat ich immer am frühen Morgen, um die wichtigen Nachrichten zu sehen. Es war Ostersonntag und da war ein Fax: »Gestern, eine halbe Stunde vor der Eucharistiefeier in der Osternacht, ist P. Aristi verstorben«, so hieß er… Ich bin zum Mittagessen in das Altenheim der Priester gegangen, um an Ostern bei ihnen zu sein, und auf dem Rückweg nach Hause bin ich in die Kirche gegangen, die mitten in der Stadt lag und wo die Totenwache gehalten wurde. Da waren der Sarg und zwei alte Mütterchen, die den Rosenkranz beteten. Ich bin nähergekommen, und da war keine einzige Blume, nichts. Ich dachte bei mir: Aber das ist der Beichtvater von uns allen! Das hat mich getroffen. Ich habe gespürt, wie schrecklich der Tod ist. Ich bin hinausgegangen, zweihundert Meter weiter, wo es einen Blumenstand gab, wie man ihn auf den Straßen findet. Ich habe einige Blumen gekauft und bin zurückgegangen. Und während ich die Blumen dort neben den Sarg legte, habe ich gesehen, dass er den Rosenkranz in den Händen hatte… Das siebte Gebot lautet: »Du sollst nicht stehlen!« Der Rosenkranz blieb dort, aber während ich so tat, als würde ich die Blumen ordnen, habe ich so gemacht und das Kreuz genommen. Und die alten Frauen haben geschaut, diese Mütterchen. Seit jenem Augenblick trage ich dieses Kreuz bei mir und bitte ihn um die Gnade, barmherzig zu sein. Ich trage es immer bei mir. Das wird so um das Jahr 1996 gewesen sein. Ich bitte ihn um diese Gnade. Die Zeugnisse dieser Männer sind großartig. Dann der zweite Fall. Er lebt, er ist 92 Jahre alt. Es ist ein Kapuziner, bei dem die verschiedensten Pönitenten Schlange stehen, Arme, Reiche, Laien, Priester, einige Bischöfe, Ordensschwestern… alle. Es hört nie auf. Er ist ein großer »Sündenvergeber«, aber nicht mit falscher Nachsicht, ein großer Vergeber, ein großer Barmherziger. Und ich wusste das, ich kannte ihn, zwei Mal bin ich zum Heiligtum von Pompeji gegangen, wo er in Buenos Aires Beichte hörte, und habe ihn begrüßt. Jetzt ist er 92 Jahre alt.

Zu jener Zeit, als er zu mir kam, wird er so um die 85 gewesen sein. Und er hat mir gesagt: »Ich möchte mit dir sprechen, weil ich ein Problem habe. Ich habe einen großen Skrupel: Manchmal geschieht es, dass ich zu viel vergebe. « Und er erklärte mir: »Ich darf einem Menschen nicht vergeben, der kommt, um Vergebung zu erbitten, und sagt, dass er sich ändern möchte, dass er alles tun wird, aber dass er nicht weiß, ob er es schafft… Und doch vergebe ich! Und manchmal kommt mir eine Angst, ein Skrupel… « Ich habe ihm gesagt: »Was tust du, wenn dir dieser Skrupel kommt?« Er hat mir Folgendes geantwortet: »Ich gehe in die Kapelle, in die Hauskapelle des Klosters, vor den Tabernakel und bitte den Herrn aufrichtig um Entschuldigung: ›Herr, verzeih mir! Heute habe ich zu viel vergeben. Verzeih mir… Aber denk daran, dass du es warst, der mir das schlechte Beispiel gegeben hat!‹« So betete jener Mann.

 


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