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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE VEREINIGUNG DER TRÄGER DES ITALIENISCHEN ARBEITSVERDIENSTSTERNS

Audienzhalle
Freitag, 15. Juni 2018

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Liebe Brüder und Schwestern!

Guten Tag und willkommen! Ich freue mich, aus Anlass Ihres Nationalkongresses mit Ihnen zusammenzutreffen. Dieser Kongress ist eine kostbare Gelegenheit der Reflexion und des Austauschs über Themen, die für unsere Gesellschaft und unsere Welt von grundlegender Bedeutung sind. Sie haben als »Maestri del Lavoro d’Italia« [Titel der Träger des italienischen Arbeitsverdienststerns] auf unterschiedliche Weise einen wichtigen Beitrag zur Schaffung eines inklusiveren und würdevolleren sozialen Kontexts für alle geleistet. In dieser Hinsicht ist Ihre Vereinigung ein vorbildliches Beispiel für Engagement und Dienst am Gemeinwohl. Angesichts der feierlichen öffentlichen Anerkennung, die jedem Mitglied der Vereinigung zuteil geworden ist, trägt diese darüber hinaus die Bürde einer höheren Verantwortung und ist zu einem kontinuierlichen und unermüdlichen Einsatz verpflichtet.

Seit der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. hat die kirchliche Soziallehre die Arbeit in den Mittelpunkt der gesellschaftsbezogenen Fragen gestellt. Die Arbeit im Mittelpunkt: Denn die Arbeit steht im Mittelpunkt der Berufung, die Gott dem Menschen gegeben hat, der sein schöpferisches Wirken fortsetzen und durch seine freie Initiative und seiner Urteilsfähigkeit entsprechend eine Herrschaft über die anderen Geschöpfe ausüben soll, die nicht zu tyrannischer Versklavung, sondern zu Eintracht und Respekt führen soll. Wir sind aufgerufen, die Schönheit dieses göttlichen Planes zu betrachten, der auf die Eintracht gegründet ist, und zwar auf die Eintracht unter den Menschen und den Einklang mit den anderen Lebewesen und der Natur. Zugleich blicken wir voller Sorge auf die aktuelle Situation der Menschheit und der Schöpfung, die tief gezeichnet sind von Sünde, Feindschaft, Egoismus und blinder Selbstverherrlichung. Wie viele Menschen bleiben weiterhin ausgeschlossen vom wirtschaftlichen Fortschritt! Wie viele unserer Brüder und Schwestern leiden, weil sie von Gewalt und Krieg oder der Schädigung der Umwelt erdrückt werden. Wie viele werden unterdrückt durch die Ausgrenzung, in die sie verbannt werden, und leiden aufgrund fehlender Zukunftsperspektiven und daher fehlender Hoffnung!

Die Schutzlosigkeit und das Leid, von der so viele Menschen betroffen sind, dürfen uns niemals passiv oder gleichgültig lassen. Vielmehr müssen wir immer mehr fähig werden, sie im Antlitz unserer Brüder und Schwestern zu erkennen, um Linderung für sie zu suchen. Wir müssen uns stärker bemühen, denjenigen, die die lebensnotwendigeHoffnung verloren haben, neue Hoffnung zu geben, denn in gewisser Weise ist sie das erste und grundlegendste Menschenrecht, vor allem der jungen Menschen. Das Recht auf Hoffnung, jene Hoffnung, die heute für so viele Menschen ausgelöscht wird… Das erste Menschenrecht: das Recht auf Hoffnung.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geht immer von der eigenen Aktivität und Initiative aus, das heißt von der eigenen Arbeit, und nie allein von den materiellen Mitteln, über die man verfügt. Denn es gibt keine wirtschaftliche Sicherheit und auch keine Form der Wohlfahrtspolitik, die ein erfülltes Leben und Selbstverwirklichung gewährleisten könnten. Man kann nicht glücklich sein ohne die Möglichkeit, seinen eigenen Beitrag zum Aufbau des Gemeinwohls anzubieten, mag dieser nun groß oder klein sein. Jeder Mensch kann seinen Beitrag leisten – er muss es sogar! –, so dass er nicht passiv bleibt oder sich gegenüber dem gesellschaftlichen Leben als Außenstehender empfindet.

Eine Gesellschaft, die nicht auf die Arbeit gegründet ist, diese nicht konkret fördert und sich wenig um die von ihr Ausgeschlossenen sorgt, würde sich daher zur Verkümmerung und zur Vervielfachung der Ungleichheiten verurteilen. Im Gegensatz dazu wird eine Gesellschaft, die sich im Geist der Subsidiarität bemüht, das Potential jeder Frau und jedes Mannes jedweder Herkunft und jedweden Alters zur Entfaltung zu bringen, wirklich mit allen Kräften voll wirksam sein und die größten Hindernisse überwinden können, indem sie aus einem beinahe unbegrenzten Humankapital schöpft und jeden dazu befähigt, dem Plan Gottes gemäß Baumeister seines eigenen Schicksal zu sein. Baumeister sein: dieser »handwerkliche« Aspekt der Entfaltung des eigenen Lebens, diese persönliche Dimension der Arbeit.

In den Diskussionen dieser Tagung haben Sie das Thema der Arbeit in Beziehung gesetzt zu dem überreichen natürlichen, künstlerischen und kulturellen Erbe Italiens, das für das Land das kostbarste gemeinsame Gut darstellt. Denn die Schätze der Vergangenheit leben in der Zeit fort dank der Sorge jener, denen sie anvertraut sind, und das unvergleichliche Kunst- und Kulturerbe Italiens stellt ein einzigartiges Potential dar, das durch eine umsichtige Politik und langfristige Strategien genutzt werden muss. Auch Ihnen, den Trägern des Arbeitsverdienststerns, kommt die moralische und zivile Pflicht zu, die Kultur des »Bel Paese « (vgl. Petrarca, Canzoniere, CXLVI, V. 13) zu verbreiten, zu unterstützen und zu vermehren.

Bei der Verfolgung dieses Ziels stellt sich die moralische Frage als vorrangig dar. Sie steht zu Recht im Mittelpunkt des Lebens der Stiftung, die von den Werten der »Korrektheit, Verantwortlichkeit und Transparenz« (Ethischer Kodex, Art. 1) inspiriert ist und sich vornimmt, diese Prinzipien im gesamten sozialen Kontext, vor allem im Bereich der Arbeit, zu leben, zu bezeugen und zu verbreiten. Die Arbeit in ethischer Hinsicht zu erneuern bedeutet in der Tat, die gesamte Gesellschaft zu erneuern, indem man Betrug und Lüge verbannt, die den Markt, das gesellschaftliche Zusammenleben und das Leben der Menschen, vor allem der Schwächsten, vergiften.

Um dies tun zu können, das heißt um die menschlichen Werte und die Werte des Evangeliums in jedem Kontext und unter allen Umständen zu bezeugen, ist das Streben nach Kohärenz im eigenen Leben notwendig. Kohärenz im Leben und Harmonie im eigenen Leben. Es ist notwendig, die Totalität des eigenen Lebens »als Sendung « (vgl. Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 23) zu verstehen: eine harmonische Sendung. Nur mit diesem Geist der Hingabe, nur wenn die Liebe zu den Brüdern und Schwestern im Inneren brennt wie ein »geistlicher Brennstoff« – der im Gegensatz zu den fossilen Brennstoffen niemals versiegt, sondern sich durch den Gebrauch vermehrt – wird unser Zeugnis wirklich wirksam und in der Lage sein, durch die Liebe diese unsere ganze Welt zu entflammen. »Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!« (Lk 12,49), sagt Jesus zu seinen Jüngern. Heute ist uns diese Flamme anvertraut, uns ist der Geist des Herrn gegeben, der Geist der Kraft, des Wirkens, der Heiligkeit und der Barmherzigkeit: »Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade« (2 Kor 6,2).

Auf diesem mühsamen, aber begeisternden Weg mögen uns die Seligpreisungen Jesu im Evangelium leiten (vgl. Mt 5,3-11; Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 67-94): sie mögen uns dazu führen, stets mit Liebe auf Jesus selbst zu blicken, der sie in seiner Person verkörpert; sie mögen uns zeigen, dass Heiligkeit nicht nur den Geist betrifft, sondern auch die Füße, um zu den Brüdern und Schwestern zu gehen, und auch die Hände, um mit ihnen zu teilen. Sie mögen uns und unsere Welt lehren, denen, die ihre Heimat verlassen, weil sie nach Brot und Gerechtigkeit hungern, nicht zu misstrauen oder sie den Wellen ausgeliefert zu lassen. Sie mögen uns dazu führen, nicht vom Überfluss zu leben, sondern uns für die Förderung aller einzusetzen, uns voller Mitleid zu den Schwächsten hinabzubeugen. Ohne die bequeme Illusion, dass es vom reichen Tisch einiger Weniger automatisch Wohlstand für alle »regnen« kann. Das ist nicht wahr! Ich wünsche Ihnen einen ertragreichen gemeinschaftlichen Weg und vor allem gute Arbeit! Ich bitte Sie, auch für mich zu beten, und rufe auf Sie und Ihre Angehörigen den Segen Gottes herab. Danke!

 



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